Wohin gehen die Toten?

Oft werde ich gefragt, wo sich unsere Liebsten aufhalten, nachdem sie gestorben sind. Doch im Unterschied zu anderen Kulturen ist die Antwort bei uns, im aufgeklärten Europa, immer wieder etwas unbefriedigend.

Nicht aus dem Grund, weil die Theologen es etwa nicht wüssten, sondern, weil man sich heutzutage unter den häufig verwendeten Begriffen nichts mehr vorstellen kann: Denn, wenn es heisst, die Verstorbenen seien im «Totenreich», im «Himmel», in der «Hölle» oder in «Paradies» – wer kann damit heute etwas anfangen? Der Blick in die Bibel hilft auch nicht weiter. Denn im Unterschied zu anderen religiösen Büchern, findet man in der Bibel nur sehr wenig Informationen über diese Bereiche, die für eine Religion eigentlich fundamental sein müssten. Hier ist das Bardo Thödröl, das sog. «Tibetische Totenbuch», deutlich hilfreicher und sogar in der antiken Philosophie finden wir bessere Beschreibungen des Jenseits, wie beispielsweise im zehnten Buch der Politeia von Platon (X.13–16), wo ausführlich die Nahtoderfahrung eines armenischen Soldaten beschrieben wird und wo wir nach der Lektüre das Gefühl haben, nun haben wir das Jenseits mit eigenen Augen gesehen. 

Im Neuen Testament findet man eine ähnliche Schilderung eigentlich nur bei Lukas im Gleichnis «Vom reichen Mann und armen Lazarus» (Lk 16,19–31), wo es dem reichen Mann im Unterschied zu Lazarus in der Unterwelt nicht so gut geht und wo wir erfahren, dass es in der Unterwelt verschiedene Bereiche gäbe, die durch einen «unüberwindlichen Abgrund» getrennt seien (Lk 16,26).

Das Neue Testament zeigt also erstaunlich wenig Interesse am Jenseits und eignet sich definitiv nicht als ‹Reiseführer›. Dies liegt meines Erachtens daran, dass es Richtung Leben ausgerichtet ist. Den Tod gibt  es hier nicht mehr, wie es Paulus im 2. Korintherbrief schreibt: «Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?» (2Kor 15,55). Unsere Verstorbenen leben also weiter, wir sehen sie nur nicht, sie sind aber in Christus für immer mit uns. Deswegen spricht die Kirche später im Apostolischen Glaubensbekenntnis über die «Gemeinschaft der Heiligen» (communio sanctorum), um zu betonen, dass wir als Kirche eine Gemeinde der Lebenden sind und zwar ungeachtet dessen, auf welcher Seite dieser Welt wir uns gerade befinden. Die christliche Antwort auf die Frage «Wohin die Toten gehen?» lautet also: Nirgendwohin, denn den Tod gibt es nicht.