Die magische Tür

Jede Tür hat etwas Magisches an sich, vor allem, wenn man nicht weiss, was sich hinter dieser Tür befindet.

Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass eine «verbotene Tür» ein verbreitetes Märchenmotiv ist, wie im Märchen Marienkind der Brüder Grimm. Denn eine verschlossene Tür hütet immer ein Geheimnis und eine offene Tür lädt uns ein, eine andere Welt zu betreten, sei es nur die ‹Stuben-› oder ‹Küchenwelt›. Und auch in der Bibel spielt die Tür eine wichtige Rolle: Beim Auszug aus Ägypten schützt das Blut auf dem Türsturz und den beiden Türpfosten die Israeliten vor dem Tod (Ex 12,23), die «Mesusa», eine Schriftkapsel am Türpfosten, hütet bis heute im Judentum die Türe (vgl. Dtn 6,9), und in einer der bekanntesten Geschichte des Alten Testaments öffnet sich in Bet-El dem träumenden Jakob im Buch Genesis das «Tor des Himmels» und er sieht eine Treppe, die Erde und Himmel verbindet und voll vom regen ‹Engel-Verkehr› ist (Gen 28,10–22).

Der Palmsonntag, den wir dieses Jahr am 29. März feiern, stellt auch eine solche Tür dar: Umrahmt von Palmzweigen öffnet er uns das Tor zur Karwoche und lädt uns ein, am Leben, Tod und der Auferstehung Christi teilzunehmen. Deswegen wird am Palmsonntag oft auch schon die ganze Passionsgeschichte gelesen und die liturgische Farbe ist Rot. Doch wie treten wir ein? Die Antwort findet man im Johannesevangelium, wo Jesus am Anfang seines Wirkens die bekannte Geschichte von Jakob in Bet-El aufgreift und zu seinen ersten Jüngern sagt:

Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschen- sohn. (Joh 1,51)

Dies bedeutet nichts anderes, als dass uns der Himmel offen steht und die Treppe, die dorthin führt, sich nun nicht mehr in Bet-El oder in Jerusalem befindet, sondern in unserem Innersten, wie es auch später der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief andeutet:

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? (1Kor 3,16)

Wir sind das «Bet-El» (hebräisch «Haus Gottes») und das Tor zum Himmel ist in unserem Herzen. Und der Schlüssel, der diese Tür öffnet, ist der Glaube. Denn der Glaube entscheidet darüber, ob ich nur eine normale Tür passiere und den Alltag erlebe, oder eine ‹magische› Tür, die mir eine ganz neue Welt öffnet.