Vater des Lebens (Joh 5,24–28)

Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden. (Joh 5,28)

Wir sprechen über eine «himmlische Welt» und darüber, dass unsere Liebsten «entschlafen» sind und eines Tages «auferweckt» werden, also über die «Auferstehung von Toten», und es hört sich wie eine Sage aus den alten Zeiten an – man fragt sich, ob man so etwas noch heute glauben darf? Denn wir haben schon in der Schule erfahren, wie die Welt und der Mensch entstanden sind, kennen die wichtigsten physikalischen Gesetze, und wissen was möglich ist und was nicht. Wir wissen, dass die Erde nicht in der Mitte unseres Universums steht, sondern um die Sonne kreist, und dass unsere Sonne, nur eine von Millionen Sonnen ist, um die andere Erden kreisen, von denen viele sogar belebt sind.

Unser Weltbild unterscheidet sich also deutlich von dem Weltbild der Menschen in der Antike, die für uns diese Zeilen, die wir heute gelesen haben, vor fast zweitausend Jahren geschrieben haben. Ich würde also sagen, dass hier jede Art von Skepsis angebracht ist. Ich selber bin (neben meinem Pfarramt) auch ein Wissenschaftler und habe nicht wenige Jahre an verschiedenen Universitäten verbracht, wo ich gelernt habe, alles kritisch zu prüfen. Ich begrüsse also jede Art von Skepsis, die uns bei der Suche nach der Wahrheit hilft. Doch diese Skepsis müsste in beide Richtungen gehen. Denn eine Sache, die man während der Promotion sehr schnell feststellt, ist die Tatsache, dass sehr vieles davon, was in unseren Büchern steht, eine grobe Vereinfachung ist.

So wissen wir heutzutage sehr viel über die Moleküle in unserem Körper und spielen mit der DNA, doch wir wissen nicht, was unser Bewusstsein ist, und woher die ganze Kreativität des Menschen kommt, wie beispielsweise die Musik, die Malerei, die Literatur oder die Mathematik. Und unsere Bemühungen bei der Beantwortung von dieser Frage ebenso (in Anführungszeichen) ‹streng wissenschaftlich› vorzugehen, erinnern an einen Versuch, bei dem wir ein Bild von Vincent van Gogh mittels einer chemischen Analyse zu deuten versuchen, ohne zu reflektieren, was auf dem Bild zu sehen ist. Auf diese Art und Weise erfahren wir zweifelsohne viel über die Zusammensetzung der Farben und stellen vielleicht fest, dass das Bild ungewöhnlich viel Gelb beinhaltet. Doch was nutzt uns all dieses Wissen, wenn wir nicht die weltberühmten Sonnenblumen auf dem Bild erkennen?

Die Bibel spricht zwar eine bildliche Sprache, die sich für einen modernen Menschen märchenhaft anhören muss, doch sie spricht über Tatsachen, die eine eigene Wirklichkeit besitzen. Denn die Sonnenblume auf dem Bild ist genauso wirklich, wie der Bilderrahmen, die Leinwand und die Farben aus denen sie besteht.

Und so ist es auch mit uns Menschen: auch wir haben diese zwei Seiten – die irdische, körperliche, und die himmlische, die man als die Seele oder den Geist bezeichnet. Die körperliche Seite eines Menschen kann man sich als das Materielle vorstellen, also als die Leinwand, den Bilderrahmen und die Farben; die Seele dann als die Sonnenblume, also als das eigentliche Bild, dessen Maler aber nicht Vincent van Gogh, sondern Gott ist. Denn im Buch Genesis heisst es: «Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn» (Gen 1,27). Wir sind Bilder Gottes und Originale, von denen keines verloren geht, zumal wir bei Gott aufgehoben sind.

Wir leben zwar in dieser Welt, aber unsere wahre Heimat ist bei Gott und das Bild Gottes ist nicht an eine irdische Leinwand gebunden. Wenn die Bibel also sagt, wir bekommen nach der Auferstehung von Toten einen neuen Körper (1Kor 15,35–49), bedeutet es nichts anderes, als dass uns Gott neu malt – diesmal auf eine himmlische Leinwand und mit unvergänglichen Farben.

Bis dahin sind wir Menschen Bürger zweier Welten und als Christen sehnen wir uns nach dem Tag, wenn wir seine Stimme hören, die uns nach Hause ruft. Diesen Weg, den wir gehen müssen, signalisiert auch die liturgische Farbe. Das Violett ist eine liturgische Farbe der Erwartung. Wir treffen sie jetzt in der Adventszeit an, wo sie uns auf dem Weg zur Christnacht begleitet, und im Frühling in der Fastenzeit vor Ostern, bis beide Male die weisse Farbe alles wieder erhellt. Und auf diese Art und Weise ist uns die violette Farbe auch heute ein Zeichen dafür, dass wir unterwegs sind: von der schwarzen Farbe des Todes zu der weissen Farbe der Auferstehung und des Lebens. Ernesto Cardenal, einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas, beschreibt diese Erwartung mit folgenden schönen Worten:

Gott ist die Heimat aller Menschen. Er ist unsere einzige Sehnsucht. Gott ist im Innersten aller Kreaturen verborgen und ruft uns. Das ist die geheimnisvolle Ausstrahlung, die von allen Wesen ausgeht. Wir hören seinen Ruf in der Tiefe unseres Wesens, wie die Lerche, die früh von ihrer Gefährtin geweckt wird, oder wie Julia, die Romeo unter ihrem Balkon pfeifen hört…

Obwohl wir Gott nie gesehen haben, sind wir wie Zugvögel, die an einem fremden Ort geboren, doch eine geheimnisvolle Unruhe empfinden, wenn der Winter naht, einen Ruf des Blutes, eine Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat, die sie nie gesehen haben und zu der sie aufbrechen, ohne zu wissen, wohin. Sie haben den Ruf des Gelobten Landes vernommen, die Stimme des Geliebten, der ruft: «Auf, meine Freundin! Du meine Schöne, komm! Vorüber ist die Winterzeit, der Regen ist vorbei» (Hohes Lied, 2,10).

Und wann hören wir diese Stimme, die uns ins neue Leben ruft, erst nach dem Tod? Das Johannesevangelium sagt: nein, es ist jetzt. «Die Stunde kommt und sie ist schon da» heisst es dort (Joh 5,25). Denn Christus ist bereits auferstanden und das Leben von Gott, dem Vater des Lebens, für uns empfangen. Das unvergängliche Leben gibt es also schon heute, die Tür zum Himmel steht offen, und er ruft uns – «und alle, die ihn hören, werden leben» (Joh 5,25).