Das Geheimnis der Taufe (Lk 3,15–16.21–22)

«Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott» (Jes 40,3)

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem sehr trockenen Land. Vielleicht nicht gerade in der Wüste, aber an einem Ort, wo es an Wasser mangelt und die Tatsache, ob man genug Wasser hat, für das Leben von Ihnen und Ihrer Familie entscheidend ist. Und man muss sich hier nicht mehr in exotische Länder begeben, ich denke, es reicht vollkommen, wenn man zum Beispiel nur an den letzten trockenen Sommer denkt. Die Dürre und Hitze plagen also das Land, wo kaum noch etwas wächst, doch Sie haben im Garten einen wundersamen Brunnen, aus dem das Wasser in solchen Mengen sprudelt, dass es für Sie, Ihre ganze Familie und auch die Nachbarn reicht. Ich denke, jede und jeder von uns würde diesen Brunnen sehr gut pflegen und schützen und dafür sorgen, dass das Wasser im Garten überall ankommt, wo es gebraucht wird. Denn nur dann, kann man sich über die schönen Blumen, die süssen Früchte oder den Schatten der Bäume freuen.

Und so einen wundersamen Brunnen hat jede und jeder von uns von Gott geschenkt bekommen und zwar mit der Taufe. Die meisten von Ihnen erinnern sich an die eigene Taufe natürlich nicht, zumal Sie sehr wahrscheinlich – wie ich auch – als Baby getauft wurden. Doch ungeachtet dessen, ob wir es erinnern oder nicht, ist der Brunnen da – irgendwo in dem Garten von jeder und jedem von uns. Vielleicht hat man ihn schon vergessen und er ist unter dem Bauschutt und Krumm und Kram aus dem Alltag unseres Lebens begraben, aber ich versichere Ihnen, er ist da. Denn als Christen sind wir «aus dem Wasser und dem Geist geboren» (Joh 3,5) und die Taufe ist die wundersame Quelle des christlichen Lebens.

Wieso spüren wir aber oft so wenig von dieser Kraft in unserem Leben? Ich denke, viele von uns haben diesen Brunnen in der Tat einfach vergessen und nehmen sein Wasser im Alltag nicht in Anspruch oder wissen gar nicht, wie man aus dieser Quelle schöpft. Und nun liegt dieser wundersame Brunnen schon seit Jahren irgendwo in dem Garten unseres Herzens unter anderen Sachen begraben und wir wundern uns, dass in unserem Leben nichts grünt und wächst, oder nur ganz wenig. Deswegen ist es gut, dass uns das Evangelium heute – gleich am Anfang des Jahres – an diese Quelle erinnert, denn sie stand ja auch am Anfang des Wirkens Jesu. Und die Geschichte erzählt uns auch etwas darüber, was die Taufe ist und wie sie in unserem Leben wirkt.

Die Erzählung aus dem Lukasevangelium, die wir gehört haben, beginnt aber nicht mit Jesus und seiner Taufe, sondern mit der Predigt von Johannes dem Täufer. Er ist die Stimme in der Wüste, die ruft: «Bereitet dem Herrn den Weg». Und wer die Geschichte aus dem dritten Kapitel bei Lukas ganz liest, findet schnell heraus, dass es sich hier vor allem um eine Wüste der menschlichen Beziehungen handelt. Denn Johannes findet in seiner Predigt keine netten Worte für seine Zeitgenossen: «Schlangenbrut» heisst es dort (V.7), und dann kommen noch Drohungen dazu: «Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen» (V.9). Von dem Feuer, mit dem Jesus alle taufen soll, hat Johannes dabei eine ganz eigene Vorstellung: Der Messias kommt, um «den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen (V.17)». Und dann kommt Jesus und die von Johannes versprochene Feuerapokalypse bleibt aus. Stattdessen hört man Seligpreisungen und eine Predigt über Gottes Liebe. Es erfüllt sich also eher das, was anderswo im Buch des Propheten Jesaja steht: «Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen» (Jes 42,2–3). Hat sich Johannes also getäuscht? Zum Teil ja. Dafür spricht auch die Tatsache, dass er vier Kapitel später, als er von Herodes ins Gefängnis geworfen wurde, weil er ihm mit dem selben Feuer ins Gewissen geredet hat, seine Jünger losschickt, um Jesus zu fragen, ob Jesus nun wirklich der Messias sei (Lk 7,19). Und was war die Antwort Jesu? «Er antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet» (Lk 7,22). Ja, Jesus ist der Messias und alles verändert sich, aber anders als sich das Johannes vorgestellt hat: Der Geist Gottes, der sich oft als Feuer offenbart, kommt nun in der Gestalt einer Taube. Nicht etwa als ein Adler oder ein Feuerphönix aus den alten Sagen, nein: eine einfache Taube. Diese bringt aber eine ganz besondere Botschaft mit sich auf die Erde, nämlich: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden» (V.22).

Und genau diese Zusage gilt dank der Taufe auch uns und zwar lebenslang. Denn, wie Paulus an die Galater schreibt: «alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen» (Ga 3,26–27). Ja, mit dem Taufkleid haben wir auch Christus angezogen, sei es als Babies oder Erwachsene. Die Benediktinerin Charis Doepgen OSB drückt es mit einem schönen Bild zur Taufe aus:

Taufe

Familienfest
mit entzückendem Säugling
im Mittelpunkt

Overtüre
zu einem Stück
das nicht mehr gespielt wird

Beurkundeter Akt
für den sich
die Statistiker interessieren

oder was?
wer weiß es noch:

Zusage von Gott
geliebte Tochter, geliebter Sohn
zu sein – ein Leben lang

Ja, oft bleiben wir bei dem Äusserlichen und Sichtbaren stehen und vergessen, dass das Sakrament ein sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit ist, wie es auch das lateinische Wort «sacramentum» andeutet. Denn mit ihm übersetzt man das griechische Wort «μυστήριον», das bedeutet «Geheimnis», und die Taufe ist das Geheimnis des christlichen Lebens und die verborgene Quelle im Garten unseres Herzens, wie es im Johannesevangelium schön heisst: Wer an Jesus glaubt, «aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben» (Joh 7,38–39).

Dieser Brunnen hat also reichlich Wasser, schöpfen wir also dieses Jahr aus dieser Quelle! Und wie tut man es? In zwei Schritten:

  1. Höre auf aus eigener Kraft zu leben, denn das ist die erste Sache, die dich daran hindert aus der wahren Quelle zu schöpfen. In dem Bild des Neuen Testament ist es das normale Wasser, das jeder Mensch zur Verfügung hat, und wie Jesus bei Johannes sagt: «Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen» (Joh 4,13). Hier können uns auch unsere Charaktereigenschaften im Wege stehen, die im Grunde positiv sind, die uns aber dazu verleiten nur aus eigener Kraft zu leben, unter dem Motto: «Das schaffe ich schon». Doch irgendwann kommt jeder Mensch an seine Grenzen, einige früher und andere später, aber irgendwann trifft es jede und jeden von uns. Und dann sitzen wir in der Wüste unseres Lebens und beten zu Gott, dass er uns zu einer Oase führt. Dies wird er zweifelsohne machen, doch er hat für jeden Menschen eine bessere Lösung, denn wie es bei Johannes weiter heisst: «Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt» (Joh 4,14).
  2. Lege die wahre Quelle in deinem Leben frei: Schaue, was diesen wundersamen Brunnen in deinem Herzen verdeckt und dich daran hindert aus ihm Kraft zu schöpfen. Es sind oft die Sorgen des Alltags und andere Sachen, die uns vom Gebet abhalten. Es heisst: «Es wäre schön, aber ich habe keine Zeit». Hier betrügen wir uns allerdings selber, denn es ist wie bei einer Wanderung in der Wüste zu sagen: Für einen Halt in der Oase reicht die Zeit leider nicht, wir müssen weiter. Das man so nicht sehr weit kommt, liegt auf der Hand. Ausserdem stimmt es mit der Zeit nach meiner Erfahrung meistens nicht. Ich verbringe regelmässig Zeit in verschiedenen Klöstern und staune immer wieder, wie viel die Brüder schaffen, obwohl sie mehrmals am Tag beten. Aber vielleicht schaffen sie ja gerade deswegen so viel, weil die Arbeit mehrmals am Tag von dem Stundengebet unterbrochen wird. Denn so kann man nicht nur neue Kraft schöpfen, sondern man bekommt auch mehr Abstand zu den Problemen, die uns im Alltag plagen, und damit eine neue Perspektive, die uns erst hilft eine Lösung zu finden. Ich denke, hier sind die zehn Minuten des Gebets am Morgen und am Abend eine gute Investition. Und sollte es im Alltag dennoch nicht klappen und du solltest das Gefühl haben, dass du dich wieder in einem Hamsterrad befindest, dann lass uns es dieses Jahr gemeinsam versuchen: Komm hierher und gönn dir eine Stunde Scherzligen!

Wenn man nun beginnt von dieser Quelle wieder zu schöpfen, wird sich das Leben von jeder und jedem von uns nach und nach wundersam verwandeln. Es geschieht langsam und schrittweise, denn das Wasser braucht zum Wirken Zeit, dafür aber nachhaltig: Was trocken war wird wieder grün werden und je mehr wir aus dieser Quelle schöpfen, desto mehr Wasser gibt sie her, so dass die Wüste in uns und um uns herum nach und nach wieder zum blühenden Garten wird, wie es schön in dem Hymnus des Stundengebetes von der Schweizer Schriftstellerin Silja Walter OSB steht, mit dem ich hier heute abschliessen werde:

Jordan, sing!
Schwing deine Wasser
über die Wüste hin.
Trunken bist du vom Glanz darin:
Jesus, der Christus, steht als Lamm in den Fluten.

Menschheit, auf!
Lauf ihm entgegen,
deine Geburt ist nah!
Sieh, der Geliebte, die Hochzeit ist da:
Trink seinen Wein, den neuen, glühenden, guten!

Herrliches All!
Fall vor ihm nieder,
bring dich als Gabe dar!
Christus verwandelt dich wunderbar.
Ewiges Leben wird dich im Tode durchbluten!

Vom Frieden (Ps 34)

Suche Frieden und jage ihm nach! (Ps 34,15b)

Wir wünschen uns alles Gute und ein glückliches neues Jahr 2019. Und stecken dabei sehr viel Hoffnung in diese vier Zahlen. Alles sollte nun besser werden in diesem Jahr; oder mindestens nicht schlechter. Ja, das ganze neue Jahr liegt wie ein weisses Blatt Papier vor uns und wartet nur darauf beschrieben oder bemalt zu werden und das bringt Hoffnung: Wir dürfen jetzt zu ganz neuen Farben greifen und alles neu gestalten. Einige von uns haben vielleicht ein paar neue Vorsätze gemacht, damit die Hoffnung offiziell wird. Doch es dauert nicht lange und wir merken, dass auch dieses Jahr auf dem weissen Blatt Papier kein neuer «Van Gogh» entsteht. Viel mehr sieht es wie die Kritzelei vom letzten Jahr aus: Vielleicht etwas heller, dunkler oder bunter, aber es ist jedenfalls nicht das prachtvolle Kunstwerk, das wir am Silvester – nach einem Glas Sekt – so klar vor unserem inneren Auge hatten. Eigentlich müsste man nach ein paar Jahren aufgeben, denn ähnliche Hoffnungen und Erwartungen hat man wohl schon in die Zahlen 2018, 2017 usw. gesteckt. Doch der Mensch trachtet nach Glück und lässt dabei keine Gelegenheit aus; und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Und in der Tat, es gibt sie: die guten und die schlechten Jahre – wie es auch gute und schlechte Wochen oder Tage gibt. Nun scheinen diese nicht von unseren Vorsätzen und unseren Hoffnungen abzuhängen. Man habe es nicht in der Hand und damit müsste man sich abfinden. Und viele haben sich damit bereits abgefunden und überlassen das Glück dem Zufall und eigentlich kann man so ganz gut leben – einfach die Hoffnungen und Erwartungen runterschrauben und gut ist. Doch dann kommen solche Menschen wie David, die einfach nur wahnsinnig viel Glück hatten, und stören mit ihrem Liedchen die stoische Ruhe, indem sie mit Sätzen prallen wie:

  • ich suchte den Herrn, und er erhörte mich;
  • er hat mich all meinen Ängsten entrissen;
  • die ihn fürchten, leiden keinen Mangel usw.

Ja, sogar der König der Tiere kann «darben und Hunger leiden», doch wer den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren. Und gemeint ist dieses Lied für die «Armen» – die sollen es hören und fröhlich sein und den Herrn mit David preisen. Eigentlich sei dieses Lied ein Hohn für alle, denen es nicht so gut geht wie dem ‹Glückspilz› David. Doch das Lied ist eine Einladung an sie und alle, die «Lust am Leben haben» und sich «gute Tage wünschen». Also auch an uns, wenn wir uns ein gutes Jahr wünschen. Denn David fordert uns auf, etwas zu tun, damit es uns auch so gut geht wie ihm.

Was sollten wir also tun? Es heisst – und ich wechsle jetzt zu der neuen Lutherbibel: «Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des Herrn lehren». Der Schlüssel zu den guten Tagen und Jahren ist also die «Furcht des Herrn». Und wie sieht diese konkret aus? Die ganze ‹Lehre vom guten Leben› wird hier kompakt in zwei Versen weitergegeben:

  1. Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.
  2. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

Na gut, und was hat es nun mit dem neuen Jahr zu tun? Alles: Das Leben, das du dieses Jahr leben wirst, beginnt heute in deinem Herzen. «Denn wovon das Herz überfliesst, davon spricht der Mund» (Lk 6,45) und aus den Worten werden Taten, die das Leben formen und prägen. Das Leben des Menschen beginnt in seinem Herzen. Wenn du also dein Leben ändern willst, musst du mit deinem Herzen anfangen. Doch das Herz tut meistens, was es will. Und der einzige Weg es zu kontrollieren und zu formen, den wir zur Verfügung haben, ist über die Lippen – es ist das Gebet. Über das Gebet kannst du deine Lippen auch im Alltag kontrollieren. Etwas salopp gesagt: Weniger schimpfen – mehr beten. Denn je mehr du betest, desto weniger Zeit bleibt dir zum Schimpfen. Das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt ist – tue, was du sagst: «Lass ab vom Bösen und tue Gutes». Verwirkliche die guten Sachen, die du dir im Gebet vorgenommen hast. Und last but not least – der dritte und letzte Schritt: «Suche Frieden und jage ihm nach!». Hier denken die meisten zuerst an den Weltfrieden und dieser ist zweifelsohne wichtig und keine Selbstverständlichkeit. Doch ich sage: Lass uns im Kleinen beginnen. Denn auch der Weltfrieden beginnt mit dem Frieden zwischen zwei Menschen und der Frieden zwischen zwei Menschen beginnt mit dem Frieden in ihren Herzen. Wie jagen wir also diesem Frieden nach? Wir schauen jeden Abend auf den Tag, auf unsere Worte und Werke, zurück, wie es zum Beispiel in dem Stundengebet der Kirche – der Komplet – vorgesehen ist oder wie uns dazu der Epheserbrief ermahnt:

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. (Eph 4,25–27)

Wenn wir dies tun, werden wir ein glückliches Jahr haben. Und sollte uns das Unglück dennoch heimsuchen, haben wir die Verheissung aus unserem Psalm, V. 19: «Nahe ist der HERR den zerbrochenen Herzen und dem zerschlagenen Geist bringt er Hilfe» (Ps 34,19).

So dürfen wir heute mit Freude und Hoffnung in das neue Jahr «losgehen», wie es im gleichnamigen Gedicht von Inken Christiansen heisst, das ich uns auf diesen Weg mitgeben will:

Die Verheissungen des Morgens atmen.
In die Stille des Unberührten aufbrechen.
Schlafende Häuser hinter sich lassen.
Wind im Gesicht spüren.
Dem neuen Jahr entgegenlaufen.
Mit eigenen Schritten hineinwandern.
Bekannte Wege wie Neuland erkunden.
Ins Weite wollen.
Dem Ungewissen vertrauen.
Aus der Dunkelheit heraustreten.
Auf den Beginn setzen.
Mit den Knospen rechnen.
Gottes Himmel offen sehen.
Alles für möglich halten.
Anfangen.