Vom Verloren-Sein (Lk 15,11–32)

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden. (Lk 15,24)

Schrecklich dieser jüngere Sohn: Er lässt sich von seinem Vater schon vor seinem Tod das Erbteil auszahlen, als ob er nicht mehr warten könnte, bis sein Vater stirbt. Doch das könnte man noch verstehen, würde er das Geld irgendwie sinnvoll investieren, zum Beispiel ein Haus kaufen oder so. Doch das ist nicht der Fall: Er nimmt das Geld, geht in ein fernes Land und verschleudert dort einfach das ganze Vermögen. Genau so einen Sünder haben die Pharisäer und die Schriftgelehrten gemeint als sie Jesus angesprochen haben – nicht das niedliche verlorene Schaf aus dem vorherigen Gleichnis, das er ihnen zuerst aufzutischen versucht hat. Und der jüngere Sohn gibt es auch zu, zumal er sagt: «Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt» (V.21). Im Unterschied zu einem verlorenen Schaf wusste er also ganz genau, was er tut, und hat es trotzdem getan. Genau wie die Zöllner und andere Sünder mit denen Jesus so gerne üppige Mahlzeiten feiert. Doch als Gottes Sohn handelt er nur wie sein liebender Vater und erweist Liebe allen, die verloren waren – er ist ein Gegenbild des älteren Bruders aus dem Gleichnis. Er ist ein älterer Bruder, der für uns zusammen mit dem Vater ein Fest vorbereitet, wenn wir heimkehren.

Doch was soll das bedeuten? Spielt es etwa keine Rolle, wie wir leben, wenn wir unsere bösen Taten immer wieder gut machen können? Und ist es dann nicht genau das, was Dietrich Bonhoeffer seiner Zeit als «billige Gnade» bezeichnete:

[Eine] Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten.

Und fühlen wir uns eigentlich nicht oft wie der ältere Sohn, wenn wir alles richtig machen, aber in vielen Jahren haben wir von Gott, unserem Vater, nicht einmal einen ‹Ziegenbock› als Dankeschön gesehen?

Was für eine Spannung in diesem Gleichnis! Der österreichische Schriftsteller Georg Bydlinski fängt in seinem Gedicht Die verlorenen Söhne diese Spannung sehr schön auf. Er schreibt:

Der Sohn
geht fort.
Er lässt einen Vater
verloren zurück.

Der Sohn
kehrt wieder.
Da verliert sich der Bruder.

Du
kamst
für sie beide.

Denn die beiden Söhne sind nicht so unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick aussieht: Der eine verschleudert die Gnade des Vaters in der Welt, der andere dient ihm zwar treu viele Jahre, nimmt seine Gnade aber nicht in Anspruch und reagiert verbittert, wenn er seinen jüngeren Bruder sieht, der diese Gnade so unverschämt annimmt, nachdem er alles verloren hat.

Man nennt unsere Erzählung zwar das «Gleichnis vom verlorenen Sohn» und die meisten Leser des Evangeliums haben in der Tat vor allem den jüngeren Bruder vor Augen, doch Jesus will, dass wir uns beide Brüder genauer anschauen. Denn es ist vor allem ein Gleichnis für und über uns.

Das Gleichnis bildet nämlich zwei Menschentypen ab und ich wage zu behaupten, dass der ältere Bruder ein grösseres Problem hat als sein verschwenderischer und abenteuerlustiger Bruder. Denn er ist sich dessen, dass er ein Problem hat, gar nicht bewusst. Er ist wie der blinde Pharisäer, über den im Lukasevangelium drei Kapitel später erzählt wird (Lk 18,9–14). Dieser ging zum Tempel ‹stellte sich hin und sprach folgendes Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher usw. Denn ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens›. Sein Gegenbild ist hier interessanterweise ein Zöllner, der sehr an den jüngeren Bruder aus unserem Gleichnis erinnert: ‹Dieser Zöllner blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!›. Und wie es Jesus am Ende zusammenfasst: ‹Der Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause, der Pharisäer nicht›.

Wir wissen, oder können uns es mindestens besser vorstellen, was der jüngere Bruder falsch gemacht hat, und es wird in dem Lukasevangelium auch sehr anschaulich geschildert. Und spätestens dann, wenn der jüngere Bruder bei den Schweinen landet und «hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine frassen», gibt es keine Zweifel: Es kann kaum noch schlimmer werden. Der Tiefpunkt ist erreicht worden. Und egal wie peinlich es ist oder was er auch tun muss, er weiss, dass er es beim Vater sogar als ein Tagelöhner besser hätte. Das einzige, was er braucht ist seine Gnade. Und wie wir wissen, diese bekommt er und zwar im Überschuss: Er bekommt das beste Gewand, einen Ring, Schuhe und ein Fest wird gefeiert – er wird wieder zum Sohn.

Das, was ihm passiert ist und was in dem Gleichnis so bunt geschildert wird, ist sehr menschlich. Er wollte wohl die Welt erkunden, ferne Länder sehen und das Leben ein bisschen geniessen. Und es ist schief gegangen und er ist von seinem Weg abgekommen. Denn das griechische Wort «ἁμαρτία», das wir als «Sünde» übersetzen, ist besser als «Verfehlung» zu verstehen, nämlich, wenn ich das Ziel meines Lebens als Mensch verfehle. Und dies kann leichter passieren als man denkt: Haben Sie sich schon mal bei einer Wanderung verlaufen? Was war der Grund? Bei mir war es oft die glorreiche Idee eine Abkürzung zu nehmen, eine schlechte Karte oder die Überzeugung, der Weg sei doch klar, ich brauche keine Karte. Und genauso leicht kann man auch im wirklichen Leben vom Weg abkommen und irgendwo landen, wo man eigentlich nicht sein will.

Das einzige, was uns dann helfen kann, ist dasselbe, was der verlorene Sohn getan hat: «Er ging in sich». Ja, eine kleine Kontemplation bei den Schweinen. Doch er konnte plötzlich sehen, wie erbärmlich sein Leben wirklich ist, und das war seine Rettung. Die Fastenzeit ist die Gelegenheit für jede und jeden von uns «in sich zu gehen», sich Zeit zu nehmen, und zu schauen, ob wir uns im Leben dort befinden, wo wir sein wollen. Und wenn das nicht der Fall ist, sollten wir heimkehren und zwar zu unserem himmlischen Vater, denn von ihm ging unser Weg aus. Und von ihm haben wir auch die Verheissung, dass wir immer wieder als Töchter und Söhne Gottes empfangen werden. Und das ist keine billige Gnade. Denn wie auch Dietrich Bonhoeffer schreibt: «Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders».

Der grösste Fehler, den wir im Leben machen können ist also nicht der des jüngeren Bruders, sondern der des älteren. Er macht alles richtig, er lebt im Hause des Vaters, aber ohne seine Gnade in Anspruch zu nehmen und ohne Lebensfreude. Dies hat zur Folge, dass er nach und nach verbittert und unglücklich wird. Erst die (in Anführungszeichen) ‹Ungerechtigkeit›, die geschieht als sein jüngerer Bruder heimkehrt, öffnet ihm die Augen und die ganze Bitterkeit kommt raus.

Aus dem Gleichnis erfahren wir leider nicht, wie es dem älteren Bruder später ergangen ist. Vielleicht aus dem Grund, weil wir uns an dieser Stelle als Leser selber Gedanken machen sollten. Ich hoffe natürlich, dass er sich mit seinem Vater und seinem Bruder versöhnen konnte, sich der Gnade geöffnet hat, und von da an auch mit seinen Freunden ein bisschen das Leben gefeiert hat.

Denn die Bibel sagt, wir haben alle gesündigt (Röm 3,23) und gingen alle in die Irre wie Schafe (Jes 53,6). Die Frage ist also nur, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, denn nur wenn wir uns dessen bewusst sind, sind wir auch bereit die Gnade unseres Vaters im Himmel zu empfangen. Ich wünsche uns also allen, dass wir die verbleibende Fastenzeit zu diesem «In-sich-zu-gehen» nutzen und schauen, ob wir uns im Leben irgendwo unterwegs nicht verloren haben.