Von Palmen und Psalmen (Lk 19,28–40)

Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn.
Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! (Lk 19,38)

«Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!» heisst es in unserem Evangelium (Lk 19,38). Das erinnert doch sehr an Weihnachten. Denn dort singen die Engel bei Lukas: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens» (Lk 2,14). Auch das Lied von Paul Gerhardt «Wie soll ich dich empfangen?», das wir am Anfang des Gottesdienstes zu unserer kleinen Prozession gesungen haben, findet man im Gesangbuch unter den Adventsliedern und dank Johann Sebastian Bach, der ihre erste Strophe in seinem Weihnachtsoratorium aufgenommen hat, verbindet man das Lied heute vor allem mit der Weihnachtszeit. Die zweite Strophe gehört aber eindeutig zum Palmsonntag. Denn dort singt man:

Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin, /
und ich will dir in Psalmen / ermuntern meinen Sinn. /
Mein Herze soll dir grünen / in stetem Lob und Preis /
und deinem Namen dienen, / so gut es kann und weiss.

Wie ist es zu verstehen? Für den heutigen Menschen schwer. Heute würde man wahrscheinlich sagen, die zweite Strophe gehört da nicht hin, es ist ja ein Adventslied. Denn wir denken historisch, in unserer Welt ist alles säuberlich getrennt. Doch unsere Welt ist dadurch auch sehr zersplittert.

Im Mittelalter dagegen ist die Welt noch ganz und harmonisch. Denn sie findet ihre Einheit und Harmonie in Gott und so hängt im Grunde auch alles mit allem zusammen. Es ist wie bei unserer Passionswand hier in der Scherzligkirche, die in diesem Jahr genau 550 Jahre alt wird: Auf diesem ältesten panoramatischen Bild des Mittelalters kann man alles auf einmal betrachten: den Einzug Jesu in Jerusalem, seine Passion und Auferstehung, seine Himmelfahrt, aber auch zum Beispiel die Steinigung des Stephanus und vieles mehr – als ob alles auf einmal geschehen würde. Die Welt wird hier ein bisschen mit Gottes Augen betrachtet, wo sich der Betrachter ausserhalb der Zeit befindet, und die Propheten und die Autoren der Heiligen Schriften haben schon immer die Gabe gehabt, die Welt mit Gottes Augen zu sehen.

So öffnet sich ihnen schon zu Weihnachten bei Christi Geburt das Fenster der Verheissung, durch das man den Palmsonntag sehen kann. Denn an diesem Tag erfüllen sich all die alten Verheissungen: Der Friedenskönig kommt in seine Stadt, wie es schon bei dem Propheten Sacharja vorhergesagt wurde:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sach 9,9)

Er kommt nicht auf einem Kriegsross, sondern auf einem Esel, und ist arm. Und doch wird er vor seinen Jüngern als König bejubelt und zwar «wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten» (V.37). Nun scheinen ihre Träume in Erfüllung zu gehen, denn der ‹wunderbare König› kommt. Und der Jubel war wohl so laut, dass er irgendwann zu einem Politikum wurde. Und die Pharisäer schalteten sich ein, vielleicht aus Angst vor einem drohenden Aufstand, und baten Jesus: «Meister, weise deine Jünger zurecht!» (V.39). Doch er antwortete ihnen: «Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien» (V.40). Das klingt zuerst wie eine poetische Redewendung, es ist aber eine Prophezeiung, die sich sehr schnell erfüllt hat: Denn nach der Zerstörung des Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. werden die Jünger in der Tat schweigen und die Trümmersteine der zerstörten Stadt zum Himmel schreien.

Was für eine Ironie: Denn einer der Gründe, warum Jesus überhaupt gekreuzigt wurde, war eben um den mutmasslichen Aufstand seiner Anhänger und hiermit die Zerstörung Jerusalems zu verhindern. Der Friedenskönig wurde um des Friedens willen getötet. Und es passiert immer wieder in der Geschichte und in der Politik, dass wir mit unserer Bemühung etwas zu verhindern es erst verursachen.

Und dasselbe gilt auch in unserem Leben: Wenn wir uns von Angst leiten lassen, nimmt es selten ein gutes Ende. Im besten Fall erstarren wir und unser Leben kommt zum Stillstand, der sich nur wenig von Tod unterscheidet. Viel öfters trifft aber gerade das an, was wir befürchtet haben und verhindern wollten. Als ob gerade unsere Aktivität das Unglück erst richtig anziehen würde. Doch wie steuern wir dagegen? Zumal Angst zu haben durchaus menschlich ist und jede und jeder von uns im Leben irgendwann vor etwas Angst hat.

Wir gehen den Kreuzweg. Und zwar nicht nur diese Woche, die vor uns liegt und in der wir uns den Kreuzweg in der Liturgie symbolisch vergegenwärtigen, sondern im Leben. Denn nur der Kreuzweg führt zum ‹Tod am Kreuz› und nur der Tod am Kreuz führt zur ‹Auferstehung›. Das mag jetzt etwas kryptisch klingeln, ist es aber nicht: Es bedeutet, dass wir uns im Leben nicht von der Angst, sondern von unserem Glauben leiten lassen sollten. Trotz unserer Ängste gehen wir den Weg, den wir uns vorgenommen haben, und von dem wir glauben, dass er der richtige ist, und lassen uns nicht von unseren Träumen abbringen. Die Ängste kommen natürlich mit und werden versuchen uns dazu zu bewegen, dass wir irgendwann aufgeben und einen anderen und einfacheren Weg nehmen. Und wenn sie damit Erfolg haben, bleiben sie für immer ein Teil unseres Lebens und werden uns für immer begleiten und unser Leben bestimmen. Wenn wir dagegen nicht aufgeben, werden sie irgendwann mit unserem alten Ich, das mit diesen Ängsten verbunden war, am Kreuz sterben und wir werden neu geboren und ohne alte Ängste zum neuen Leben erwachen. Denn irgendwann ist ein Punkt erreicht, wo unsere Ängste keine Macht mehr über uns haben werden. Dies ist bestimmt der Fall, wenn wir Erfolg haben, es ist aber auch der Fall, wenn wir scheitern. Denn wirklich scheitern tun wir nur dann, wenn wir uns selber aufgeben.

Die Karwoche lehrt uns jedes Jahr, dass die Massstäbe für Erfolg und Misserfolg relativ sind. Durch das Ostergeschehen werden wir immer wieder aufs Neue aufgefordert unsere Werte im Leben zu überdenken. Denn nicht selten ist es so, dass gerade das, was auf den ersten Blick als Misserfolg aussieht, erst zum Ziel führt. Und oft müssen wir zuerst scheitern, um das wahre Ziel unseres Lebens zu entdecken.

Die Theologin Dorothee Sandherr-Klemp fasst es in folgenden Zeilen sehr schön zusammen:

Wer ist erhaben?
Wer am Boden?
Was ist bedeutsam?
Was wertlos?
Worin liegen Würde und Gewicht?
Woran sind wahre Werte
zu ermessen?

Was ist groß, was ist klein?
Gottes Maßstäbe sind anders!
Mit dem Palmsonntag
eröffnet sich uns die Welt
in neuem Maßstab: Leben, Sterben
— und lichtes Leben!

Die Karwoche übt uns darin ein,
Gottes Maßstäbe anzulegen,
den Grund neu zu vermessen,
auf dem wir stehen:
Auf solchem Grund,
auf hellem Hoffnungs-Grund,
wird Ostern erbaut!

Nur wenn wir den Kreuzweg gehen, können wir den Grund auf dem wir stehen neu vermessen und etwas Neues in unserem Leben entstehen lassen.

In der barocken Spiritualität hat das Leiden Christi für unsere heutigen Massstäbe zweifelsohne sehr viel Raum eingenommen. Als Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium die erste Strophe des Liedes «Wie soll ich dich empfangen?» aufgenommen hat, hat er sich dabei bewusst für die Melodie eines anderen Liedes von Paul Gerhardt entschieden und zwar für die Melodie des Passionsliedes «O Haupt voll Blut und Wunden». Eine fast unerträgliche Spannung, die uns allerdings lehrt, dass die Freude mit Leid verbunden ist und kein Weg zum Leben am Kreuz Christi vorbeiführt. Und das ist auch in Kürze die Botschaft des Palmsonntags: Der König kommt und wir begrüssen ihn mit Palmzweigen und Psalmen. Sie sind ein Zeichen des Lebens und des Sieges, doch dieser Sieg wurde am Karfreitag errungen. Denn ohne den Tod am Kreuz gäbe es auch keine Freude der Auferstehung.