Der kanadische Literaturwissenschaftler Northrop Frye (1912–1991) teilt in seinem bekannten Buch Anatomy of Criticism (1957) die gesamte Literatur in vier archetypische Gattungen (mythoi) auf, die den vier Jahreszeiten entsprechen: dem Mythos des Frühlings (Komödie), dem Mythos des Sommers (‹Romance›), dem Mythos des Herbsts (Tragödie) und dem Mythos des Winters (Satire).
Sein Buch war so einflussreich, dass es sogar von Historikern wie Hayden White aufgenommen wurde, der in seinem Buch Metahistory (1973) zeigt, dass auch die Geschichtsschreibung bzw. unsere Wahrnehmung der Geschichte sich in diese vier Archetypen aufteilen lässt. Denn die Geschichte, die wir erlebt haben und erleben, ist keine Tabelle von blossen Daten und Orten. Die Geschichte muss erzählt werden, und sie ist für uns entweder ‹heldenhaft› oder ‹tragisch› verlaufen. Die Erzählungen der Bibel sind hier keine Ausnahme und die Geschichte Jesu entspricht dem Mythos des Sommers, der ‹Romance› (hier gibt es keinen entsprechenden Ausdruck im Deutschen), also dem Mythos der unsterblichen Helden, Halbgötter und Götter der alten Sagen. Typische Elemente dieses Mythos sind das Abenteuer, die Suche (Quest) und eine dreiteilige Struktur, die sich auch im Sterben, Verschwinden und in der Wiedererweckung zum Leben des mythischen Helden widerspiegelt. Ein typisches Beispiel für diese Gattung sind in der europäischen Literatur unter anderem etwa die Ritterromane. Da sich das Leben Jesu und die Erzählungen der Evangelien auch im Kreislauf unseres Kirchenjahres widerspiegeln, ist es meines Erachtens kein Zufall, dass die längste Zeit im Kirchenjahr der Sommer ist, bzw. die Trinitatiszeit, die am Dreifaltigkeitssonntag, den 31. Mai, begonnen hat, und liturgisch durch die grüne Farbe gekennzeichnet ist. Und so schliessen wir uns in den Bibeltexten, die wir in dieser Zeit in unseren Gottesdiensten lesen werden, den Abenteuern des Helden und seiner Mission, um zusammen mit ihm die Welt zu retten. Denn dazu hat er uns am Ende des Evangeliums, das wir in diesem Jahr lesen, selbst berufen, als er gesagt hat:
Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt 28,18–20)

