Auferstehung des Herrn (Lk 24,1–12)

Der Herr ist wahrhaft auferstanden! (Lk 24,34)

Die kurze Erzählung aus dem Lukasevangelium, die wir heute als Osterevangelium gelesen haben, trägt in der Einheitsübersetzung eine etwas längere aber genaue Überschrift, nämlich: «Die Frauen und Petrus am leeren Grab». Die Zürcher Bibel ist hier dagegen ganz nüchtern und nennt diesen Abschnitt einfach nur «Das leere Grab». Die Lutherbibel ist dann wiederum ganz mutig und betitelt diese kurze Episode «Jesu Auferstehung». Ich sage absichtlich «ganz mutig», denn viel haben wir hier nicht in der Hand: Frauen, die den Verstorbenen salben wollen, ihn aber nicht finden; ein leeres Grab, wo sich offensichtlich jetzt zwei fremde Männer aufhalten; skeptische Jünger, die das alles für ein Geschwätz halten; und den sich wundernden Petrus, der wahrscheinlich vor allem sein Gewissen beruhigen will, weil er seinen Meister verleugnet hat. Was in dieser Erzählung eindeutig fehlt, ist der Hauptdarsteller – der Auferstandene. Wäre es ein Artikel in der Zeitung, wäre es bestimmt keine ‹gute Nachricht›, sondern eher ein Armutszeugnis der Berichtserstattung. Man könnte sich also berechtigterweise fragen, was diese Erzählung in der Bibel überhaupt will. Und doch hat der erste christliche Historiker Lukas entschieden, diese Geschichte in sein Buch aufzunehmen, und heute wird sie in vielen Kirchen auf der ganzen Welt mit Ehrfurcht gelesen. Versuchen wir also diesem Rätsel ein bisschen auf die Spur zu kommen.

Was diese Erzählung vor allem ausstrahlt, ist eine Leere. Im Zentrum steht das leere Grab und strahlt diese Leere aus wie eine Sonne. Und jeder der dieser Sonne zu nahe kommt, wird von ihren Strahlen ergriffen. Das Gefühl der Frauen lässt sich nur schwer beschreiben: Sie suchen etwas, was es nicht gibt. Man könnte es vielleicht damit vergleichen: Es ist, als ob man aus dem Urlaub zurück käme, die Haustür öffnen würde, und feststellt, dass das ganze Haus (oder die ganze Wohnung) leer ist. Nicht eine Sache oder zwei sind weg, sondern alles. Man ist zuerst einfach erschrocken und will nicht den eigenen Augen glauben. Und in unserem Fall ist es noch schlimmer: Denn es fehlen nicht einfach Sachen, sondern ein Mensch! Nicht auffindbar, einfach weg. Ein Mensch, von dem man glaubte, er sei ein Prophet, ein König, ein Wundertäter und vieles mehr; der, dem hunderte und vielleicht tausende Jünger bis nach Jerusalem gefolgt sind und ihn am Palmsonntag bejubelt haben, ist spurlos verschwunden – beziehungsweise sein Leichnam. Jetzt ist es vielleicht doch einer Nachricht wert.

Die Dichterin Silja Walter, die am 23. April dieses Jahres genau 100 Jahre alt wäre, fängt die ganze Spannung der Ostergeschichte in folgendem schönen Gedicht auf:

Das leere Grab

Da schaut wer,
– schaut lange,
die Menschheit
schaut –
schaut immer wieder
betroffen.
Das Grab steht offen
und leer.
Wo ist Er?

Frage des Menschen,
der Schöpfung,
von Stern und Getier:
Sehen sich an:
– Wo dann,
wenn nicht hier?
Fragen sich all die Zeiten
daher:
Wer ist der?

Er steht in der Leere.
Die ist sein Gewand.
Das Nicht-da
sein Kleid.
Da steht er darin
überall
über die Welt hin.
Der vom Tod auferstand,
ist da,
wo du bist,
wo ich bin.
Der Christos,
der Kyrios, Gott.
Und er spricht:
Fürchtet euch nicht –
Ich lebe!

Ja, die Frauen (und wir mit ihnen) suchen jemanden, den man so nicht finden kann: Die Leere «ist sein Gewand. Das Nicht-da sein Kleid». Und das ist auch der Grund, warum wir ihn (in dieser Geschichte) nicht finden. Denn die richtige Frage lautet nicht: «Wo ist er?», sondern «Wer ist er?». Auf dem Friedhof sucht man tote Menschen, bestimmt aber nicht den «Kyrios», den «lebendigen Gott». Das ist auch die Antwort der zwei Männer in leuchtenden Gewändern: «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?» (V.5). Die ganze Verwirrung und Unsicherheit resultieren nur daraus, dass man Jesus unter falschen Voraussetzungen sucht. Etwas salopp gesagt: Sie haben die falsche Adresse.

In Jesus ist Gott Mensch geworden und «zeltete», wie es bei Johannes poetisch heisst (Joh 1,14), eine Weile unter uns. Als Mensch ist er am Karfreitag am Kreuz gestorben, und nun ist er auferstanden. Denn der, der selbst das Leben ist (Joh 14,6), kann nicht tot bleiben. Was hat er damit bewirkt? Er hat jetzt eine neue Existenz: Denn wie wir aus anderen Ostererzählungen wissen, kann er zum Beispiel durch verschlossene Türe gehen und doch kann man ihn berühren (Joh 20,19). Aber vor allem: Er ist unsterblich, denn er war schon tot. Und diese neue Existenz hat er nicht für sich gewonnen, sondern für uns, denn wir «Christmenschen» sind jetzt ein Teil seiner neuen Existenz, dieses neuen Menschseins. Denn wie Paulus im Brief an die Galater schreibt: «Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen» (Ga 3,27). Durch die Auferstehung hat sich also alles verändert und die Welt ist nicht mehr so, wie sie war. Nun könnte man natürlich berechtigterweise sagen: «Ja, spanend, aber, was habe ich davon übermorgen, wenn der Alltag wieder beginnt und diese schöne Feier vorbei ist?»

Erlauben Sie mir es mit einem Beispiel zu illustrieren. Sie erinnern sich vielleicht noch an den plötzlichen Wintereinbruch am Anfang April. Es war schon so schön grün und sommerlich und dann sind wir plötzlich in einen Wintertag aufgewacht. Und dann musste man wieder mit dem Schnee kämpfen, als ob es Januar wäre. Doch es macht einen Unterschied, ob man einen Wintereinbruch am Ende November, im Januar oder im April hat. Denn im April wissen wir, der Frühling ist im Grunde schon da, auch wenn es momentan noch anders aussieht. Und ähnlich war es auch heute Morgen am Osterfeuer. Es war noch ziemlich dunkel, als wir mit der Liturgie angefangen haben, aber wir haben gewusst, dass die Sonne kommt und mit ihr das Licht und der neue Tag. Diese und andere Beispiele aus der Natur hat man schon in der Antike als Bilder für die Auferstehung Christi genommen. So konnte beispielsweise Marcus Minucius Felix, ein christlicher Autor und Jurist aus dem zweiten Jahrhundert, zur Verteidigung des Christentums und der Idee der Auferstehung schreiben:

Schau ferner, wie zu unserem Trost die ganze Natur auf die künftige Auferstehung anspielt. Die Sonne geht unter und wieder auf; die Sterne schwinden und kommen wieder, die Blumen sterben ab und leben wieder auf, die Gesträuche bekommen wieder junges Laub, nachdem sie entblättert waren, und nur aus verwestem Samen keimt neues Leben. So ist es mit dem Körper in der Zeitlichkeit wie mit den Blumen im Winter: sie verbergen frische Lebenskraft hinter scheinbarer Erstarrung (Octavius, XXXIV,6,11).

Ja, die Natur selbst lehrt uns: es ist nichts Unnatürliches an der Auferstehung. Und die Auferstehung und mit ihm unsere neue Existenz werden kommen, das ist sicher wie der Tag nach der Nacht und der Frühling nach dem Winter. Doch nun leben wir noch zwischen den Zeiten, in der Dämmerung vor dem Sonnenaufgang, und noch müssen wir ab und zu mit einem Wintereinbruch und mit der Gebrechlichkeit unserer alten Existenz leben. Doch wir wissen: Damals an Ostern, als die Frauen vor dem leeren Grab standen, hat sich auch für uns alles verändert.

Von Palmen und Psalmen (Lk 19,28–40)

Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn.
Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! (Lk 19,38)

«Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!» heisst es in unserem Evangelium (Lk 19,38). Das erinnert doch sehr an Weihnachten. Denn dort singen die Engel bei Lukas: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens» (Lk 2,14). Auch das Lied von Paul Gerhardt «Wie soll ich dich empfangen?», das wir am Anfang des Gottesdienstes zu unserer kleinen Prozession gesungen haben, findet man im Gesangbuch unter den Adventsliedern und dank Johann Sebastian Bach, der ihre erste Strophe in seinem Weihnachtsoratorium aufgenommen hat, verbindet man das Lied heute vor allem mit der Weihnachtszeit. Die zweite Strophe gehört aber eindeutig zum Palmsonntag. Denn dort singt man:

Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin, /
und ich will dir in Psalmen / ermuntern meinen Sinn. /
Mein Herze soll dir grünen / in stetem Lob und Preis /
und deinem Namen dienen, / so gut es kann und weiss.

Wie ist es zu verstehen? Für den heutigen Menschen schwer. Heute würde man wahrscheinlich sagen, die zweite Strophe gehört da nicht hin, es ist ja ein Adventslied. Denn wir denken historisch, in unserer Welt ist alles säuberlich getrennt. Doch unsere Welt ist dadurch auch sehr zersplittert.

Im Mittelalter dagegen ist die Welt noch ganz und harmonisch. Denn sie findet ihre Einheit und Harmonie in Gott und so hängt im Grunde auch alles mit allem zusammen. Es ist wie bei unserer Passionswand hier in der Scherzligkirche, die in diesem Jahr genau 550 Jahre alt wird: Auf diesem ältesten panoramatischen Bild des Mittelalters kann man alles auf einmal betrachten: den Einzug Jesu in Jerusalem, seine Passion und Auferstehung, seine Himmelfahrt, aber auch zum Beispiel die Steinigung des Stephanus und vieles mehr – als ob alles auf einmal geschehen würde. Die Welt wird hier ein bisschen mit Gottes Augen betrachtet, wo sich der Betrachter ausserhalb der Zeit befindet, und die Propheten und die Autoren der Heiligen Schriften haben schon immer die Gabe gehabt, die Welt mit Gottes Augen zu sehen.

So öffnet sich ihnen schon zu Weihnachten bei Christi Geburt das Fenster der Verheissung, durch das man den Palmsonntag sehen kann. Denn an diesem Tag erfüllen sich all die alten Verheissungen: Der Friedenskönig kommt in seine Stadt, wie es schon bei dem Propheten Sacharja vorhergesagt wurde:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sach 9,9)

Er kommt nicht auf einem Kriegsross, sondern auf einem Esel, und ist arm. Und doch wird er vor seinen Jüngern als König bejubelt und zwar «wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten» (V.37). Nun scheinen ihre Träume in Erfüllung zu gehen, denn der ‹wunderbare König› kommt. Und der Jubel war wohl so laut, dass er irgendwann zu einem Politikum wurde. Und die Pharisäer schalteten sich ein, vielleicht aus Angst vor einem drohenden Aufstand, und baten Jesus: «Meister, weise deine Jünger zurecht!» (V.39). Doch er antwortete ihnen: «Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien» (V.40). Das klingt zuerst wie eine poetische Redewendung, es ist aber eine Prophezeiung, die sich sehr schnell erfüllt hat: Denn nach der Zerstörung des Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. werden die Jünger in der Tat schweigen und die Trümmersteine der zerstörten Stadt zum Himmel schreien.

Was für eine Ironie: Denn einer der Gründe, warum Jesus überhaupt gekreuzigt wurde, war eben um den mutmasslichen Aufstand seiner Anhänger und hiermit die Zerstörung Jerusalems zu verhindern. Der Friedenskönig wurde um des Friedens willen getötet. Und es passiert immer wieder in der Geschichte und in der Politik, dass wir mit unserer Bemühung etwas zu verhindern es erst verursachen.

Und dasselbe gilt auch in unserem Leben: Wenn wir uns von Angst leiten lassen, nimmt es selten ein gutes Ende. Im besten Fall erstarren wir und unser Leben kommt zum Stillstand, der sich nur wenig von Tod unterscheidet. Viel öfters trifft aber gerade das an, was wir befürchtet haben und verhindern wollten. Als ob gerade unsere Aktivität das Unglück erst richtig anziehen würde. Doch wie steuern wir dagegen? Zumal Angst zu haben durchaus menschlich ist und jede und jeder von uns im Leben irgendwann vor etwas Angst hat.

Wir gehen den Kreuzweg. Und zwar nicht nur diese Woche, die vor uns liegt und in der wir uns den Kreuzweg in der Liturgie symbolisch vergegenwärtigen, sondern im Leben. Denn nur der Kreuzweg führt zum ‹Tod am Kreuz› und nur der Tod am Kreuz führt zur ‹Auferstehung›. Das mag jetzt etwas kryptisch klingeln, ist es aber nicht: Es bedeutet, dass wir uns im Leben nicht von der Angst, sondern von unserem Glauben leiten lassen sollten. Trotz unserer Ängste gehen wir den Weg, den wir uns vorgenommen haben, und von dem wir glauben, dass er der richtige ist, und lassen uns nicht von unseren Träumen abbringen. Die Ängste kommen natürlich mit und werden versuchen uns dazu zu bewegen, dass wir irgendwann aufgeben und einen anderen und einfacheren Weg nehmen. Und wenn sie damit Erfolg haben, bleiben sie für immer ein Teil unseres Lebens und werden uns für immer begleiten und unser Leben bestimmen. Wenn wir dagegen nicht aufgeben, werden sie irgendwann mit unserem alten Ich, das mit diesen Ängsten verbunden war, am Kreuz sterben und wir werden neu geboren und ohne alte Ängste zum neuen Leben erwachen. Denn irgendwann ist ein Punkt erreicht, wo unsere Ängste keine Macht mehr über uns haben werden. Dies ist bestimmt der Fall, wenn wir Erfolg haben, es ist aber auch der Fall, wenn wir scheitern. Denn wirklich scheitern tun wir nur dann, wenn wir uns selber aufgeben.

Die Karwoche lehrt uns jedes Jahr, dass die Massstäbe für Erfolg und Misserfolg relativ sind. Durch das Ostergeschehen werden wir immer wieder aufs Neue aufgefordert unsere Werte im Leben zu überdenken. Denn nicht selten ist es so, dass gerade das, was auf den ersten Blick als Misserfolg aussieht, erst zum Ziel führt. Und oft müssen wir zuerst scheitern, um das wahre Ziel unseres Lebens zu entdecken.

Die Theologin Dorothee Sandherr-Klemp fasst es in folgenden Zeilen sehr schön zusammen:

Wer ist erhaben?
Wer am Boden?
Was ist bedeutsam?
Was wertlos?
Worin liegen Würde und Gewicht?
Woran sind wahre Werte
zu ermessen?

Was ist groß, was ist klein?
Gottes Maßstäbe sind anders!
Mit dem Palmsonntag
eröffnet sich uns die Welt
in neuem Maßstab: Leben, Sterben
— und lichtes Leben!

Die Karwoche übt uns darin ein,
Gottes Maßstäbe anzulegen,
den Grund neu zu vermessen,
auf dem wir stehen:
Auf solchem Grund,
auf hellem Hoffnungs-Grund,
wird Ostern erbaut!

Nur wenn wir den Kreuzweg gehen, können wir den Grund auf dem wir stehen neu vermessen und etwas Neues in unserem Leben entstehen lassen.

In der barocken Spiritualität hat das Leiden Christi für unsere heutigen Massstäbe zweifelsohne sehr viel Raum eingenommen. Als Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium die erste Strophe des Liedes «Wie soll ich dich empfangen?» aufgenommen hat, hat er sich dabei bewusst für die Melodie eines anderen Liedes von Paul Gerhardt entschieden und zwar für die Melodie des Passionsliedes «O Haupt voll Blut und Wunden». Eine fast unerträgliche Spannung, die uns allerdings lehrt, dass die Freude mit Leid verbunden ist und kein Weg zum Leben am Kreuz Christi vorbeiführt. Und das ist auch in Kürze die Botschaft des Palmsonntags: Der König kommt und wir begrüssen ihn mit Palmzweigen und Psalmen. Sie sind ein Zeichen des Lebens und des Sieges, doch dieser Sieg wurde am Karfreitag errungen. Denn ohne den Tod am Kreuz gäbe es auch keine Freude der Auferstehung.

Vom Verloren-Sein (Lk 15,11–32)

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden. (Lk 15,24)

Schrecklich dieser jüngere Sohn: Er lässt sich von seinem Vater schon vor seinem Tod das Erbteil auszahlen, als ob er nicht mehr warten könnte, bis sein Vater stirbt. Doch das könnte man noch verstehen, würde er das Geld irgendwie sinnvoll investieren, zum Beispiel ein Haus kaufen oder so. Doch das ist nicht der Fall: Er nimmt das Geld, geht in ein fernes Land und verschleudert dort einfach das ganze Vermögen. Genau so einen Sünder haben die Pharisäer und die Schriftgelehrten gemeint als sie Jesus angesprochen haben – nicht das niedliche verlorene Schaf aus dem vorherigen Gleichnis, das er ihnen zuerst aufzutischen versucht hat. Und der jüngere Sohn gibt es auch zu, zumal er sagt: «Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt» (V.21). Im Unterschied zu einem verlorenen Schaf wusste er also ganz genau, was er tut, und hat es trotzdem getan. Genau wie die Zöllner und andere Sünder mit denen Jesus so gerne üppige Mahlzeiten feiert. Doch als Gottes Sohn handelt er nur wie sein liebender Vater und erweist Liebe allen, die verloren waren – er ist ein Gegenbild des älteren Bruders aus dem Gleichnis. Er ist ein älterer Bruder, der für uns zusammen mit dem Vater ein Fest vorbereitet, wenn wir heimkehren.

Doch was soll das bedeuten? Spielt es etwa keine Rolle, wie wir leben, wenn wir unsere bösen Taten immer wieder gut machen können? Und ist es dann nicht genau das, was Dietrich Bonhoeffer seiner Zeit als «billige Gnade» bezeichnete:

[Eine] Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten.

Und fühlen wir uns eigentlich nicht oft wie der ältere Sohn, wenn wir alles richtig machen, aber in vielen Jahren haben wir von Gott, unserem Vater, nicht einmal einen ‹Ziegenbock› als Dankeschön gesehen?

Was für eine Spannung in diesem Gleichnis! Der österreichische Schriftsteller Georg Bydlinski fängt in seinem Gedicht Die verlorenen Söhne diese Spannung sehr schön auf. Er schreibt:

Der Sohn
geht fort.
Er lässt einen Vater
verloren zurück.

Der Sohn
kehrt wieder.
Da verliert sich der Bruder.

Du
kamst
für sie beide.

Denn die beiden Söhne sind nicht so unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick aussieht: Der eine verschleudert die Gnade des Vaters in der Welt, der andere dient ihm zwar treu viele Jahre, nimmt seine Gnade aber nicht in Anspruch und reagiert verbittert, wenn er seinen jüngeren Bruder sieht, der diese Gnade so unverschämt annimmt, nachdem er alles verloren hat.

Man nennt unsere Erzählung zwar das «Gleichnis vom verlorenen Sohn» und die meisten Leser des Evangeliums haben in der Tat vor allem den jüngeren Bruder vor Augen, doch Jesus will, dass wir uns beide Brüder genauer anschauen. Denn es ist vor allem ein Gleichnis für und über uns.

Das Gleichnis bildet nämlich zwei Menschentypen ab und ich wage zu behaupten, dass der ältere Bruder ein grösseres Problem hat als sein verschwenderischer und abenteuerlustiger Bruder. Denn er ist sich dessen, dass er ein Problem hat, gar nicht bewusst. Er ist wie der blinde Pharisäer, über den im Lukasevangelium drei Kapitel später erzählt wird (Lk 18,9–14). Dieser ging zum Tempel ‹stellte sich hin und sprach folgendes Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher usw. Denn ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens›. Sein Gegenbild ist hier interessanterweise ein Zöllner, der sehr an den jüngeren Bruder aus unserem Gleichnis erinnert: ‹Dieser Zöllner blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!›. Und wie es Jesus am Ende zusammenfasst: ‹Der Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause, der Pharisäer nicht›.

Wir wissen, oder können uns es mindestens besser vorstellen, was der jüngere Bruder falsch gemacht hat, und es wird in dem Lukasevangelium auch sehr anschaulich geschildert. Und spätestens dann, wenn der jüngere Bruder bei den Schweinen landet und «hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine frassen», gibt es keine Zweifel: Es kann kaum noch schlimmer werden. Der Tiefpunkt ist erreicht worden. Und egal wie peinlich es ist oder was er auch tun muss, er weiss, dass er es beim Vater sogar als ein Tagelöhner besser hätte. Das einzige, was er braucht ist seine Gnade. Und wie wir wissen, diese bekommt er und zwar im Überschuss: Er bekommt das beste Gewand, einen Ring, Schuhe und ein Fest wird gefeiert – er wird wieder zum Sohn.

Das, was ihm passiert ist und was in dem Gleichnis so bunt geschildert wird, ist sehr menschlich. Er wollte wohl die Welt erkunden, ferne Länder sehen und das Leben ein bisschen geniessen. Und es ist schief gegangen und er ist von seinem Weg abgekommen. Denn das griechische Wort «ἁμαρτία», das wir als «Sünde» übersetzen, ist besser als «Verfehlung» zu verstehen, nämlich, wenn ich das Ziel meines Lebens als Mensch verfehle. Und dies kann leichter passieren als man denkt: Haben Sie sich schon mal bei einer Wanderung verlaufen? Was war der Grund? Bei mir war es oft die glorreiche Idee eine Abkürzung zu nehmen, eine schlechte Karte oder die Überzeugung, der Weg sei doch klar, ich brauche keine Karte. Und genauso leicht kann man auch im wirklichen Leben vom Weg abkommen und irgendwo landen, wo man eigentlich nicht sein will.

Das einzige, was uns dann helfen kann, ist dasselbe, was der verlorene Sohn getan hat: «Er ging in sich». Ja, eine kleine Kontemplation bei den Schweinen. Doch er konnte plötzlich sehen, wie erbärmlich sein Leben wirklich ist, und das war seine Rettung. Die Fastenzeit ist die Gelegenheit für jede und jeden von uns «in sich zu gehen», sich Zeit zu nehmen, und zu schauen, ob wir uns im Leben dort befinden, wo wir sein wollen. Und wenn das nicht der Fall ist, sollten wir heimkehren und zwar zu unserem himmlischen Vater, denn von ihm ging unser Weg aus. Und von ihm haben wir auch die Verheissung, dass wir immer wieder als Töchter und Söhne Gottes empfangen werden. Und das ist keine billige Gnade. Denn wie auch Dietrich Bonhoeffer schreibt: «Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders».

Der grösste Fehler, den wir im Leben machen können ist also nicht der des jüngeren Bruders, sondern der des älteren. Er macht alles richtig, er lebt im Hause des Vaters, aber ohne seine Gnade in Anspruch zu nehmen und ohne Lebensfreude. Dies hat zur Folge, dass er nach und nach verbittert und unglücklich wird. Erst die (in Anführungszeichen) ‹Ungerechtigkeit›, die geschieht als sein jüngerer Bruder heimkehrt, öffnet ihm die Augen und die ganze Bitterkeit kommt raus.

Aus dem Gleichnis erfahren wir leider nicht, wie es dem älteren Bruder später ergangen ist. Vielleicht aus dem Grund, weil wir uns an dieser Stelle als Leser selber Gedanken machen sollten. Ich hoffe natürlich, dass er sich mit seinem Vater und seinem Bruder versöhnen konnte, sich der Gnade geöffnet hat, und von da an auch mit seinen Freunden ein bisschen das Leben gefeiert hat.

Denn die Bibel sagt, wir haben alle gesündigt (Röm 3,23) und gingen alle in die Irre wie Schafe (Jes 53,6). Die Frage ist also nur, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, denn nur wenn wir uns dessen bewusst sind, sind wir auch bereit die Gnade unseres Vaters im Himmel zu empfangen. Ich wünsche uns also allen, dass wir die verbleibende Fastenzeit zu diesem «In-sich-zu-gehen» nutzen und schauen, ob wir uns im Leben irgendwo unterwegs nicht verloren haben.

Von der Versuchung (Lk 4,1–13)

Und als der Teufel alle Versuchung vollendet hatte, wich er von ihm bis zur bestimmten Zeit (Lk 4,13)

Jeden Sonntag beten wir im Gottesdienst mit folgenden Worten:

Unser Vater … führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ein Gebet, das Christen verschiedener Konfessionen von der ganzen Welt verbindet oder besser gesagt: verbunden hat. Denn im Dezember 2017 kam der jetzt amtierende Papst mit der Idee, dass die deutsche Übersetzung falsch sei und zwar mit folgender Begründung:

Ein Vater tut so etwas nicht: ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.

Und er begrüsste den Beschluss der französischen Bischöfe, die offizielle Übersetzung des Vaterunsers zu ändern. In den katholischen Gottesdiensten in Frankreich betet man heute also:

Lass uns nicht in Versuchung geraten…

Diese Formulierung entspricht vielleicht dem Zeitgeist, sie ist aber bestenfalls eine sehr freie Interpretation der Worte Jesu, vielmehr aber eine Verfälschung. Denn egal, ob man nun das Matthäus- oder das Lukasevangelium nimmt, diese Bitte lautet dort immer gleich: «Und führe uns nicht in Versuchung». Und als Neutestamentler kann ich sagen, dass diese Übersetzung vollkommen richtig ist. Wer also mit den Worten Jesu beten will, sollte bei dieser Übersetzung bleiben.

Dennoch bleibt diese Bitte für viele eine Zumutung und es gibt in der Bibel auch Texte, die dem Papst auf den ersten Blick recht zu geben scheinen, wie der Jakobusbrief, wo steht:

Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt. (Jak 1,13–14)

Was jetzt also? Hat der Papst doch recht? Nein, der Paps irrt. Und die heutige Erzählung über die Versuchung Jesu in der Wüste, zeigt sehr schön, wie die Dinge stehen.

Es ist zweifelsohne der «Teufel», auf Griechisch «Diabolos» und auf Hebräisch «Satan», der hier Jesus «versucht». Es war aber der Geist, von dem Jesus vierzig Tage lang in der Wüste umhergeführt wurde. Jesus wird hier also zweifelsohne in die Wüste und hiermit auch in die Versuchung von Gott geführt. Doch versucht wird man in der Tat nicht von Gott, sondern von dem Bösen, oder wie es Jakobus formuliert – von der eigenen Begierde.

Auf den meisten Bildern zur Versuchung Christi wird der Teufel sehr schön als eine Person abgebildet: eine düstere Gestalt mit Flügeln und/oder Hörnern, die zu Jesus spricht. Doch es gibt auch solche Bilder, wie zum Beispiel das Bild Christus in der Wüste von Iwan Kramskoi (1872), wo Jesus ganz alleine in der Wüste zu sehen ist. Ich denke, all diese Bilder zeigen hier ein Teil der Wirklichkeit: Das Böse ist da, seine Versuchung ist aber nur dann wirksam, wenn wir ihm diese Macht geben – ohne unsere Begierden und Ängste ist die Versuchung leer, wie eine Fasnachtsmaske. Sie kann uns zwar erschrecken, antun kann sie uns aber nichts. Doch was sind diese Begierden? Schauen wir uns genauer die drei Versuchungen Jesu:

  1. Er sollte sollte einen Stein ins Brot verwandeln;
  2. er sollte nach der Weltherrschaft greifen;
  3. und er sollte sich von dem Jerusalemer Tempel stürzen,
    denn Gott würde ihn ja retten.

Es ist im Grunde immer wieder eine einzige Versuchung, nur in dreierlei Gestalt: Jesus sollte der Messias werden, den alle wollen – ein mächtiger Wundertäter, der die Römer vertreibt und unbesiegbar ist. Doch Jesus konnte dieser Versuchung widerstehen: Seine Wunder sind meistens abseits der Menschenmassen geschehen und er hat die Geheilten gebeten darüber niemandem zu erzählen; politisch hat er nichts bewirkt und viele, die ihn am Palmsonntag als den zukünftigen König bejubelt haben, hat er zweifelsohne enttäuscht, insbesondere seinen Jünger Judas; und am Ende stirbt er noch wie ein Verbrecher am Kreuz, statt von Gott im letzten Augenblick gerettet zu werden. Von den Erwartungen der Menschen her also eher ein ‹Anti-Messias›. Doch heute, fast 2000 Jahre später, wissen wir es besser: er hat alles erreicht und das Leben von Millionen von Menschen verändert, weil er den Versuchungen in der Wüste widerstehen konnte und den «schmalen Weg» (Mt 7,14) gegangen ist.

Die Versuchung lockt uns immer auf den «breiten Weg» (Mt 7,13). Sie spricht zu unseren Ängsten oder Begierden und bietet uns eine schnelle und einfache Lösung an und dies am meisten in den Wüstenabschnitten unseres Lebens: Wenn nichts zu gelingen scheint und wir keine Zukunftsperspektive haben oder wenn wir das Gefühl haben zu wenig vom Leben abbekommen zu haben. Dann kommt der «Teufel» und bietet uns sofort all das an, was wir uns im Geheimen wünschen oder sogar das, was uns Gott verheissen hat – wenn wir die Verheissung Gottes beiseite legen und hiermit auf unseres Erbe verzichten; wie Esau, der sein Erstgeburtsrecht an Jakob für etwas zum Essen verkauft hat. Dieser Versuchung konnte sogar Abraham nicht widerstehen: Gott hat ihm und Sara einen Sohn versprochen, obwohl sie schon alt waren (Gen 15). Doch Jahre sind vergangen und nichts ist passiert. Die Lösung schien dann die Sklavin Hagar und der Sohn Ismael zu sein (Gen 16). Es war zwar nicht ganz das, was Gott Abraham versprochen hat, denn Ismael war kein Sohn von Sara, aber immerhin ein Sohn, dem Abraham alles vererben kann. Doch Gott hielt sein Wort und so haben Abraham und Sara im hohen Alter doch einen Sohn, Isaak, bekommen, wie Gott versprochen hat.

Es dauert oft sehr lange, bis Gottes Wort in Erfüllung geht. So war es mit Abraham, so war es mit dem lange versprochenen Messias und nun warten wir schon mehr als zweitausend Jahre auf die versprochene (baldige) Wiederkunft Christi. Die grösste Versuchung auf dem Weg Gottes scheint mir also die Versuchung eine Abkürzung nehmen zu wollen: Warum sollten wir warten, wenn es die Möglichkeit gibt gleich alles zu haben? Und warum werden wir von Gott im Leben überhaupt in eine Wüste geführt, wo man nur Zeit und Energie verliert? Ich weiss es nicht und es kann verschiedene Gründe haben, wie in der Bibel auch. Was ich aber weiss und was auch die ersten Christen wussten, die sich in die wirkliche Wüste zurückzogen, dass man in der Wüste Gott sehr viel näher ist und seine Stimme viel deutlicher hört. Und vielleicht ist das der Grund: Immer wenn wir die Orientierung verlieren, führt uns Gott in die Wüste und zu sich zurück, bis wir diese Orientierung im Leben wieder gefunden haben. Denn, wie Charis Doepgen schreibt: Die «Versuchung [ist] ein Suchen, das sich verirrt hat. Verirrung, die den Weg zurück nicht mehr findet». Und so irren wir eine Weile in der Wüste und werden versucht, bis wir den Weg zu Gott und zu uns und zum wahren Ziel unseres Lebens zurückgefunden haben. Bei Jesus heisst es dann im Lukasevangelium: «Der Teufel wich von ihm bis zur bestimmten Zeit», (und zwar bis zum letzten Abendmahl am Gründonnerstag), und er «kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück». Er kehrte von der Wüste also stärker und fokussierter zurück als er es vorher war.

Die vorösterliche Fastenzeit ist eine Einladung an uns sich freiwillig in die Wüste zu begeben, um Gott zuzuhören und wieder zu sich zu finden. Wie Reinhard Lettmann in einem Gebet schreibt:

In der Wüste suche ich dein Angesicht,
in der Wüste ernährt mich dein Brot.
Ich fürchte nicht, in deiner Spur zu gehen,
dein lebendiges Wasser sprudelt für meinen Durst.

In der Wüste höre ich dein Wort,
in der Wüste, fern vom Lärm,
tröstet mich die Erinnerung an dein Gesetz.
Verborgener Gott, du willst zu meinem Herzen sprechen.

In der Wüste atme ich deine Luft.
In der Wüste wohnt der Geist,
er ist die Kraft am Morgen, die mich treibt.
Er ist das Feuer, das mir vorausgeht in der Nacht.

Der italienischer Schriftsteller Carlo Caretto hat ein sehr schönes Buch mit dem Titel Il deserto nella città (Die Wüste in der Stadt) verfasst, wo er bemerkt: Die «Wüste bedeutet nicht die Abwesenheit von Menschen, sondern die Anwesenheit Gottes». Mit anderen Worten: Die Wüste ist überall dort, wo wir Gott zuhören. Wirklich zu fasten kann uns dabei helfen, muss es aber nicht, wenn wir dabei das Ziel aus den Augen verlieren. Ich persönlich schätze hier die Regel des Hl. Benedikt, die dem Beten und Lesen den Vorrang vor dem leiblichen Fasten gibt und das freudige Klima christlichen Fastens als intensive Pflege der Beziehung zu Gott unterstreicht. Benedikt schreibt:

Deshalb raten wir, dass wir wenigstens in diesen Tagen der Fastenzeit in aller Lauterkeit auf unser Leben achten […]. So möge jeder über das ihm zugewiesene Mass hinaus aus eigenem Willen und in der Freude des Heiligen Geistes Gott etwas darbringen […] und mit geistlicher Sehnsucht und Freude das heilige Osterfest erwarten. (Regula Benedicti 49)

In diesem Sinne wünsche ich uns eine gesegnete und vor allem eine fröhliche Fastenzeit!

Vom Gottesdienst (Lk 4,14–21)

Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt (Lk 4,21).

Es war ein ganz normaler Samstag in einem kleinen Dörfchen namens Nazaret, nicht weit von dem schönen am See gelegenen Tiberias, das seit einigen Jahren die neue Hauptstadt Galiläas war. Im griechisch-römischen Stil aufgebaut – mit Palästen, einem Theater und Forum und einfach allem, was eine neue moderne Hauptstadt braucht. Und wie an jedem Samstag kommen Menschen zum Gottesdienst, wo heute auch Jesus, der Sohn des Zimmermanns Josef, zu Besuch ist. Man habe gehört, dass er jetzt nicht mehr seinem Vater im Geschäft hilft, sondern in der Gegend als Wanderprediger unterwegs sei, und mache sich dabei gar nicht so schlecht. Und so ist man ein bisschen neugierig, was er zu sagen hat, hier in seinem Heimatort. Und ja, er hat einen sehr schönen Text aus dem Buch Jesaja ausgewählt (Jes 61,1–2a):

Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Und auch die Predigt beginnt nicht schlecht:

Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Das hört man immer gerne. Ein bisschen Balsam für die Seele, etwas Aufmunterung nach dem harten Alltag.

Und würden wir bei Lukas weiterlesen, würden wir feststellen, dass die Predigt wohl sehr gut war. Sogar so gut, dass man sich wundert, woher das dieser junge Zimmermann hat: «Sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?» (Lk 4,22). Doch irgendwann kippt die Stimmung im Gottesdienst und am Ende schreibt Lukas: «Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen» (Lk 4,28–29). Der Prediger Jesus konnte sich natürlich retten, es ist aber bestimmt nicht die Reaktion, die man sich im Gottesdienst nach der Predigt wünscht. Was hat die Leute so aufgebracht? Was hat er gesagt?

Es war eine einfache Redewendung: «Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt» (Lk 4,24). Und er bringt noch einige Beispiele dazu, von denen ich hier nur ein zitiere: «Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine grosse Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon» (Lk 4,25–26). Nun wird es also langsam klarer:

  1. Erstens macht sich der Prediger zu einem Propheten und stellt sich mit dem berühmten Elija auf eine Ebene;
  2. Zweitens bringt er noch Geschichte, wo Gott ausgerechnet nicht dem von der Hungersnot geplagten Volk Gottes hilft, sondern einer fremden Witwe. Als ob er damit sagen wolle: ‹Die Worte der Gnade, die ich hier predige, das ist nichts für euch›.

Jetzt kann man also die heftige Reaktion der Leute ein bisschen besser verstehen, allerdings bleibt die Frage offen, warum Jesus so etwas tut? Die Predigt hat doch so gut angefangen und er hätte nun auch in seinem Heimatort die Lobbeeren als Prediger ernten können und seine Eltern ein bisschen stolz machen. Stattdessen so ein Eklat.

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was an diesem Samstag in Nazaret geschehen ist, liegt meines Erachtens in dem ersten Satz seiner Predigt:

Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Ich denke, irgendwann hat Jesus gemerkt, dass seine «Worte der Gnade», die er predigt, bei den Zuhörern gar nicht wirklich ankommen bzw. nicht so, wie sie sollten. Die Leute finden seine Worte schön, sie bringen ihnen Freude – keine Frage –, aber seine Predigt kann hier nichts bewirken, zumal die Leute auch nichts erwarten. Was sollte man auch von einem normalen Gottesdienst mit einem Zimmermann als Prediger erwarten? Ein bisschen Freude und Aufmunterung und etwas geistige Nahrung für den Alltag ist schon sehr viel Wert. Was will man also mehr? Und ich würde auch sagen: Ich bin als Prediger glücklich, wenn ich am Sonntag ein paar Menschen glücklich machen kann.

Doch Jesus will hier offensichtlich mehr. Er meint den Satz «heute hat sich das Wort erfüllt» wörtlich: Das Gnadenjahr des Herrn ist da, das Königreich Gottes kommt, die Blinden werden sehen usw. Was alle seit Generationen erwarten, soll sich jetzt endlich erfüllen – auch in dem Dörfchen in der Nähe von Tiberias, an einem Samstag, in einem ganz normalen Gottesdienst. Und das ist eben das, was viele nicht erwarten, und ich würde wagen zu sagen: ja, auch nicht wirklich wollen. Denn das würde alles verändern, alles durcheinander bringen, und dann müssten wir uns auch verändern und das wiederum würde unser geordnetes Leben durcheinander bringen. Und das will im Grunde niemand, vor allem dann nicht, wenn alles einigermassen gut läuft. Dabei ist es eigentlich unverständlich. Es erinnert mich an eine Szene aus dem Film Heaven Is for Real (Den Himmel gibt’s echt) aus dem Jahr 2014. Hier hat der vierjährige Sohn eines Pfarrers während einer Notoperation eine Nahtoderfahrung gemacht und darf dabei mit Jesus einen Blick in den Himmel werfen. Nach seinem Aufwachen erzählt er irgendwann alles seinen Eltern. Diese halten es natürlich zuerst für die Fantasien eines Vierjährigen, doch als sie feststellen, dass er auch Sachen weisst, die er eigentlich gar nicht wissen kann, ist für sie klar, dass es eine echte Erfahrung war und sein Vater erzählt alles von der Kanzel. Was folgt, erinnert schon sehr an den Gottesdienst in Nazaret, denn der Vater, der bisher als Pfarrer sehr beliebt war, verliert fast seine Stelle. Ja, den Himmel gibt es, aber so wirklich und nahe wollen wir ihn auch nicht haben.

So sind wir Menschen. Deswegen braucht es in unserem Leben und in der Kirche immer wieder eine ‹Re-Formation›, das heisst eine ‹Wiederherstellung und Erneuerung› des Geistes. Das Buch Nehemia, aus dem wir am Anfang gelesen haben (Neh 8,2–10), erzählt eine solche Geschichte der Erneuerung. Nach der Rückkehr aus dem Exil wird von dem Priester Esra in der Versammlung vom frühen Morgen bis zum Mittag das Gesetz vorgelesen – ein Buch, das alle kennen; Worte, die sie schon bestimmt gehört haben. Doch nun lauschen sie nicht nur mit offenen Ohren, sondern auch mit offenen Herzen und erlauben sie dem Wort zu wirken. Und das Wort wirkt, so dass Esra und Nehemia die Leute beruhigen müssen: «Seid nicht traurig, und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte des Gesetzes hörten» (Neh 8,9).

Wenn wir uns dem Wort Gottes öffnen, wird es das bewirken, was es verspricht, denn es ist ein schöpferisches Wort: aus ihm ist die ganze Welt um uns herum entstanden und es wirkt in ihr auch weiter. Denn – und auch das steht in diesem von Jesus zitierten Buch Jesaja (Jes 55,10–11):

Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt
und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken
und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, […]
so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt:
Es kehrt nicht leer zu mir zurück,
ohne zu bewirken, was ich will,
und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.

Das Wort wird es aber nur dann bewirken, wenn wir es ihm erlauben. Und dies braucht auf unsere Seite vor allem eine Erwartung, dass es möglich ist, auch in einem normalen Gottesdienst am Sonntag Abend. Die Benediktinerin Charis Doepgen fast diese Einstellung in folgendem kurzen Gedicht schön zusammen:

Immer noch

Das Wort finden
das mein Leben deutet —
es ist schon geschrieben
Gereicht wird es mir im Gottesdienst —
bin ich darauf gefasst
dass es immer noch geschieht?

Ja, sind wir darauf gefasst, an einem Sonntag Abend? Wenn ja, dann werden wir nämlich etwas entdecken, was den Zuhörern in Nazaret verborgen blieb:

  • dass wir die Armen sind, die eine gute Nachricht zu hören brauchen;
  • dass wir die Gefangenen sind, die sich nach der Entlassung sehnen, aus den Zwängen des eigenen Charakters und aus dem Gefängnis, das wir uns im Alltag immer wieder aufbauen;
  • dass wir die Blinden sind, die die Perspektive und die Unterscheidung, was im Leben wirklich wichtig ist, verloren haben;
  • und dass wir die Zerschlagenen sind, die Jesus heute in die Freiheit der Kinder Gottes setzen will.

Und wenn wir all das entdeckt haben, dann stellen wir fest, dass für uns das Gnadenjahr des Herrn ausgerufen wurde.

Das Geheimnis der Taufe (Lk 3,15–16.21–22)

«Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott» (Jes 40,3)

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem sehr trockenen Land. Vielleicht nicht gerade in der Wüste, aber an einem Ort, wo es an Wasser mangelt und die Tatsache, ob man genug Wasser hat, für das Leben von Ihnen und Ihrer Familie entscheidend ist. Und man muss sich hier nicht mehr in exotische Länder begeben, ich denke, es reicht vollkommen, wenn man zum Beispiel nur an den letzten trockenen Sommer denkt. Die Dürre und Hitze plagen also das Land, wo kaum noch etwas wächst, doch Sie haben im Garten einen wundersamen Brunnen, aus dem das Wasser in solchen Mengen sprudelt, dass es für Sie, Ihre ganze Familie und auch die Nachbarn reicht. Ich denke, jede und jeder von uns würde diesen Brunnen sehr gut pflegen und schützen und dafür sorgen, dass das Wasser im Garten überall ankommt, wo es gebraucht wird. Denn nur dann, kann man sich über die schönen Blumen, die süssen Früchte oder den Schatten der Bäume freuen.

Und so einen wundersamen Brunnen hat jede und jeder von uns von Gott geschenkt bekommen und zwar mit der Taufe. Die meisten von Ihnen erinnern sich an die eigene Taufe natürlich nicht, zumal Sie sehr wahrscheinlich – wie ich auch – als Baby getauft wurden. Doch ungeachtet dessen, ob wir es erinnern oder nicht, ist der Brunnen da – irgendwo in dem Garten von jeder und jedem von uns. Vielleicht hat man ihn schon vergessen und er ist unter dem Bauschutt und Krumm und Kram aus dem Alltag unseres Lebens begraben, aber ich versichere Ihnen, er ist da. Denn als Christen sind wir «aus dem Wasser und dem Geist geboren» (Joh 3,5) und die Taufe ist die wundersame Quelle des christlichen Lebens.

Wieso spüren wir aber oft so wenig von dieser Kraft in unserem Leben? Ich denke, viele von uns haben diesen Brunnen in der Tat einfach vergessen und nehmen sein Wasser im Alltag nicht in Anspruch oder wissen gar nicht, wie man aus dieser Quelle schöpft. Und nun liegt dieser wundersame Brunnen schon seit Jahren irgendwo in dem Garten unseres Herzens unter anderen Sachen begraben und wir wundern uns, dass in unserem Leben nichts grünt und wächst, oder nur ganz wenig. Deswegen ist es gut, dass uns das Evangelium heute – gleich am Anfang des Jahres – an diese Quelle erinnert, denn sie stand ja auch am Anfang des Wirkens Jesu. Und die Geschichte erzählt uns auch etwas darüber, was die Taufe ist und wie sie in unserem Leben wirkt.

Die Erzählung aus dem Lukasevangelium, die wir gehört haben, beginnt aber nicht mit Jesus und seiner Taufe, sondern mit der Predigt von Johannes dem Täufer. Er ist die Stimme in der Wüste, die ruft: «Bereitet dem Herrn den Weg». Und wer die Geschichte aus dem dritten Kapitel bei Lukas ganz liest, findet schnell heraus, dass es sich hier vor allem um eine Wüste der menschlichen Beziehungen handelt. Denn Johannes findet in seiner Predigt keine netten Worte für seine Zeitgenossen: «Schlangenbrut» heisst es dort (V.7), und dann kommen noch Drohungen dazu: «Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen» (V.9). Von dem Feuer, mit dem Jesus alle taufen soll, hat Johannes dabei eine ganz eigene Vorstellung: Der Messias kommt, um «den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen (V.17)». Und dann kommt Jesus und die von Johannes versprochene Feuerapokalypse bleibt aus. Stattdessen hört man Seligpreisungen und eine Predigt über Gottes Liebe. Es erfüllt sich also eher das, was anderswo im Buch des Propheten Jesaja steht: «Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen» (Jes 42,2–3). Hat sich Johannes also getäuscht? Zum Teil ja. Dafür spricht auch die Tatsache, dass er vier Kapitel später, als er von Herodes ins Gefängnis geworfen wurde, weil er ihm mit dem selben Feuer ins Gewissen geredet hat, seine Jünger losschickt, um Jesus zu fragen, ob Jesus nun wirklich der Messias sei (Lk 7,19). Und was war die Antwort Jesu? «Er antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet» (Lk 7,22). Ja, Jesus ist der Messias und alles verändert sich, aber anders als sich das Johannes vorgestellt hat: Der Geist Gottes, der sich oft als Feuer offenbart, kommt nun in der Gestalt einer Taube. Nicht etwa als ein Adler oder ein Feuerphönix aus den alten Sagen, nein: eine einfache Taube. Diese bringt aber eine ganz besondere Botschaft mit sich auf die Erde, nämlich: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden» (V.22).

Und genau diese Zusage gilt dank der Taufe auch uns und zwar lebenslang. Denn, wie Paulus an die Galater schreibt: «alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen» (Ga 3,26–27). Ja, mit dem Taufkleid haben wir auch Christus angezogen, sei es als Babies oder Erwachsene. Die Benediktinerin Charis Doepgen OSB drückt es mit einem schönen Bild zur Taufe aus:

Taufe

Familienfest
mit entzückendem Säugling
im Mittelpunkt

Overtüre
zu einem Stück
das nicht mehr gespielt wird

Beurkundeter Akt
für den sich
die Statistiker interessieren

oder was?
wer weiß es noch:

Zusage von Gott
geliebte Tochter, geliebter Sohn
zu sein – ein Leben lang

Ja, oft bleiben wir bei dem Äusserlichen und Sichtbaren stehen und vergessen, dass das Sakrament ein sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit ist, wie es auch das lateinische Wort «sacramentum» andeutet. Denn mit ihm übersetzt man das griechische Wort «μυστήριον», das bedeutet «Geheimnis», und die Taufe ist das Geheimnis des christlichen Lebens und die verborgene Quelle im Garten unseres Herzens, wie es im Johannesevangelium schön heisst: Wer an Jesus glaubt, «aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben» (Joh 7,38–39).

Dieser Brunnen hat also reichlich Wasser, schöpfen wir also dieses Jahr aus dieser Quelle! Und wie tut man es? In zwei Schritten:

  1. Höre auf aus eigener Kraft zu leben, denn das ist die erste Sache, die dich daran hindert aus der wahren Quelle zu schöpfen. In dem Bild des Neuen Testament ist es das normale Wasser, das jeder Mensch zur Verfügung hat, und wie Jesus bei Johannes sagt: «Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen» (Joh 4,13). Hier können uns auch unsere Charaktereigenschaften im Wege stehen, die im Grunde positiv sind, die uns aber dazu verleiten nur aus eigener Kraft zu leben, unter dem Motto: «Das schaffe ich schon». Doch irgendwann kommt jeder Mensch an seine Grenzen, einige früher und andere später, aber irgendwann trifft es jede und jeden von uns. Und dann sitzen wir in der Wüste unseres Lebens und beten zu Gott, dass er uns zu einer Oase führt. Dies wird er zweifelsohne machen, doch er hat für jeden Menschen eine bessere Lösung, denn wie es bei Johannes weiter heisst: «Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt» (Joh 4,14).
  2. Lege die wahre Quelle in deinem Leben frei: Schaue, was diesen wundersamen Brunnen in deinem Herzen verdeckt und dich daran hindert aus ihm Kraft zu schöpfen. Es sind oft die Sorgen des Alltags und andere Sachen, die uns vom Gebet abhalten. Es heisst: «Es wäre schön, aber ich habe keine Zeit». Hier betrügen wir uns allerdings selber, denn es ist wie bei einer Wanderung in der Wüste zu sagen: Für einen Halt in der Oase reicht die Zeit leider nicht, wir müssen weiter. Das man so nicht sehr weit kommt, liegt auf der Hand. Ausserdem stimmt es mit der Zeit nach meiner Erfahrung meistens nicht. Ich verbringe regelmässig Zeit in verschiedenen Klöstern und staune immer wieder, wie viel die Brüder schaffen, obwohl sie mehrmals am Tag beten. Aber vielleicht schaffen sie ja gerade deswegen so viel, weil die Arbeit mehrmals am Tag von dem Stundengebet unterbrochen wird. Denn so kann man nicht nur neue Kraft schöpfen, sondern man bekommt auch mehr Abstand zu den Problemen, die uns im Alltag plagen, und damit eine neue Perspektive, die uns erst hilft eine Lösung zu finden. Ich denke, hier sind die zehn Minuten des Gebets am Morgen und am Abend eine gute Investition. Und sollte es im Alltag dennoch nicht klappen und du solltest das Gefühl haben, dass du dich wieder in einem Hamsterrad befindest, dann lass uns es dieses Jahr gemeinsam versuchen: Komm hierher und gönn dir eine Stunde Scherzligen!

Wenn man nun beginnt von dieser Quelle wieder zu schöpfen, wird sich das Leben von jeder und jedem von uns nach und nach wundersam verwandeln. Es geschieht langsam und schrittweise, denn das Wasser braucht zum Wirken Zeit, dafür aber nachhaltig: Was trocken war wird wieder grün werden und je mehr wir aus dieser Quelle schöpfen, desto mehr Wasser gibt sie her, so dass die Wüste in uns und um uns herum nach und nach wieder zum blühenden Garten wird, wie es schön in dem Hymnus des Stundengebetes von der Schweizer Schriftstellerin Silja Walter OSB steht, mit dem ich hier heute abschliessen werde:

Jordan, sing!
Schwing deine Wasser
über die Wüste hin.
Trunken bist du vom Glanz darin:
Jesus, der Christus, steht als Lamm in den Fluten.

Menschheit, auf!
Lauf ihm entgegen,
deine Geburt ist nah!
Sieh, der Geliebte, die Hochzeit ist da:
Trink seinen Wein, den neuen, glühenden, guten!

Herrliches All!
Fall vor ihm nieder,
bring dich als Gabe dar!
Christus verwandelt dich wunderbar.
Ewiges Leben wird dich im Tode durchbluten!

Vom Frieden (Ps 34)

Suche Frieden und jage ihm nach! (Ps 34,15b)

Wir wünschen uns alles Gute und ein glückliches neues Jahr 2019. Und stecken dabei sehr viel Hoffnung in diese vier Zahlen. Alles sollte nun besser werden in diesem Jahr; oder mindestens nicht schlechter. Ja, das ganze neue Jahr liegt wie ein weisses Blatt Papier vor uns und wartet nur darauf beschrieben oder bemalt zu werden und das bringt Hoffnung: Wir dürfen jetzt zu ganz neuen Farben greifen und alles neu gestalten. Einige von uns haben vielleicht ein paar neue Vorsätze gemacht, damit die Hoffnung offiziell wird. Doch es dauert nicht lange und wir merken, dass auch dieses Jahr auf dem weissen Blatt Papier kein neuer «Van Gogh» entsteht. Viel mehr sieht es wie die Kritzelei vom letzten Jahr aus: Vielleicht etwas heller, dunkler oder bunter, aber es ist jedenfalls nicht das prachtvolle Kunstwerk, das wir am Silvester – nach einem Glas Sekt – so klar vor unserem inneren Auge hatten. Eigentlich müsste man nach ein paar Jahren aufgeben, denn ähnliche Hoffnungen und Erwartungen hat man wohl schon in die Zahlen 2018, 2017 usw. gesteckt. Doch der Mensch trachtet nach Glück und lässt dabei keine Gelegenheit aus; und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und in der Tat, es gibt sie: die guten und die schlechten Jahre – wie es auch gute und schlechte Wochen oder Tage gibt. Nun scheinen diese nicht von unseren Vorsätzen und unseren Hoffnungen abzuhängen. Man habe es nicht in der Hand und damit müsste man sich abfinden. Und viele haben sich damit bereits abgefunden und überlassen das Glück dem Zufall und eigentlich kann man so ganz gut leben – einfach die Hoffnungen und Erwartungen runterschrauben und gut ist. Doch dann kommen solche Menschen wie David, die einfach nur wahnsinnig viel Glück hatten, und stören mit ihrem Liedchen die stoische Ruhe, indem sie mit Sätzen prallen wie:

  • ich suchte den Herrn, und er erhörte mich;
  • er hat mich all meinen Ängsten entrissen;
  • die ihn fürchten, leiden keinen Mangel usw.

Ja, sogar der König der Tiere kann «darben und Hunger leiden», doch wer den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren. Und gemeint ist dieses Lied für die «Armen» – die sollen es hören und fröhlich sein und den Herrn mit David preisen. Eigentlich sei dieses Lied ein Hohn für alle, denen es nicht so gut geht wie dem ‹Glückspilz› David. Doch das Lied ist eine Einladung an sie und alle, die «Lust am Leben haben» und sich «gute Tage wünschen». Also auch an uns, wenn wir uns ein gutes Jahr wünschen. Denn David fordert uns auf, etwas zu tun, damit es uns auch so gut geht wie ihm.

Was sollten wir also tun? Es heisst – und ich wechsle jetzt zu der neuen Lutherbibel: «Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des Herrn lehren». Der Schlüssel zu den guten Tagen und Jahren ist also die «Furcht des Herrn». Und wie sieht diese konkret aus? Die ganze ‹Lehre vom guten Leben› wird hier kompakt in zwei Versen weitergegeben:

  1. Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.
  2. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

Na gut, und was hat es nun mit dem neuen Jahr zu tun? Alles: Das Leben, das du dieses Jahr leben wirst, beginnt heute in deinem Herzen. «Denn wovon das Herz überfliesst, davon spricht der Mund» (Lk 6,45) und aus den Worten werden Taten, die das Leben formen und prägen. Das Leben des Menschen beginnt in seinem Herzen. Wenn du also dein Leben ändern willst, musst du mit deinem Herzen anfangen. Doch das Herz tut meistens, was es will. Und der einzige Weg es zu kontrollieren und zu formen, den wir zur Verfügung haben, ist über die Lippen – es ist das Gebet. Über das Gebet kannst du deine Lippen auch im Alltag kontrollieren. Etwas salopp gesagt: Weniger schimpfen – mehr beten. Denn je mehr du betest, desto weniger Zeit bleibt dir zum Schimpfen. Das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt ist – tue, was du sagst: «Lass ab vom Bösen und tue Gutes». Verwirkliche die guten Sachen, die du dir im Gebet vorgenommen hast. Und last but not least – der dritte und letzte Schritt: «Suche Frieden und jage ihm nach!». Hier denken die meisten zuerst an den Weltfrieden und dieser ist zweifelsohne wichtig und keine Selbstverständlichkeit. Doch ich sage: Lass uns im Kleinen beginnen. Denn auch der Weltfrieden beginnt mit dem Frieden zwischen zwei Menschen und der Frieden zwischen zwei Menschen beginnt mit dem Frieden in ihren Herzen. Wie jagen wir also diesem Frieden nach? Wir schauen jeden Abend auf den Tag, auf unsere Worte und Werke, zurück, wie es zum Beispiel in dem Stundengebet der Kirche – der Komplet – vorgesehen ist oder wie uns dazu der Epheserbrief ermahnt:

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. (Eph 4,25–27)

Wenn wir dies tun, werden wir ein glückliches Jahr haben. Und sollte uns das Unglück dennoch heimsuchen, haben wir die Verheissung aus unserem Psalm, V. 19: «Nahe ist der HERR den zerbrochenen Herzen und dem zerschlagenen Geist bringt er Hilfe» (Ps 34,19).

So dürfen wir heute mit Freude und Hoffnung in das neue Jahr «losgehen», wie es im gleichnamigen Gedicht von Inken Christiansen heisst, das ich uns auf diesen Weg mitgeben will:

Die Verheissungen des Morgens atmen.
In die Stille des Unberührten aufbrechen.
Schlafende Häuser hinter sich lassen.
Wind im Gesicht spüren.
Dem neuen Jahr entgegenlaufen.
Mit eigenen Schritten hineinwandern.
Bekannte Wege wie Neuland erkunden.
Ins Weite wollen.
Dem Ungewissen vertrauen.
Aus der Dunkelheit heraustreten.
Auf den Beginn setzen.
Mit den Knospen rechnen.
Gottes Himmel offen sehen.
Alles für möglich halten.
Anfangen.

Zum Ewigkeitssonntag (Joh 11,21–27)

Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh 11,25)

«Ich bin die Auferstehung und das Leben…», sagt Jesus im 25. Vers unserer Erzählung aus dem Johannesevangelium. Ein bekannter Vers, den wir oft bei Abdankungen hören und der in vielen Kirchen zur Liturgie des Gedenkens an die Verstorbenen gehört, sei es der evangelische «Ewigkeits-» oder «Totensonntag» am letzten Sonntag des Kirchenjahres, oder der katholische Gedenktag «Allerseelen» am Anfang November. Und dann hören wir diesen Vers wieder im Frühling zu Ostern, wenn wir die Auferstehung Jesu feiern. Nicht ohne Grund nennt man also den Ewigkeitssonntag auch das «herbstliche Osterfest» und es gibt Kirchen die an diesem Tag wie zu Ostern die weisse liturgische Farbe verwenden, um die Auferstehung von den Toten zu betonen. Denn unsere Verstorbenen werden in Christus auferstehen – das ist unser Glaube und unsere Hoffnung. Ich habe mich heute für die violette Farbe entschieden. Nicht aus dem Grund, weil ich die Auferstehung nicht betonen wollen würde – ich denke, das kann man nicht genug oft tun –, sondern, weil ich überzeugt bin, dass wir hier immer zu schnell ans Ende der Geschichte kommen ohne uns des langen Weges, den jede und jeder von uns im Leben gehen muss, bewusst zu werden. So lesen wir oft auch die heutige Erzählung zu schnell und vom Ende her, zumal die meisten von uns schon wissen, wie es ausgeht: Jesus wird Lazarus, den Bruder von Marta und Maria, auferwecken. Doch bei dieser schnellen Lektüre übersehen wir viele Kleinigkeiten, die vielleicht theologisch nicht so bedeutend sind, doch für unser Leben auf dieser Welt einen Unterschied machen. Denn das Leben besteht vor allem aus Kleinigkeiten und es sind oft Kleinigkeiten, die uns wirklich glücklich machen: ein kleines gebasteltes Geschenk von unseren Kindern, eine kleine Blume als Zeichen der Liebe oder ein gutes Wort als Zeugnis der Freundschaft. Das alles macht das Leben aus und das alles macht uns menschlich. Und das alles macht auch Gott ‹menschlich›. Denn, wenn es am Anfang des Johannesevangeliums heisst, dass Gott Mensch geworden ist, bedeutet es auch, dass wir einen Gott haben, der ‹menschlich› ist: Er ruft nicht einfach vom Himmel her: «Ich bin die Auferstehung und das Leben», sondern am Grab auf der Erde – er geht unseren Weg mit uns und leidet und weint mit uns.

Denn ein paar Verse weiter heisst es in unserem Evangelium: «Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus» (Joh 11,33–35). Jesus weint am Grab von seinem Freund Lazarus, obwohl er weiss, dass er ihn bald zum Leben erwecken wird. Doch es ist noch nicht so weit und das Wissen macht den Schmerz nicht leichter, denn das Wissen hilft nur dem Kopf und der Mensch ist mehr. Der bekannte chilenische Dichter Pablo Neruda schreibt in einem seiner Gedichte: «Es war schön zu leben, da du lebtest». Er bringt in einem einfachen Vers das auf den Punkt, was im Leben wirklich von Bedeutung ist: Die Beziehung zu Menschen, die wir lieben. Und solange die Trennung da ist, die der Tod verursacht, solange dauert auch der Schmerz an, auch wenn wir wissen, dass die Toten auferstehen werden. Denn das weiss auch Marta in unserer Erzählung, wenn sie zu Jesus sagt: «Ich weiss, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag». Sie glaubt und hofft, wie wir, dass eines Tages – am Ende der Geschichte – wir und all unsere Verstorbenen auferstehen werden. Doch heute ist ihr Bruder noch tot. Und besonders bitter ist die Tatsache, dass es nicht so hätte sein müssen: «Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben», sagt sie zu Jesus. Denn er hätte ihn bestimmt – wie all die anderen – geheilt. Jetzt ist aber zu spät. Und in diese Situation, wo nichts mehr zu machen ist, kommt das Wort Jesu: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt». Er sagt nicht etwa: ‹Keine Angst, ich werde ihn gleich auferwecken›, sondern: «Ich bin die Auferstehung», wo er das ‹jetzt und da› betont. Und um zu zeigen, dass sein Wort wahr ist, erweckt er Lazarus vor den Augen der Trauergemeinde wieder zum Leben. Doch was hat das mit uns und unseren Verstorbenen zu tun?

In einem alten Taufbekenntnis der Kirche, das oft einfach nur das ‹Apostolikum› genannt wird, heisst es am Ende: «Credo in … Sanctorum communionem» / «Ich glaube … an die Gemeinschaft der Heiligen». Damit ist etwa nicht gemeint, dass wir glauben sollten, die «Heiligen» haben es gut – sie haben im Himmel eine gute Gemeinschaft. Nein, mit den Heiligen sind wir gemeint. Das Bekenntnis bringt zum Ausdruck, dass wir als Kirche nicht nur eine Gemeinde der Lebenden sind, sondern auch aller in Christus Verstorbenen. In einer Benediktinerabtei in Deutschland bringt diesen Glauben sehr schön die Kirchenarchitektur zum Ausdruck: Das Chorgestühl, wo die Mönche jeden Tag das Gebet singen, bildet in der Kirche vor dem Altar einen Halbkreis. Auf der anderen Seite der Kirchenmauer hinter dem Altar befindet sich dann ein zweiter Halbkreis – der Friedhof, wo die Verstorbenen Brüder ruhen. So schliesst sich der Kreis der Gemeinschaft der Heiligen und des Lebens.

Und so ist das Schrecklichste, was der Tod verursacht, nämlich die Trennung von unseren Liebsten, in Christus nicht mehr vorhanden. Aus unserer Perspektive können es noch Jahre oder Jahrzehnte sein, bevor wir uns wiedersehen, aus der Perspektive der Verstorbenen sieht es aber ganz anders aus: Sie sind in Christus bereits auferstanden. Denn die Zeit spielt bei Gott keine Rolle. Das bedeutet nicht, dass wir nicht trauern dürften und zweifelsohne müssen wir einen Weg gehen, den auch die Schwestern Maria und Marta in unserer Erzählung gegangen sind. Wir gehen diesen Weg aber nicht allein und in Christus sind wir von unseren Verstorbenen nicht mehr getrennt. Wir sind die Gemeinschaft der Heiligen und sind als Kirche der Lebenden gemeinsam unterwegs. Das Gedicht von dem deutschen Priester und Lyriker Wilhelm Willms bringt dieses Gemeinsam-unterwegs-sein sehr schön zum Ausdruck:

welcher engel wird uns sagen
dass das leben weitergeht
welcher engel wird wohl kommen
der den stein vom grabe hebt

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

welcher engel wird uns zeigen
wie das leben zu bestehn
welcher engel schenkt uns augen
die im keim die frucht schon sehn

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

welcher engel öffnet ohren
die geheimnisse verstehn
welcher engel leiht uns flügel
unsern himmel einzusehn

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

Die Engel helfen Menschen, die unterwegs sind, rufen sie zur Umkehr und künden zukünftige Ereignisse an. So ist auch das Violett eine liturgische Farbe der Erwartung, der Besinnung und der Umkehr. Sie fokussiert sich auf den Weg und die Vorbereitung auf etwas Grösseres: Wir treffen sie bald in der Adventszeit an, wo sie uns auf dem Weg zur Christnacht begleitet, und im Frühling in der Fastenzeit vor Ostern, bis beide Male die weisse Farbe alles wieder erhellt. Und auf diese Art und Weise ist sie uns auch heute ein Zeichen dafür, dass wir unterwegs sind: von der schwarzen Farbe des Todes zu der weissen Farbe der Auferstehung und des Lebens.

Von der Dankbarkeit (Mt 6,25–33)

Sorgt euch nicht um euer Leben… (Mt 6,25)

Ich muss gleich am Anfang ein Geständnis machen: Von dem Text aus dem Matthäusevangelium habe ich Ihnen einiges unterschlagen und zwar einen Vers am Anfang und einen am Ende. Und vielleicht sollte ich es erklären, zumal viele Zuhörer gerne die ganze Geschichte hören. Nun die Worte Jesu, die wir heute gelesen haben, stammen aus der berühmten Bergpredigt und damit man ihnen ganz gerecht ist, müsste man, denke ich, eigentlich die ganze Bergpredigt lesen. Das können wir heute leider nicht tun, ich würde aber jedem empfehlen die Kapitel 5–7 aus dem Matthäusevangelium irgendwann komplett zu lesen. Es ist einer der schönsten Texte im Neuen Testament, wo man zum Beispiel auch die Seligpreisungen, die Goldene Regel oder das Vaterunser findet, und – und nun komme ich zu dem Punkt – es ist meines Erachtens ein durchaus fröhlicher Text, auch wenn er sehr kritische Verse beinhaltet: Einige von ihnen können auf den ersten Blick etwas radikal und andere wiederum etwas negativ oder pessimistisch erscheinen. So ist es auch mit dem Vers 24 am Anfang unserer Erzählung und mit dem Vers 34 an ihrer Ende. Aber hören Sie selber, zuerst Vers 24:

Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. [Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht usw.].

Und jetzt Vers 34 am Ende:

Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.

Der Mammon und die Plagen des Alltags haben mit unserem heutigen Thema natürlich auch etwas zu tun, und ich komme darauf später noch zurück, würden der Erzählung aber einen negativen Rahmen verleihen, der gar nicht so zur Bergpredigt passt, und von dem Wichtigsten in der Rede Jesu ablenken und das sind die «Vögel des Himmels» und die «Lilien des Feldes», denn von ihnen sollten wir etwas lernen. Wenden wir unseren Blick also zuerst diesem schönen Bild zu.

Der bekannte dänische Theologe und Philosoph Søren Kierkegaard nennt unseren Text «mein liebes Evangelium» und es gibt keine andere biblische Stelle, die er häufiger zitiert. In der Ikonographie und Kunst begleiten die Vögel und Lilien zusammen mit einem Felsen als Motiv wiederum die ganze Bergpredigt. Und in der Tat atmen diese Naturbilder den Geist der Bergpredigt, der ruhig und zugleich radikal ist. Denn, was Jesus hier verlangt, ist nichts anderes, als dass wir die fundamentalen Sorgen eines Menschen aufgeben: nämlich die Sorgen ums Essen und Trinken und um die Kleidung. Denn es steht dort nicht etwa: ‹Sorgt euch nicht darum, wo ihr wohnt, oder, wie hoch ihre Rente sein wird›, nein: es sind die Nahrung und die Kleidung. Im Grunde also alles – der Leib und die Seele, wie es im Griechischen steht, oder einfach das Leben an sich, wie es unsere Übersetzungen weitergeben. Beispiel sollten wir uns dann an den Vögeln nehmen, die ja auch nicht säen und ernten, und an den Lilien, die ja auch wunderschön gekleidet sind ohne zu arbeiten. Ist es jetzt einfach Hohn oder nur die Naivität eines Predigers, der keine Ahnung vom wirklichen Leben hat? Oder ist es ein poetischer Text, den man – wie ein Gedicht – nicht so wortwörtlich nehmen darf? Ich denke, keine von diesen Möglichkeiten trifft wirklich zu, wobei man mit Hohn und Naivität sehr wahrscheinlich etwas näher liegen würde, denn Jesus scheint es mit den Vögeln und Lilien ernst zu meinen. Die Frage lautet also, wie realistisch diese Forderung der Bergpredigt eigentlich ist, denn, falls sie es nicht ist, ist es wirklich ein Hohn für alle Menschen mit einem Terminkalender und eine Aufforderung zur Naivität oder schlimmer noch: zur Verantwortungslosigkeit. Denn wir alle müssen ja schauen, wie wir über die Runden kommen, und es ist nicht immer einfach. Und im Unterschied zu den Vögeln und Lilien müssen wir eine Steuererklärung machen und unser Leben planen, was notwendigerweise mit sich Sorgen bringt.

Wirklich? Ich glaube nicht. Das Wort ‹Evangelium› bedeutet im Griechischen eine ‹gute Nachricht› und das hier wäre eindeutig eine schlechte. Es würde bedeuten, das wir das Leben genauso bewältigen müssen wie früher, jetzt allerdings mit der Auflage sich nicht Sorgen machen zu dürfen. Doch das Evangelium ist eine gute Nachricht und will uns keine neuen Auflagen machen, sondern uns von den alten befreien – in diesem Fall von all den Sorgen, die sich ein Mensch im Leben nur machen kann. Und es wird uns hier nicht einfach nur gesungen «Don’t Worry Be Happy!», wie in dem Song von Bobby McFerrin, sondern es wird uns erklärt, warum es so ist und Schritt für Schritt gezeigt, wie wir aus diesem Sorgen-Karussell rauskommen können.

Erstens ist es so, dass du dein Leben nicht signifikant verlängern kannst, wenn du dir Sorgen machst. Probleme werden im Leben kommen und wenn du dich sorgst, verdoppelst du sie nur, wie es auch bei Bobby McFerrin steht, und erfahrungsgemäss wirst du dein Leben dadurch sogar verkürzen. Ausserdem bringt jeder Tag neue Probleme oder wie es in dem (von mir unterschlagenen) Vers am Ende der Erzählung heisst: «Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage». Beziehe also nicht deine Probleme im Voraus und zwar dadurch, dass du dich schon heute um morgen und übermorgen sorgst. Das tun die Heiden, nicht die Christen, wie es im Vers 32 steht. Leider verstehen viele diesen Vers so, als ob die Sorge um Nahrung und Kleider irgendeine heidnische Leidenschaft wäre. Und es mag sein, dass man, wenn man das Leben nicht gen Himmel ausrichtet, notwendigerweise mehr mit dem Irdischen beschäftigt ist. Der springende Punkt ist aber ein anderer: Die Heiden beziehungsweise die Völker, wie es im Griechischen steht, können gar nicht anders. Denn im Unterschied zu Israel und zu uns, haben sie keinen Hirten, der sich um sie sorgen würde: Sie sind wie Schafe, die selber schauen müssen, wo sie etwas zum Fressen und Trinken kriegen und wo sie die Nacht verbringen. Dagegen haben wir einen guten Hirten: ‹Er weidet uns auf grünen Auen und führt uns zur Ruhe am Wasser› (Ps 23). Ja, wir haben sogar einen guten Vater, der weiss, dass wir das alles brauchen, und zu dem wir jeden Tag sagen dürfen: «Unser tägliches Brot gib uns heute».

Bereits dieses Wissen und das tägliche Gebet müssten uns also von jeglichen Sorgen des Alltags befreien. Aber ein guter Vater oder eine gute Mutter rufen einfach nicht von weitem her: «Ich bin für dich da, das wird schon!», sondern begleiten ihre Kinder Schritt für Schritt bis sie selber laufen können. So zeigt uns auch Gott in den Evangelien, was wir tun können, damit wir eines Tages zu dieser verheissenen Freiheit und Sorglosigkeit der Kinder Gottes gelangen. 1. Als erstes sollten wir unser Leben neu ausrichten: «Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben». Die ‹irdischen› Sachen gibt es also als Beigabe zu den ‹himmlischen›, du musst dich aber entscheiden, wie du dein Leben ausrichtest, denn andersrum funktioniert es nicht. Deswegen heisst es am Anfang: «Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen» und vorher «Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde». 2. Wenn du dich entschieden hast und dein Leben neu ausgerichtet hast, dann ‹gehe durch das enge Tor und nehme den schmalen Weg› (Mt 7,14). Dies gelingt dir allerdings nur dann, wenn du dich kleiner machst und zwar so klein, dass du zu einem kleinen Kind wirst. Deswegen heisst es auch ein paar Kapitel weiter: «Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen» (Mt 18,3).

Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton, den man vor allem als Autor von Krimigeschichten kennt, illustriert diese veränderte Perspektive in einer schönen Kurzgeschichte, die ich hier sehr verkürzt weitergebe:

Es waren einmal zwei kleine Jungen, Paul und Peter, die lebten vornehmlich im Vorgarten, denn ihr Heim war eine Art Musterhaus. Der Vorgarten besass die gleichen Ausmasse wie der Esstisch; er bestand aus vier Streifen mit Kies, einem quadratischen Rasenstück mit einem Blumenbeet mit einer Reihe roter Gänseblümchen. Eines Morgens spielten sie gerade auf diesem romantischen Fleckchen Erde, als sich der Milchmann, (der natürlich in Wirklichkeit eine Fee war), über die Mauer beugte und den Jungen erwartungsgemäss das Angebot unterbreitete, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen.

Paul nahm das Angebot rasch an und erklärte, lange schon habe er das Verlangen verspürt ein Riese zu sein. Der Milchmann zog einen Zauberstab aus seiner Westentasche und im Nu schrumpfte das Musterhaus mit seinem Vorgarten und stand wie ein winziges Puppenhäuschen vor Pauls gewaltigen Füssen. Paul aber schritt dahin, den Kopf über den Wolken. Als er zum Himalaya kam, erschienen die Berge ihm winzig und ein wenig lächerlich, fast wie das kleine Steinbeet daheim im Garten; und als er bei den Niagarafällen stand, waren diese nicht grösser als der aufgedrehte Wasserhahn zu Hause im Badezimmer. So wanderte er einige Minuten lang um die ganze Welt und suchte nach etwas wirklich Grossem, doch alles, was er fand, war klein und unscheinbar, so dass er sich schliesslich gelangweilt auf fünf Prärien zur Ruhe bettete.

Peter hingegen äusserte die genau entgegengesetzte Bitte, ein Winzling von einem Zentimeter Grösse sein zu wollen, und natürlich ging auch dieser Wunsch unverzüglich in Erfüllung. Plötzlich stand er inmitten einer unendlichen Ebene, die mit dichtem Grün bedeckt war; in gewissen Abständen voneinander aber ragten eigentümliche Bäume in die Höhe, deren Kronen an die Darstellung der Sonne auf symbolistischen Gemälden denken liessen. Weit jenseits davon, am blassen Horizont, konnte der Junge die Konturen eines anderen Waldes ausmachen: Er war grösser und geheimnisvoller und von einer furchtbar roten Farbe, als stünde der Wald für alle Zeiten in Flammen. Peter also begab sich auf eine abenteuerliche Reise über die farbenprächtige Ebene, und bis auf den heutigen Tag ist er immer noch unterwegs zu seinem Ziel.

Der moderne Mensch ist ein unglücklicher Riese geworden, dem die ganze Welt nicht genug ist. Doch glücklich können wir nur werden, wenn wir uns wieder ganz klein machen. Nur dann können wir die ganz kleinen Dinge in unserem Leben sehen, die wir sonst nicht merken oder für selbstverständlich halten würden, und für sie dankbar sein. Nur dann haben wir die Augen für die Vögel und Lilien in unserem Garten offen; und vielleicht auch für eine kleine Hummel oder den Schmetterling.

Ich habe das Glück, dass ich dies bei unserem Sohn Benedikt, der mittlerweile vier Monate alt ist, jeden Tag beobachten kann. Kinder können sich Stunden über Kleinigkeiten freuen und sind jeden Tag für sie unermüdlich aufs Neue dankbar. Und das ist die Lebenseinstellung, die das Evangelium von uns – und für uns – will, wenn Jesus unseren Blick auf die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes lenkt. Die Dankbarkeit ist der königliche Weg der Spiritualität und man findet sie im Herzen jeder Religion, denn von alten Zeiten her waren Menschen – wie wir heute am Erntedankfest – Gott oder dem Göttlichen für die Sonne, den Regen und die Ernte dankbar. Nur der moderne Mensch, der ein Riese geworden ist, denkt, die ganze Welt liege ihm zu Füssen und er muss jetzt noch nach den Sternen greifen. Er hält die Dankbarkeit für überflüssig, hamstert die Nahrung und Kleider im Überfluss, und ist dennoch unglücklich, denn die Sorgen werden dadurch nicht kleiner, sondern grösser.

So höre Mensch den Weckruf des Evangeliums, mache dich kleiner und werde wieder zum Kind. Dann darfst du ‹bitten und es wird dir gegeben; suchen und du wirst finden; anklopfen und es wird dir geöffnet› (Mt 7,7). Und die Dankbarkeit wird dein Leben und schliesslich auch dich verwandeln, wie es auch Haemin Sunim, ein Lehrer des Zen-Buddhismus, in seinem Buch mit dem Titel Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst sehr schöne beschreibt:

Anfangs hat unser Gebet die Form,
«Bitte gewähre mir dies, bitte gib mir das»;
es entwickelt sich dann zu «Danke für alles»
und reift schliesslich zu «Ich möchte sein wie du».

 

Vom Neuanfang Gottes (Mk 4,26–34)

Denn von selbst bringt die Erde Frucht… (Mk 4,28)

Als ich diese Predigt vorbereitet habe, war es ziemlich klar, dass sich bei uns bald alles ändern wird. Denn wir standen kurz vor der Geburt unseres Sohnes und der geplante Termin war Anfang Juni. Nun ist der kleine Benedikt da und in der Tat hat sich so ziemlich alles in unserem Leben verändert. Die Nächte sind kürzer und alles ist noch etwas durcheinander. Aber es ist zweifelsohne ein guter und glücklicher Neuanfang. Es gibt aber im Leben auch Neuanfänge, die schmerzhaft sind, wo wir Abschied nehmen müssen und das Leben neu gestalten; in der Hoffnung, dass es eines Tages weiter geht, auch wenn das sprichwörtliche ‹Licht am Ende des Tunnels› noch lange nicht zu sehen ist. Sicher ist: In beiden Fällen braucht es von uns viel Kraft, sowohl körperlich als auch seelisch.

Und in diese Situation, wo wir uns Tag und Nacht abmühen, kommt das Wort Jesu aus dem Markusevangelium und will uns befreien: «Von selbst bringt die Erde Frucht», heisst es dort (Mk 4,28). Nun alle, die schon mal im Garten etwas gepflanzt haben, wissen, dass es mit dem Samen auf dem Acker nicht so ganz einfach ist. Es stimmt zwar schon, dass wir die Pflanze selber sozusagen nicht an den Blättern aus der Erde ziehen können und es am Ende immer wieder nur ein Geschenk Gottes ist, wenn aus einem kleinen Samen eine Pflanze wird, es kostet aber Arbeit: Wir müssen die Erde auflockern, wässern, Unkraut bekämpfen und so weiter. Doch im Unterschied zu dem bekannten Gleichnis vom Sämann, das Jesus bei Markus kurz vorher erzählt, scheint unser Gleichnis das ganze Ackern nicht zu interessieren. Es richtet die Aufmerksamkeit vielmehr auf die Untätigkeit des Menschen: «Er schläft und steht auf, Nacht und Tag. Und der Same sprosst und … er weiss nicht wie» (Mk 4,27). Denn während es im Gleichnis vom Sämann darum geht, wie wir das Feld unseres Herzens für das Wort Gottes vorbereiten sollten, ist die fruchtbare Erde in unserem Gleichnis bereits parat und in den Blick rückt das eigentliche Wunder des Wachstums und das Mysterium des Reiches Gottes.

Das griechische Wort, das hier im Text für das Deutsche «von selbst» verwendet wird, ist «automatos». Wir könnten also auch sagen: Die Erde bringt automatisch Frucht und zwar so, dass wir nicht einmal merken, wie es geschieht. Die Bibel verwendet hier mit Absicht Bilder des Wachstums aus der Natur, denn das Reich Gottes kommt – wie eine kleine Pflanze im Garten – langsam, unbemerkt, mit kleinen Veränderungen jeden Tag: zuerst der Halm, dann die Ähre und erst dann das volle Korn. Es ist kein Weg des schnellen Erfolgs, der uns hier vor Augen geführt wird, sondern ein langsamer Weg des alltäglichen Wachstums. Doch wir haben eine starke Verheissung: Haben wir nämlich unser Herz richtig vorbereitet, bringt dieses automatisch Frucht, wenn es das Korn, das heisst Christus als Wort Gottes, empfängt. Denn, wie der Prophet Jesaja poetisch schreibt, ‹wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das Gottes Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu ihm zurück, sondern bewirkt, was er will, und erreicht all das, wozu er es ausgesandt hat› (Jes 55,10–11).

Das Wort Gottes hat wie der Samen einer Pflanze bereits das ganze Potenzial eines neuen Lebens und eines gesegneten Neuanfangs in sich und es braucht nur Raum in unserem Herzen, um es entfalten zu können. Unser Herz muss also wie gute Erde luftig sein und offen bleiben. Wie der Dichter Hermann Hesse in seinem bekannten Gedicht «Stufen» schreibt:

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Dieser Anfang mag zuerst klein sein, wie ein Senfkorn, doch ihm wohnt eine göttliche Kraft inne und er wird uns beschützen und uns helfen zu leben. Und eines Tages wird das kleine Korn zu einer grossen Pflanze, die sogar den auf dem Boden nistenden Vögeln des Himmels Schatten bieten kann. Dieses malerische Bild der nistenden Vögel, dem wir schon in der ersten Lesung aus dem Buch Ezechiel begegnet sind, steht symbolisch für Segen Gottes – für die Verbindung der Erde und des Himmels, die wir uns täglich mit den Worten «Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden» erbitten.

Das Interessanteste in unserem heutigen Text ist allerdings das, was Gott von uns erwartet, dass wir in der Zwischenzeit tun, um die Erde unseres Herzens luftig zu halten, nämlich: nichts. Wir sollen, wie der Mensch in unserem Gleichnis, in der Nacht einfach schlafen und am Tag aufstehen, und wir sollen nicht wissen, wie der Samen keimt und wächst. Denn das wissen zu wollen «wie» strebt nach Kontrolle. Doch wir haben keine Kontrolle über Gott und seine Welt und deswegen sollten wir für einmal loslassen, nichts tun und unwissend der Kraft des Samens vertrauen. Ähnlich wie auch Eltern lernen müssen ihren Kindern zu vertrauen, zumal sie sie nicht vor allem beschützen und auch nicht kontrollieren können. Doch es ist eine Art aktive Untätigkeit, die von uns verlangt wird und die erforderlich ist, damit das Wort Gottes in unserem Leben keimen und sprossen kann. Wir sollten, wie der Mensch in unserem Gleichnis, einen natürlichen Rhythmus finden und lernen zu warten, zumal zu viel Aktivität hier genauso schädlich ist wie zu viel Passivität. Denn oft wollen wir Sachen in unserem Leben beschleunigen und sofort Früchte sehen, obwohl die Zeit dafür gar nicht reif ist. Doch in der Erde ständig rumzuwühlen hilft dem Wachstum gar nicht, eher umgekehrt. Alles endet dann mit einer grossen Enttäuschung, die uns wiederum in eine Passivität und Resignation wirft. Diese sagt dann zu uns: Du wirst nie Früchte sehen und nagt an unserem Glauben. Und wir steuern dagegen mit mehr Aktivität und bevor wir es merken befinden wir uns in einem Kreis, aus dem es nicht einfach ist auszubrechen.

Doch die Lösung ist hier nicht einfach ein mittlerer Weg irgendwo zwischen einer übertriebenen Aktivität und Resignation, sondern es braucht von uns eine ganz neue Einstellung, wo zu handeln nichts-zu-tun bedeutet und wo wir beim Loslassen die Kontrolle im Vertrauen an Gott abgeben. Und dies muss geübt werden, denn es klingt einfacher als es ist. Hier könnten wir als Christinnen und Christen etwas von dem chinesischen Philosophen Lao-Tse lernen, der viel über das Nichtstun nachgedacht hat und dem das Zitat zugeschrienen wird: «Im Nichtstun bleibt doch nichts ungetan». Die folgende Kurzerzählung illustriert sehr schön diese in Daoismus und Buddhismus verbreitete Haltung des Loslassens:

Am Strand des Meeres wohnten drei alte Mönche. Sie waren so weise und fromm, dass jeden Tag ein kleines Wunder für sie geschah. Wenn sie nämlich morgens ihre Andacht verrichtet hatten und zum Bade gingen, hängten sie ihre Mäntel in den Wind. Und die Mäntel blieben im Wind schweben, bis die Mönche wiederkamen, um sie zu holen. Eines Tages, als sie sich wieder in den Wellen erfrischten, sahen sie einen grossen Seeadler über das Meer fliegen. Plötzlich stiess er auf das Wasser herunter, und als er sich wieder erhob, hielt er einen zappelnden Fisch im Schnabel. Der eine Mönch sagte: «Böser Vogel!» Da fiel sein Mantel aus dem Wind zur Erde nieder, wo er liegen blieb. Der zweite Mönch sagte: «Du armer Fisch!» Und auch sein Mantel löste sich und fiel auf die Erde. Der dritte Mönch sah dem enteilenden Vogel nach, der den Fisch im Schnabel trug. Er sah ihn kleiner und kleiner werden und endlich im Morgenlicht verschwinden. Der Mönch schwieg und sein Mantel blieb im Winde hängen.

Der dritte Mönch konnte loslassen, geschehen lassen – er hat nicht bewertet und war innerlich frei. Denn bewerten zu wollen ist nichts anderes als kontrollieren zu wollen und solange wir die Kontrolle behalten wollen, sind wir nicht frei. Doch wir müssen nicht unbedingt bis nach China oder Japan. Im Johannesevangelium finden wir einen ähnlichen Weg einer aktiven Untätigkeit: «nachfolgen» heisst hier «bleiben» – bleiben, gedeihen und Früchte bringen, wie die Reben am Weinstock, wie es poetisch in dem 15. Kapitel ausgedrückt wird. Nach dem Johannesevangelium kommen wir als Jüngerinnen und Jünger nur voran, wenn wir in Christus bleiben und seine Worte in uns. Und dies ist allgemein auch der Grund, warum Gott in der Bibel zu uns oft in Gleichnissen spricht: Wir sollten an seinem Wort ein bisschen kauen, sich damit eine Weile beschäftigen, damit es nicht nur den Verstand erreicht, sondern auch das Herz.

Wenn Dir also einen Neuanfang bevorsteht – und das wird im Leben immer wieder der Fall sein –, oder wenn Du einfach neu anfangen willst, lass Dir diesen Neuanfang von Gott schenken, lass Dich von seinem Wort beschützen und tragen. Die Bibel, die ja jede und jeder von uns sehr wahrscheinlich irgendwo zuhause hat, ist eine grosse Samenbibliothek in der es für jede und jeden von uns die passende Saat des Wortes Gottes für das ganze Leben gibt. Bitte also Gott, dass er Dir die passende Saat für Dein Herz schenkt, bewahre es im Herzen, indem Du dieses Wort jeden Tag zu Dir im Gebet aussprichst, und tue nichts – denn die Erde bringt von selbst die Frucht.