Vom Feuer (Lk 12,49–53)

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. (Lk 12,49)

Unser Leben ist voll von Entscheidungen. Es gibt kleine Entscheidungen, wie zum Beispiel im Supermarkt: Was soll ich kaufen? Oder in der Küche: Was soll ich heute kochen? (Oder wie in meinem Fall: Welche Nespresso-Kapsel nehme ich heute?) Und dann gibt es grosse Entscheidungen, wie: Was soll ich studieren? Wo soll ich arbeiten? Was soll aus mir werden? Und alle diese Entscheidungen haben Konsequenzen, die sich allerdings schwer abschätzen lassen, denn auch kleine Entscheidungen können im Leben grosse Veränderungen bewirken. Und es gibt viele Bücher und Filme, die damit künstlerisch sehr schön spielen: Der Hauptdarsteller trifft meistens eine relativ banale Entscheidung, wie einen anderen Weg zur Arbeit zu nehmen, oder diesmal nicht mit dem Auto zu fahren, sondern mit dem Zug, und trifft zufällig jemanden, den er schon lange Jahre nicht gesehen hat, oder noch öfter: die Liebe seines Lebens; und dann ist die Geschichte plötzlich sehr turbulent. Und es gibt sogar Physiker, die sagen, dass jede dieser Entscheidungen ein Paralleluniversum erzeugt, in dem wir uns an so einer Kreuzung im Leben gerade anders entschieden haben. Und so gäbe es unendlich viele Universen. Und in einem dieser Paralleluniversen steht hier heute ein anderer Pfarrer oder Sie haben sich entschieden zu Hause zu bleiben und sind heute gar nicht da. Fest steht, dass wir nicht wissen, was unsere Entscheidungen in Zukunft bringen. Erst im Nachhinein sehen wir die wirklich wichtigen Kreuzungen und Weichen in unserem Leben und erst dann wissen wir auch, ob wir uns richtig oder falsch entschieden haben, oder zum Teil. Denn wirklich wissen tun wir es erst ganz am Ende, wenn wir bei Gott sind und unser Leben als abgeschlossenes Ganzes betrachten können.

Und diese Unsicherheit hat Menschen schon immer sehr beschäftigt. Denn sie würden gerne immer richtig entscheiden, die richtige Wahl treffen, und wissen, was auf sie zukommt. Doch das war noch nie der Fall. Und so gab es schon immer Astrologen, Seher, Propheten oder heutzutage Psychologen und Wissenschaftler, denen viele die Entscheidung anvertrauen, um sie nicht selber treffen zu müssen oder um etwas mehr Sicherheit zu haben. Doch diese Sicherheit war und ist etwas trügerisch. Denn die Sterne, Zeichen, Träume oder Daten sind nicht immer eindeutig. Und so war man (und ist auch heute noch ) am Ende oft noch mehr dem Schicksal und den kosmischen Elementen ausgeliefert. Und auch die Christen scheinen dagegen nicht ganz immun zu sein. So schreibt Paulus der Gemeinde in Galatien in seinem Brief folgende Zeilen:

Damals jedoch, als ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, die von Natur nicht Götter sind; jetzt aber habt ihr Gott erkannt – vielmehr seid ihr von Gott erkannt worden. Wie wendet ihr euch wieder zu den schwachen und armseligen Elementen zurück, denen ihr wieder von neuem dienen wollt? Ihr beobachtet Tage und Monate und bestimmte Zeiten und Jahre. Ich fürchte um euch, ob ich nicht etwa vergeblich an euch gearbeitet habe. (Gal 4,8–11)

Das Christentum hat den Galatern eine radikale Befreiung gebracht: eine klare Rede Gottes – im Unterschied zu undeutlichen Träumen und Zeichen. Oder wie es der Prophet Jeremia sagen würde: «Was hat das Stroh mit dem Korn zu tun?» (Jer 23,28). Doch die Christen in Galatien wendeten sich irgendwann wieder den Sternen, Zeichen und Träumen zu und trafen ihre Entscheidungen im Leben wie vorher, als ob sie Christus nicht gekannt hätten. Nun könnte man fragen: Und was ist schlecht daran Träume oder Sterne zu deuten? Darf ich etwa als Christ kein Horoskop lesen? Und war es nicht der biblische Josef, der Träume deutete, und wurden nicht die drei Könige von einem Stern nach Bethlehem geführt? Das Stroh wächst doch mit dem Korn zusammen. Und das stimmt. Und ich gehöre nicht zu den ‹aufgeklärten› Pfarrpersonen, die sagen: Träume sind einfach nur Träume und Zeichen sind ein Aberglaube. Nein, ich glaube, dass Gott zu uns auch durch Träume und Zeichen sprechen will und dass er das auch tut. Denn so war es auch bei Paulus, wie man in der Apostelgeschichte nachlesen kann:

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! (Apg 16,9)

Gott bedient sich oft der Träume und Zeichen, um mit uns ins Gespräch zu kommen, wie auch das Korn das Stroh braucht, um wachsen zu können. Wo liegt also das Problem? Warum ist die Bibel dem Orakelwesen nicht so wohl gesinnt?

Das Problem ist, wenn man nicht zwischen dem Stroh und dem Korn unterscheiden kann, oder zwischen der Schöpfung und dem Schöpfer. Oder wenn man das Stroh für das Korn hält oder die Schöpfung für den Schöpfer. Denn die Elemente der Natur, sind gute Diener, aber schlechte und gnadenlose Herrscher. Das Feuer kann Wärme und Licht spenden, es kann aber auch zerstören. Ohne Wasser gäbe es kein Leben, aber das Wasser kann das Leben auch vernichten. Die Luft brauchen wir zum Atmen, aber ein Tornado kann ganze Städte zerstören. Und die Erde gibt uns und den Pflanzen und Tieren einen festen Boden, sie kann uns aber auch überrollen und verschütten.

Und in diese Situation kommt das Wort Jesu über das Feuer und die Spaltung, das hier kein Kompromiss kennt und auch vor den Familien keinen Halt macht. Es ist eine Spaltung von Korn und Stroh. Denn man kann sich nicht beherrschen lassen und zugleich herrschen wollen. Man kann nicht den Elementen der Natur dienen und zugleich dem, der sie erschaffen hat. Nun könnte man denken, das ist bei uns – im aufgeklärten modernen Europa – kein Problem; so etwas tun vielleicht noch die Naturvölker irgendwo in Afrika oder in Australien. Dem ist aber leider nicht so – bei uns ist es nur besser getarnt. Wir pflegen zwar nicht mehr die Astrologie oder Alchemie, sondern haben die Astronomie und Chemie, und statt Orakel haben wir die Statistik und computergestützte Modelle, die für uns Vorhersagen treffen. Sie sagen uns, wie sich der Markt in diesem Jahr entwickelt, wie das Klima in 50 Jahren sein wird und wie unser Universum in Millionen von Jahren aussieht. Und im Unterschied zu den Menschen in der Antike und im Mittelalter, die vor den Naturkräften noch Respekt hatten, ist der moderne Mensch fest davon überzeugt, dass er die Elemente der Natur beherrschen kann und zwar ohne Gott. Doch das ist nicht nur sehr arrogant, sondern auch sehr naiv. Man dient zwar nicht mehr der Natur, aber man dient der Naturwissenschaft. Doch auch die Naturwissenschaft ist eine gute Dienerin, aber eine sehr grausame Herrin, vor der uns prophetisch begabte Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Romanen wie Frankenstein schon immer gewarnt haben. Der moderne Mensch will herrschen ohne Gott und merkt nicht, dass er in Wirklichkeit beherrscht wird, denn ohne Gott hat er keine Chance – die Kräfte der Natur sind stärker.

Was also nun? Wo führt der christliche Pfad durch? Der christliche Weg ist und war immer ein enger Weg (Mt 7,13), eine Gratwanderung sozusagen, und die Antwort findet man – etwas versteckt – auch im Lukasevangelium. Denn gleich nach unserer heutigen Lesung sagt Jesus zu den dort versammelten Leuten folgende Worte:

Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr sofort: Es gibt Regen. Und so geschieht es. Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß. Und es geschieht. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil? (Lk 12,54b–57)

Wir sollten nicht aufhören zu forschen und zu den Sternen zu fliegen, oder die Zeichen des Himmels oder unsere Träume zu deuten. Doch wir sollten sie auf Gott hin deuten und nicht vergessen, dass zu uns unser himmlischer Vater spricht und dies tut er in erster Reihe in unserem Herzen und erst danach in den Träumen oder den Zeichen der Natur.

Ab und zu fragen mich Menschen als Pfarrer, wie sie wissen können, dass ein Traum von Gott ist und was er bedeutet. Und ich sage immer, was ich heute auch hier sage: Wenn es ein Traum oder ein Zeichen von Gott ist, mit dem er dir etwas sagen will, dann kennst du immer bereits die Deutung, denn der Herr hat schon vorher zu dir in deinem Herzen gesprochen. Wenn du die Deutung nicht kennst, dann lass es sein, denn es gibt viele Träume und viele Zeichen auf dieser Welt und nicht alle sind für uns und für jetzt bestimmt. Wenn du also eine wichtige Entscheidung treffen willst, höre zuerst im Gebet Gott und deinem Herzen zu. Und vielleicht bekommst du dann im Traum oder durch ein Zeichen von Gott eine Bestätigung – und vielleicht nicht. Doch dies lässt sich nicht erzwingen und die Elemente der Natur lassen sich von Menschen nicht beherrschen. Und wer es versucht, wird sehr schnell von ihnen selber beherrscht und zwar früher als er das überhaupt merkt.

Denn wie ich schon am Anfang des Gottesdienstes gesagt habe, wir als Christen leben in einem ‹getauften› Kosmos. Nur aus diesem Grund konnte zum Beispiel der Hl. Franziskus in seinem berühmten Sonnengesang vom Bruder «Sonne» und der Schwester «Mond» sprechen, denn wir haben einen gemeinsamen Vater im Himmel. Und aus diesem Grund ist uns auch der ganze Kosmos freundlich gesinnt und bleibt es, wenn wir nicht versuchen ihn zu beherrschen, sondern, wenn wir uns ihm als Kinder Gottes erkennen lassen. Dann können wir zusammen mit dem Hl. Franziskus im Gebet sagen:

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteren Himmel und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

 

Die Freiheit der Nachfolge (Lk 9,51–62)

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals
zurückblickt, taugt für das Reich Gottes. (Lk 9,62)

Wer das gestrige «Wort zum Sonntag» in Thuner Tagblatt gelesen hat, dem kommt jetzt am Anfang einiges bekannt vor, aber es lohnt sich dennoch bei der Predigt zu bleiben, denn ich werde alles, was ich gestern in der Zeitung zum heutigen Evangelium geschrieben habe, erweitern und vertiefen.

Der grosse Apostel Paulus, dessen Fest wir am Samstag (zusammen mit Petrus) gefeiert haben, schreibt ca. 20 Jahre nach dem Tod und Auferstehung Jesu in seinem Brief an die Galater:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Steht also fest und lasst euch nicht wieder in das Joch der Knechtschaft einspannen. (Gal 5,1)

Doch wer verbindet heute noch den Glauben oder die Religion mit der Freiheit? Das heutige Evangelium klingt auch nicht gerade so, als ob man sich frei entscheiden könnte: «Lass die Toten ihre Toten begraben» (Lk 9,60) und «Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes» (Lk 9,62), heisst es dort. Ist es also vielmehr nicht so, dass mit der Religion noch weitere Vorschriften und Regeln in unserem Leben Platz einnehmen, um es zu kontrollieren? «Du sollst nicht…» heisst es dann an jeder Ecke. Als ob man schon nicht genug Vorschriften hätte, die man ihm Leben befolgen muss. Mir persönlich reichen zum Beispiel schon die Regeln rund um die Steuererklärung, also nein, danke, ich brauche nicht noch mehr Regeln in meinem Leben!

Aber das ist genau das, was Paulus meint. Er schreibt den Christen in Galatien: Ihr seid frei von all den Vorschriften, die früher euer Leben bestimmt haben, und eigentlich wisst ihr das. Dabei waren es keine schlechten Vorschriften, sondern vor allem Regeln, die ihnen im Alltag geholfen haben nach Gottes Geboten zu leben. Doch sie haben eine Atmosphäre der Unfreiheit geschaffen und irgendwann wurde das Leben ‹überreguliert›. Und bestimmte Menschen und Institutionen lieben Vorschriften und die Religion ist hier keine Ausnahme. Und aus irgendeinem für mich unerklärlichen Grund lässt man sich sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche immer wieder «in ein Joch der Knechtschaft einspannen», wie es Paulus nennt. Ich habe selber so ein Joch erlebt. Denn aufgewachsen bin ich im ehemaligen Ostblock, wo praktisch jeder Bereich des Menschenlebens vom Staat bestimmt, reguliert und überwacht wurde – und was man nicht kontrollieren konnte, war verboten. Man hat also keine Freiheit gehabt. Danach kam die Wende und mit ihr die Freiheit, die grösser war (und zum Teil bis heute ist) als in vielen Ländern im Westen Europas. Doch nach dreissig Jahren stellt man fest, dass relativ viel von dieser Freiheit irgendwo unterwegs verloren gegangen ist. Denn die Freiheit kann man auf zweierlei Art und Weise verlieren: sie kann einem mit Gewalt genommen werden, was im ehemaligen Ostblock der Fall war, oder man kann sich freiwillig «in das Joch der Knechtschaft einspannen» lassen, was bei uns heute der Fall ist. Und egal ob es sich dabei um die Kirche oder die Gesellschaft handelt, alle Institutionen haben von Natur aus die Tendenz ihre Macht auszubauen und die Freiheit des Einzelnen einzuschränken oder ihm diese sogar zu nehmen. Deswegen war es auch den Reformatoren ein grosses Anliegen, dass die Gewissens- und Glaubensfreiheit des Einzelnen auch gegenüber der Kirche als Institution gewahrt bleibt. Doch diese Freiheit, die uns von Gott geschenkt worden ist und die uns auch in der Bibel schriftlich garantiert wird, muss der Einzelne leben und sie in Anspruch nehmen, damit sie gewahrt bleibt. Und das ist das grundsätzliche Problem mit der Freiheit, denn das tun wir sehr selten. Der einzige Weg, den ich hier sehe, ist der, dass wir unsere Freiheit positiv füllen, als eine Freiheit «zu» etwas. Denn eine Freiheit «von» etwas ist meistens nicht von langer Dauer. Wir sollten uns also jeden Tag nach einer noch grösseren Freiheit sehnen, nach einer Freiheit, die grösser ist als wir. Denn nur so behalten wir auch die Freiheit, die wir schon haben.

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schreibt im Vorwort zu seinem bekannten Buch mit dem Titel «Nachfolge» folgende Zeilen:

Wenn die Heilige Schrift von der Nachfolge Jesu spricht, so verkündigt sie damit die Befreiung des Menschen von allen Menschensatzungen, von allem, was drückt, was belastet, was Sorge und Gewissensqual macht. In der Nachfolge kommen die Menschen aus dem harten Joch ihrer eigenen Gesetze unter das sanfte Joch Jesu Christi.

Das Joch Christi befreit uns und schützt uns vor dem Joch der Knechtschaft, wie es Jesus allen, die ihm nachfolgen, bei Matthäus verspricht:

Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. (Mt 11,28–29)

Es ist ein ungewöhnliches Bild: Wir sind eingeladen Ruhe und Erquickung unter einem Joch zu finden. Doch es ist ein Joch Christi, ein Joch des Herrn, der vollkommene Freiheit ist. Deswegen ist der Ruf Jesu zur Nachfolge auch so radikal – es ist ein Nachfolgen ‹ohne wenn und aber›:

  1. Einer will ihm nachfolgen und Jesus antwortet ihm: «Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann». Mit anderen Worten: Wenn du mir nachfolgst, bin «ich» die einzige Sicherheit, die du haben wirst.
  2. Zu einem anderen sagt er dann: «Folge mir nach», doch dieser will zuerst seinen Vater begraben;
  3. und der dritte will sich vorher von seiner Familie verabschieden – eine kleine Bitte, die zum Beispiel dem Propheten Elischa gewährt wurde. Doch Jesus erwidert ihm:

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes. (Lk 9,62)

Das erinnert fast schon an Lot’s Frau, die bei der Zerstörung von Sodom und Gomora zurückblickt und zu einer Salzsäule wird (Gen 19,26). Wer zurückblickt, hat im Reich Gottes keine Zukunft.

Wir wissen nicht, wie sich die drei Menschen in unserer Erzählung entschieden haben. Und vielleicht hat es Lukas mit Absicht nicht geschrieben, damit wir als Leser für sie und uns eigene Entscheidung treffen können.

Doch warum diese Radikalität? Warum kann man nicht einfach zuerst den Vater begraben oder sich schnell von der Familie verabschieden?

Weil die Befreiung genauso radikal ist und nur auf diese Art und Weise geschehen kann. Es gibt im Leben nämlich Sachen, die nur dann möglich sind, wenn ich ganz «Ja» sage, wie zum Beispiel bei der Taufe oder der Trauung. Denn, so wie ich mich nicht nur «ein bisschen» taufen oder trauen lassen kann, kann ich nicht nur «ein bisschen» Jesus nachfolgen oder «ein bisschen» Christ sein. Beziehungsweise ich kann es sehr wohl tun, aber so eine ‹Nachfolge› bewirkt in meinem Leben rein gar nichts. Es ist nicht so, wie viele denken, dass sich mein Leben dadurch einfach «ein bisschen» verändern würde, nein, es passiert in dieser Hinsicht einfach gar nichts und alles bleibt beim Alten. Es ist, als ob ich bei der Trauung statt «Ja» «Vielleicht» sagen würde – auch in diesem Fall würde alles beim Alten bleiben und ich würde frisch unverheiratet wieder nach Hause gehen.

Und Jesus will nicht, dass wir nur «ein bisschen» freier werden, sondern er will uns ganz befreien. Deswegen diese radikale Forderung zur Nachfolge. Denn auch er, als er diese Worte über die Nachfolge gesagt hat, folgt nach. Es heisst am Anfang der Erzählung bei Lukas:

Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen. (Lk 9,51)

Er selber folgt seiner Bestimmung und geht nach Jerusalem, wo er verurteilt und gekreuzigt wird. Es reicht nicht, dass er «ein bisschen» leidet. Nein, er muss ganz sterben, damit er ganz auferstehen kann. Und so sollten auch wir ihm ganz nachfolgen und dem alten Leben ganz sterben, um in die Freiheit des neuen Lebens geboren werden zu können. Das ist die wahre Freiheit der Nachfolge Christi.

Die brennende Lampe des Herrn (Lk 1,5–17.57–66)

Er war die Lampe, die brennt und leuchtet… (Joh 5,35)

Wer ist wohl der bedeutendste Mensch aller Zeiten? Einige würden sagen Jesus, andere Buddha und andere wiederum Aristoteles, Galileo oder Albert Einstein. Es gibt auch verschiedene Ranglisten mit 50 oder sogar 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Geschichte. Doch wahrscheinlich niemand wird auf die verrückte Idee kommen Johannes den Täufer zu nennen und ich bin mir ziemlich sicher, man würde ihn wohl auf keiner dieser Listen finden.

Doch was sagt Jesus, der ja oft unter den einflussreichsten Persönlichkeiten der Geschichte genannt wird, über Johannes den Täufer? Es steht im 7. Kapitel des Lukasevangeliums:

Ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen gibt es keinen grösseren als Johannes. (Lk 7,28)

Und auch der jüdische Historiker des ersten Jahrhundert Josephus Flavius schreibt über Johannes:

Manche Juden waren übrigens der Ansicht, der Untergang der Streitmacht des Herodes sei nur dem Zorn Gottes zuzuschreiben, der für die Tötung Johannes‘ des Täufers die gerechte Strafe gefordert habe. Den letzteren nämlich hatte Herodes hinrichten lassen, obwohl er ein edler Mann war, der die Juden anhielt, nach Vollkommenheit zu streben, indem er sie ermahnte, Gerechtigkeit gegeneinander und Frömmigkeit gegen Gott zu üben und so zur Taufe zu kommen. (Antiquitates Judaicae XVIII 5,2)

Ja, Johannes war ein bedeutender Mann in der Palästina des ersten Jahrhunderts, aber «der Grösste unter allen von einer Frau Geborenen»? Wie ist das zu verstehen?

Die Kirche zählt Johannes den Täufer zu den Heiligen und feiert seit dem 5. Jahrhundert seinen Geburtstag. Das ist sonst nur bei Maria der Fall und natürlich bei Jesus. Und das ist auch der Grund dafür, dass man an diesem Tag, wie zu Weihnachten, die weisse liturgische Farbe verwendet. Bei allen anderen Heiligen feiert man nämlich den Todestag und die liturgische Farbe ist meistens rot. Die alte Kirche war sich also der Bedeutung Johannes‘ des Täufers sehr bewusst und in der orthodoxen Tradition ist Johannes bis heute der Heiligste aller Heiligen, dem die zweite Stelle nach Maria, der Gottesmutter gehört. Dennoch, denke ich, dass die meisten Christen heute nicht mehr wissen, was sie mit diesem Mann anfangen sollten. Für die meisten ist er ja vor allem ein ‹Wegweiser› für Jesus, doch wer braucht schon am Ende der Reise einen Wegweiser? Aber ist es wirklich so? Hat sich seine Aufgabe mit dem Kommen Jesu erübrigt und wir sind ihm jetzt nur aus sentimentalen oder historischen Gründen dankbar? Oder ist Johannes der Täufer doch mehr als nur ein Wegweiser in der Geschichte?

In allen vier Evangelien wird sein Wirken gleich am Anfang sehr detailliert geschildert: Er «trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig» und «verkündete eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden» (Mk 1,6.4). Und seine Predigt waren keine lieben Worte. Zu den Volksscharen, die hinauszogen, um sich von ihm taufen zu lassen, sagte er zum Beispiel: «Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt» (Lk 3,7)? Ja, ich denke, so will keine Tauffamilie begrüsst werden….

Das Kommen Christi hat er dann mit folgenden Worten angekündigt: «Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand, um seine Tenne zu reinigen und den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen» (Lk 3,16–17). Und zweifelsohne meinte er damit das Feuer des Jüngsten Gerichts. Dennoch schreibt Lukas nach diesen Worten: «Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk und verkündete die frohe Botschaft». An dieser Stelle fragt man sich, was man hier eigentlich unter «frohe Botschaft» verstehen soll.

Es verrät uns aber etwas über die damalige Zeit. Diese war dunkel und man wollte im Grunde vor allem eine Sache: die Gerechtigkeit. Und zwar nicht die menschliche Gerechtigkeit, sondern die wahre Gerechtigkeit von Gott, der «die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht», wie es schön im Magnificat, dem Lobgesang Mariens, heisst (Lk 1,52). Und vielleicht haben schon damals diese und ähnliche Worte Johannes geprägt, denn Maria, die Mutter Jesu, hat diesen Lobgesang gesprochen als sie der schwangeren Elisabet, der Mutter des Johannes, begegnet ist. Elisabet war damals schon im sechsten Monat und man liest bei Lukas: das Kind hüpfte in ihrem Leib als es die Stimme Marias hörte (Lk 1,41). Von Lukas wissen wir auch, dass Maria und Elisabeth verwandt waren, und, dass Johannes eben sechs Monate älter war als Jesus. Was auch der Grund ist, dass wir seine Geburt genau am 24. Juni feiern – sechs Monate vor Weihnachten. Die wundersame Geschichte seiner Geburt wurde von Lukas auch in die Geschichte der Geburt Christi, also in die Weihnachtsgeschichte, sehr schön eingewoben und mit ihr auf diese Art und Weise fest verbunden.

Johannes und Jesus verbindet also mehr als die Taufe und das Wirken. Es ist schon die Geburt, ja sogar vor der Geburt waren sie beide miteinander verbunden: der «Sohn des Höchsten» (Lk 1,32) und der «Prophet des Höchsten» (Lk 1,76). Dies muss man sich vor Augen halten, wenn man die Bedeutung des Johannes des Täufers verstehen will. Er ist nicht nur ein Wegweiser und ein Zeuge für Christus. Denn auch er wird in der Bibel das «Licht» genannt. Im Johannesevangelium heisst es: «Er war die Lampe, die brennt und leuchtet…» (Joh 5,35). Über Jesus heisst es: Er war das «wahre Licht» (Joh 1,9). Sie sind beide Lichter, Johannes und Jesus: Johannes die Lampe, das irdische/menschliche Licht; Jesus das himmlische/göttliche Licht. Nun könnte man natürlich sagen: Wer braucht am helllichten Tag, also nach dem Kommen Christi, noch eine Lampe? Doch der Tag ist noch nicht ganz gekommen – wir leben, wie die ersten Christen auch, noch zwischen den Zeiten, in der Zeit der Dämmerung: das Himmlische bricht ein, aber das Irdische ist immer noch da. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern sogar:

Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. (Joh 9,4–5)

Und in der Nacht braucht man eine Lampe. Wenn man die Sonne nicht mehr hat, hilft uns die Lampe sich zu orientieren und das Feuer uns zu wärmen. Und im Leben von jedem von uns gibt es Abschnitte der Nacht, wenn die Sonne weg ist und die Dunkelheit und Kälte der Nacht sich ausbreiten. Und in diesem Fall hat man zwei Möglichkeiten: entweder in der Dunkelheit und Kälte auszuharren bis der Tag kommt oder eine Lampe und ein Feuer zu entzünden und sich auf den Weg zu machen und der Sonne entgegenzulaufen. Das heisst übersetzt: das menschlich Mögliche zu tun, um wieder herauszukommen. Und Johannes ist die mahnende Stimme, die uns dazu in den Nachtabschnitten unseres Lebens und den Nachtabschnitten der Geschichte ruft, und dies wird so bleiben bis der Herr wiederkommt. Bis dahin bleibt diese Spannung zwischen dem, was wir als Menschen tun können und müssen, und dem was nur Gott tun kann. Und jeder von uns muss hier ein Gleichgewicht finden, doch mit der Zeit sollte das Menschliche in unserem Leben abnehmen und das Göttliche zunehmen. Dies spiegelt sich symbolisch auch in dem liturgischen Kalender wider: mit dem Geburtstag des Johannes des Täufers, nach der Sommersonnenwende, nimmt der Tag ab; nach dem Geburtstag Jesu, der Wintersonnenwende, nimmt der Tag wieder zu. Wie Johannes selber gesagt hat: «Er muss wachsen, ich aber geringer werden» (Joh 3,30). Das ist das grosse Ziel zu dem uns Johannes ermahnt. Denn die Worte, die über ihn in der Schrift gesagt wurden, gelten auch heute für uns: «Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heissen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten» (Lk 1,76).

Tue also das Mögliche und bereite wie Johannes dem Herrn in deinem Herzen den Weg und Gott wird dir das Unmögliche dazugeben. Denn es gibt zwei Wege, wie Gott in unserem Leben wirkt, und hier unterscheidet sich auch die Predigt Jesu und die des Johannes: Beide, Jesus und Johannes, predigen die Gnade Gottes. Doch während Jesus den Menschen die Gnade schenkt und diese sie dann zur Umkehr führt, sagt Johannes: kehrt um, damit die Gnade kommen kann. Über Johannes sagte man zu seiner Zeit auch (Lk 7,33–34): «Er isst kein Brot und trinkt keinen Wein», er hat «einen Dämon». Und über Jesus sagte man wiederum: «Er isst und trinkt», siehe, ein «Fresser und Säufer». Doch die Wahrheit ist, dass es im Leben eines Menschen beides gibt: Eine Zeit der Umkehr und eine Zeit der Gnade, eine Zeit des Fastens und eine Zeit des Festens, und eine Zeit der Sonne und eine Zeit ohne Sonne, wenn wir nur eine brennende Lampe in Händen haben, die uns hilft den Glauben an das wahre Licht nicht zu verlieren bis der Tag wiederkommt. Denn auch eine kleine brennende Lampe in der Hand legt ein Zeugnis über die wahre und unbesiegbare Sonne ab, nach der wir unser Leben ausrichten, und hilft uns im Dunkel der Welt den Weg wieder zu finden.

Auferstehung des Herrn (Lk 24,1–12)

Der Herr ist wahrhaft auferstanden! (Lk 24,34)

Die kurze Erzählung aus dem Lukasevangelium, die wir heute als Osterevangelium gelesen haben, trägt in der Einheitsübersetzung eine etwas längere aber genaue Überschrift, nämlich: «Die Frauen und Petrus am leeren Grab». Die Zürcher Bibel ist hier dagegen ganz nüchtern und nennt diesen Abschnitt einfach nur «Das leere Grab». Die Lutherbibel ist dann wiederum ganz mutig und betitelt diese kurze Episode «Jesu Auferstehung». Ich sage absichtlich «ganz mutig», denn viel haben wir hier nicht in der Hand: Frauen, die den Verstorbenen salben wollen, ihn aber nicht finden; ein leeres Grab, wo sich offensichtlich jetzt zwei fremde Männer aufhalten; skeptische Jünger, die das alles für ein Geschwätz halten; und den sich wundernden Petrus, der wahrscheinlich vor allem sein Gewissen beruhigen will, weil er seinen Meister verleugnet hat. Was in dieser Erzählung eindeutig fehlt, ist der Hauptdarsteller – der Auferstandene. Wäre es ein Artikel in der Zeitung, wäre es bestimmt keine ‹gute Nachricht›, sondern eher ein Armutszeugnis der Berichtserstattung. Man könnte sich also berechtigterweise fragen, was diese Erzählung in der Bibel überhaupt will. Und doch hat der erste christliche Historiker Lukas entschieden, diese Geschichte in sein Buch aufzunehmen, und heute wird sie in vielen Kirchen auf der ganzen Welt mit Ehrfurcht gelesen. Versuchen wir also diesem Rätsel ein bisschen auf die Spur zu kommen.

Was diese Erzählung vor allem ausstrahlt, ist eine Leere. Im Zentrum steht das leere Grab und strahlt diese Leere aus wie eine Sonne. Und jeder der dieser Sonne zu nahe kommt, wird von ihren Strahlen ergriffen. Das Gefühl der Frauen lässt sich nur schwer beschreiben: Sie suchen etwas, was es nicht gibt. Man könnte es vielleicht damit vergleichen: Es ist, als ob man aus dem Urlaub zurück käme, die Haustür öffnen würde, und feststellt, dass das ganze Haus (oder die ganze Wohnung) leer ist. Nicht eine Sache oder zwei sind weg, sondern alles. Man ist zuerst einfach erschrocken und will nicht den eigenen Augen glauben. Und in unserem Fall ist es noch schlimmer: Denn es fehlen nicht einfach Sachen, sondern ein Mensch! Nicht auffindbar, einfach weg. Ein Mensch, von dem man glaubte, er sei ein Prophet, ein König, ein Wundertäter und vieles mehr; der, dem hunderte und vielleicht tausende Jünger bis nach Jerusalem gefolgt sind und ihn am Palmsonntag bejubelt haben, ist spurlos verschwunden – beziehungsweise sein Leichnam. Jetzt ist es vielleicht doch einer Nachricht wert.

Die Dichterin Silja Walter, die am 23. April dieses Jahres genau 100 Jahre alt wäre, fängt die ganze Spannung der Ostergeschichte in folgendem schönen Gedicht auf:

Das leere Grab

Da schaut wer,
– schaut lange,
die Menschheit
schaut –
schaut immer wieder
betroffen.
Das Grab steht offen
und leer.
Wo ist Er?

Frage des Menschen,
der Schöpfung,
von Stern und Getier:
Sehen sich an:
– Wo dann,
wenn nicht hier?
Fragen sich all die Zeiten
daher:
Wer ist der?

Er steht in der Leere.
Die ist sein Gewand.
Das Nicht-da
sein Kleid.
Da steht er darin
überall
über die Welt hin.
Der vom Tod auferstand,
ist da,
wo du bist,
wo ich bin.
Der Christos,
der Kyrios, Gott.
Und er spricht:
Fürchtet euch nicht –
Ich lebe!

Ja, die Frauen (und wir mit ihnen) suchen jemanden, den man so nicht finden kann: Die Leere «ist sein Gewand. Das Nicht-da sein Kleid». Und das ist auch der Grund, warum wir ihn (in dieser Geschichte) nicht finden. Denn die richtige Frage lautet nicht: «Wo ist er?», sondern «Wer ist er?». Auf dem Friedhof sucht man tote Menschen, bestimmt aber nicht den «Kyrios», den «lebendigen Gott». Das ist auch die Antwort der zwei Männer in leuchtenden Gewändern: «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?» (V.5). Die ganze Verwirrung und Unsicherheit resultieren nur daraus, dass man Jesus unter falschen Voraussetzungen sucht. Etwas salopp gesagt: Sie haben die falsche Adresse.

In Jesus ist Gott Mensch geworden und «zeltete», wie es bei Johannes poetisch heisst (Joh 1,14), eine Weile unter uns. Als Mensch ist er am Karfreitag am Kreuz gestorben, und nun ist er auferstanden. Denn der, der selbst das Leben ist (Joh 14,6), kann nicht tot bleiben. Was hat er damit bewirkt? Er hat jetzt eine neue Existenz: Denn wie wir aus anderen Ostererzählungen wissen, kann er zum Beispiel durch verschlossene Türe gehen und doch kann man ihn berühren (Joh 20,19). Aber vor allem: Er ist unsterblich, denn er war schon tot. Und diese neue Existenz hat er nicht für sich gewonnen, sondern für uns, denn wir «Christmenschen» sind jetzt ein Teil seiner neuen Existenz, dieses neuen Menschseins. Denn wie Paulus im Brief an die Galater schreibt: «Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen» (Ga 3,27). Durch die Auferstehung hat sich also alles verändert und die Welt ist nicht mehr so, wie sie war. Nun könnte man natürlich berechtigterweise sagen: «Ja, spanend, aber, was habe ich davon übermorgen, wenn der Alltag wieder beginnt und diese schöne Feier vorbei ist?»

Erlauben Sie mir es mit einem Beispiel zu illustrieren. Sie erinnern sich vielleicht noch an den plötzlichen Wintereinbruch am Anfang April. Es war schon so schön grün und sommerlich und dann sind wir plötzlich in einen Wintertag aufgewacht. Und dann musste man wieder mit dem Schnee kämpfen, als ob es Januar wäre. Doch es macht einen Unterschied, ob man einen Wintereinbruch am Ende November, im Januar oder im April hat. Denn im April wissen wir, der Frühling ist im Grunde schon da, auch wenn es momentan noch anders aussieht. Und ähnlich war es auch heute Morgen am Osterfeuer. Es war noch ziemlich dunkel, als wir mit der Liturgie angefangen haben, aber wir haben gewusst, dass die Sonne kommt und mit ihr das Licht und der neue Tag. Diese und andere Beispiele aus der Natur hat man schon in der Antike als Bilder für die Auferstehung Christi genommen. So konnte beispielsweise Marcus Minucius Felix, ein christlicher Autor und Jurist aus dem zweiten Jahrhundert, zur Verteidigung des Christentums und der Idee der Auferstehung schreiben:

Schau ferner, wie zu unserem Trost die ganze Natur auf die künftige Auferstehung anspielt. Die Sonne geht unter und wieder auf; die Sterne schwinden und kommen wieder, die Blumen sterben ab und leben wieder auf, die Gesträuche bekommen wieder junges Laub, nachdem sie entblättert waren, und nur aus verwestem Samen keimt neues Leben. So ist es mit dem Körper in der Zeitlichkeit wie mit den Blumen im Winter: sie verbergen frische Lebenskraft hinter scheinbarer Erstarrung (Octavius, XXXIV,6,11).

Ja, die Natur selbst lehrt uns: es ist nichts Unnatürliches an der Auferstehung. Und die Auferstehung und mit ihm unsere neue Existenz werden kommen, das ist sicher wie der Tag nach der Nacht und der Frühling nach dem Winter. Doch nun leben wir noch zwischen den Zeiten, in der Dämmerung vor dem Sonnenaufgang, und noch müssen wir ab und zu mit einem Wintereinbruch und mit der Gebrechlichkeit unserer alten Existenz leben. Doch wir wissen: Damals an Ostern, als die Frauen vor dem leeren Grab standen, hat sich auch für uns alles verändert.

Von Palmen und Psalmen (Lk 19,28–40)

Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn.
Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! (Lk 19,38)

«Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!» heisst es in unserem Evangelium (Lk 19,38). Das erinnert doch sehr an Weihnachten. Denn dort singen die Engel bei Lukas: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens» (Lk 2,14). Auch das Lied von Paul Gerhardt «Wie soll ich dich empfangen?», das wir am Anfang des Gottesdienstes zu unserer kleinen Prozession gesungen haben, findet man im Gesangbuch unter den Adventsliedern und dank Johann Sebastian Bach, der ihre erste Strophe in seinem Weihnachtsoratorium aufgenommen hat, verbindet man das Lied heute vor allem mit der Weihnachtszeit. Die zweite Strophe gehört aber eindeutig zum Palmsonntag. Denn dort singt man:

Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin, /
und ich will dir in Psalmen / ermuntern meinen Sinn. /
Mein Herze soll dir grünen / in stetem Lob und Preis /
und deinem Namen dienen, / so gut es kann und weiss.

Wie ist es zu verstehen? Für den heutigen Menschen schwer. Heute würde man wahrscheinlich sagen, die zweite Strophe gehört da nicht hin, es ist ja ein Adventslied. Denn wir denken historisch, in unserer Welt ist alles säuberlich getrennt. Doch unsere Welt ist dadurch auch sehr zersplittert.

Im Mittelalter dagegen ist die Welt noch ganz und harmonisch. Denn sie findet ihre Einheit und Harmonie in Gott und so hängt im Grunde auch alles mit allem zusammen. Es ist wie bei unserer Passionswand hier in der Scherzligkirche, die in diesem Jahr genau 550 Jahre alt wird: Auf diesem ältesten panoramatischen Bild des Mittelalters kann man alles auf einmal betrachten: den Einzug Jesu in Jerusalem, seine Passion und Auferstehung, seine Himmelfahrt, aber auch zum Beispiel die Steinigung des Stephanus und vieles mehr – als ob alles auf einmal geschehen würde. Die Welt wird hier ein bisschen mit Gottes Augen betrachtet, wo sich der Betrachter ausserhalb der Zeit befindet, und die Propheten und die Autoren der Heiligen Schriften haben schon immer die Gabe gehabt, die Welt mit Gottes Augen zu sehen.

So öffnet sich ihnen schon zu Weihnachten bei Christi Geburt das Fenster der Verheissung, durch das man den Palmsonntag sehen kann. Denn an diesem Tag erfüllen sich all die alten Verheissungen: Der Friedenskönig kommt in seine Stadt, wie es schon bei dem Propheten Sacharja vorhergesagt wurde:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sach 9,9)

Er kommt nicht auf einem Kriegsross, sondern auf einem Esel, und ist arm. Und doch wird er vor seinen Jüngern als König bejubelt und zwar «wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten» (V.37). Nun scheinen ihre Träume in Erfüllung zu gehen, denn der ‹wunderbare König› kommt. Und der Jubel war wohl so laut, dass er irgendwann zu einem Politikum wurde. Und die Pharisäer schalteten sich ein, vielleicht aus Angst vor einem drohenden Aufstand, und baten Jesus: «Meister, weise deine Jünger zurecht!» (V.39). Doch er antwortete ihnen: «Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien» (V.40). Das klingt zuerst wie eine poetische Redewendung, es ist aber eine Prophezeiung, die sich sehr schnell erfüllt hat: Denn nach der Zerstörung des Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. werden die Jünger in der Tat schweigen und die Trümmersteine der zerstörten Stadt zum Himmel schreien.

Was für eine Ironie: Denn einer der Gründe, warum Jesus überhaupt gekreuzigt wurde, war eben um den mutmasslichen Aufstand seiner Anhänger und hiermit die Zerstörung Jerusalems zu verhindern. Der Friedenskönig wurde um des Friedens willen getötet. Und es passiert immer wieder in der Geschichte und in der Politik, dass wir mit unserer Bemühung etwas zu verhindern es erst verursachen.

Und dasselbe gilt auch in unserem Leben: Wenn wir uns von Angst leiten lassen, nimmt es selten ein gutes Ende. Im besten Fall erstarren wir und unser Leben kommt zum Stillstand, der sich nur wenig von Tod unterscheidet. Viel öfters trifft aber gerade das an, was wir befürchtet haben und verhindern wollten. Als ob gerade unsere Aktivität das Unglück erst richtig anziehen würde. Doch wie steuern wir dagegen? Zumal Angst zu haben durchaus menschlich ist und jede und jeder von uns im Leben irgendwann vor etwas Angst hat.

Wir gehen den Kreuzweg. Und zwar nicht nur diese Woche, die vor uns liegt und in der wir uns den Kreuzweg in der Liturgie symbolisch vergegenwärtigen, sondern im Leben. Denn nur der Kreuzweg führt zum ‹Tod am Kreuz› und nur der Tod am Kreuz führt zur ‹Auferstehung›. Das mag jetzt etwas kryptisch klingeln, ist es aber nicht: Es bedeutet, dass wir uns im Leben nicht von der Angst, sondern von unserem Glauben leiten lassen sollten. Trotz unserer Ängste gehen wir den Weg, den wir uns vorgenommen haben, und von dem wir glauben, dass er der richtige ist, und lassen uns nicht von unseren Träumen abbringen. Die Ängste kommen natürlich mit und werden versuchen uns dazu zu bewegen, dass wir irgendwann aufgeben und einen anderen und einfacheren Weg nehmen. Und wenn sie damit Erfolg haben, bleiben sie für immer ein Teil unseres Lebens und werden uns für immer begleiten und unser Leben bestimmen. Wenn wir dagegen nicht aufgeben, werden sie irgendwann mit unserem alten Ich, das mit diesen Ängsten verbunden war, am Kreuz sterben und wir werden neu geboren und ohne alte Ängste zum neuen Leben erwachen. Denn irgendwann ist ein Punkt erreicht, wo unsere Ängste keine Macht mehr über uns haben werden. Dies ist bestimmt der Fall, wenn wir Erfolg haben, es ist aber auch der Fall, wenn wir scheitern. Denn wirklich scheitern tun wir nur dann, wenn wir uns selber aufgeben.

Die Karwoche lehrt uns jedes Jahr, dass die Massstäbe für Erfolg und Misserfolg relativ sind. Durch das Ostergeschehen werden wir immer wieder aufs Neue aufgefordert unsere Werte im Leben zu überdenken. Denn nicht selten ist es so, dass gerade das, was auf den ersten Blick als Misserfolg aussieht, erst zum Ziel führt. Und oft müssen wir zuerst scheitern, um das wahre Ziel unseres Lebens zu entdecken.

Die Theologin Dorothee Sandherr-Klemp fasst es in folgenden Zeilen sehr schön zusammen:

Wer ist erhaben?
Wer am Boden?
Was ist bedeutsam?
Was wertlos?
Worin liegen Würde und Gewicht?
Woran sind wahre Werte
zu ermessen?

Was ist groß, was ist klein?
Gottes Maßstäbe sind anders!
Mit dem Palmsonntag
eröffnet sich uns die Welt
in neuem Maßstab: Leben, Sterben
— und lichtes Leben!

Die Karwoche übt uns darin ein,
Gottes Maßstäbe anzulegen,
den Grund neu zu vermessen,
auf dem wir stehen:
Auf solchem Grund,
auf hellem Hoffnungs-Grund,
wird Ostern erbaut!

Nur wenn wir den Kreuzweg gehen, können wir den Grund auf dem wir stehen neu vermessen und etwas Neues in unserem Leben entstehen lassen.

In der barocken Spiritualität hat das Leiden Christi für unsere heutigen Massstäbe zweifelsohne sehr viel Raum eingenommen. Als Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium die erste Strophe des Liedes «Wie soll ich dich empfangen?» aufgenommen hat, hat er sich dabei bewusst für die Melodie eines anderen Liedes von Paul Gerhardt entschieden und zwar für die Melodie des Passionsliedes «O Haupt voll Blut und Wunden». Eine fast unerträgliche Spannung, die uns allerdings lehrt, dass die Freude mit Leid verbunden ist und kein Weg zum Leben am Kreuz Christi vorbeiführt. Und das ist auch in Kürze die Botschaft des Palmsonntags: Der König kommt und wir begrüssen ihn mit Palmzweigen und Psalmen. Sie sind ein Zeichen des Lebens und des Sieges, doch dieser Sieg wurde am Karfreitag errungen. Denn ohne den Tod am Kreuz gäbe es auch keine Freude der Auferstehung.

Vom Verloren-Sein (Lk 15,11–32)

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden. (Lk 15,24)

Schrecklich dieser jüngere Sohn: Er lässt sich von seinem Vater schon vor seinem Tod das Erbteil auszahlen, als ob er nicht mehr warten könnte, bis sein Vater stirbt. Doch das könnte man noch verstehen, würde er das Geld irgendwie sinnvoll investieren, zum Beispiel ein Haus kaufen oder so. Doch das ist nicht der Fall: Er nimmt das Geld, geht in ein fernes Land und verschleudert dort einfach das ganze Vermögen. Genau so einen Sünder haben die Pharisäer und die Schriftgelehrten gemeint als sie Jesus angesprochen haben – nicht das niedliche verlorene Schaf aus dem vorherigen Gleichnis, das er ihnen zuerst aufzutischen versucht hat. Und der jüngere Sohn gibt es auch zu, zumal er sagt: «Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt» (V.21). Im Unterschied zu einem verlorenen Schaf wusste er also ganz genau, was er tut, und hat es trotzdem getan. Genau wie die Zöllner und andere Sünder mit denen Jesus so gerne üppige Mahlzeiten feiert. Doch als Gottes Sohn handelt er nur wie sein liebender Vater und erweist Liebe allen, die verloren waren – er ist ein Gegenbild des älteren Bruders aus dem Gleichnis. Er ist ein älterer Bruder, der für uns zusammen mit dem Vater ein Fest vorbereitet, wenn wir heimkehren.

Doch was soll das bedeuten? Spielt es etwa keine Rolle, wie wir leben, wenn wir unsere bösen Taten immer wieder gut machen können? Und ist es dann nicht genau das, was Dietrich Bonhoeffer seiner Zeit als «billige Gnade» bezeichnete:

[Eine] Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten.

Und fühlen wir uns eigentlich nicht oft wie der ältere Sohn, wenn wir alles richtig machen, aber in vielen Jahren haben wir von Gott, unserem Vater, nicht einmal einen ‹Ziegenbock› als Dankeschön gesehen?

Was für eine Spannung in diesem Gleichnis! Der österreichische Schriftsteller Georg Bydlinski fängt in seinem Gedicht Die verlorenen Söhne diese Spannung sehr schön auf. Er schreibt:

Der Sohn
geht fort.
Er lässt einen Vater
verloren zurück.

Der Sohn
kehrt wieder.
Da verliert sich der Bruder.

Du
kamst
für sie beide.

Denn die beiden Söhne sind nicht so unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick aussieht: Der eine verschleudert die Gnade des Vaters in der Welt, der andere dient ihm zwar treu viele Jahre, nimmt seine Gnade aber nicht in Anspruch und reagiert verbittert, wenn er seinen jüngeren Bruder sieht, der diese Gnade so unverschämt annimmt, nachdem er alles verloren hat.

Man nennt unsere Erzählung zwar das «Gleichnis vom verlorenen Sohn» und die meisten Leser des Evangeliums haben in der Tat vor allem den jüngeren Bruder vor Augen, doch Jesus will, dass wir uns beide Brüder genauer anschauen. Denn es ist vor allem ein Gleichnis für und über uns.

Das Gleichnis bildet nämlich zwei Menschentypen ab und ich wage zu behaupten, dass der ältere Bruder ein grösseres Problem hat als sein verschwenderischer und abenteuerlustiger Bruder. Denn er ist sich dessen, dass er ein Problem hat, gar nicht bewusst. Er ist wie der blinde Pharisäer, über den im Lukasevangelium drei Kapitel später erzählt wird (Lk 18,9–14). Dieser ging zum Tempel ‹stellte sich hin und sprach folgendes Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher usw. Denn ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens›. Sein Gegenbild ist hier interessanterweise ein Zöllner, der sehr an den jüngeren Bruder aus unserem Gleichnis erinnert: ‹Dieser Zöllner blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!›. Und wie es Jesus am Ende zusammenfasst: ‹Der Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause, der Pharisäer nicht›.

Wir wissen, oder können uns es mindestens besser vorstellen, was der jüngere Bruder falsch gemacht hat, und es wird in dem Lukasevangelium auch sehr anschaulich geschildert. Und spätestens dann, wenn der jüngere Bruder bei den Schweinen landet und «hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine frassen», gibt es keine Zweifel: Es kann kaum noch schlimmer werden. Der Tiefpunkt ist erreicht worden. Und egal wie peinlich es ist oder was er auch tun muss, er weiss, dass er es beim Vater sogar als ein Tagelöhner besser hätte. Das einzige, was er braucht ist seine Gnade. Und wie wir wissen, diese bekommt er und zwar im Überschuss: Er bekommt das beste Gewand, einen Ring, Schuhe und ein Fest wird gefeiert – er wird wieder zum Sohn.

Das, was ihm passiert ist und was in dem Gleichnis so bunt geschildert wird, ist sehr menschlich. Er wollte wohl die Welt erkunden, ferne Länder sehen und das Leben ein bisschen geniessen. Und es ist schief gegangen und er ist von seinem Weg abgekommen. Denn das griechische Wort «ἁμαρτία», das wir als «Sünde» übersetzen, ist besser als «Verfehlung» zu verstehen, nämlich, wenn ich das Ziel meines Lebens als Mensch verfehle. Und dies kann leichter passieren als man denkt: Haben Sie sich schon mal bei einer Wanderung verlaufen? Was war der Grund? Bei mir war es oft die glorreiche Idee eine Abkürzung zu nehmen, eine schlechte Karte oder die Überzeugung, der Weg sei doch klar, ich brauche keine Karte. Und genauso leicht kann man auch im wirklichen Leben vom Weg abkommen und irgendwo landen, wo man eigentlich nicht sein will.

Das einzige, was uns dann helfen kann, ist dasselbe, was der verlorene Sohn getan hat: «Er ging in sich». Ja, eine kleine Kontemplation bei den Schweinen. Doch er konnte plötzlich sehen, wie erbärmlich sein Leben wirklich ist, und das war seine Rettung. Die Fastenzeit ist die Gelegenheit für jede und jeden von uns «in sich zu gehen», sich Zeit zu nehmen, und zu schauen, ob wir uns im Leben dort befinden, wo wir sein wollen. Und wenn das nicht der Fall ist, sollten wir heimkehren und zwar zu unserem himmlischen Vater, denn von ihm ging unser Weg aus. Und von ihm haben wir auch die Verheissung, dass wir immer wieder als Töchter und Söhne Gottes empfangen werden. Und das ist keine billige Gnade. Denn wie auch Dietrich Bonhoeffer schreibt: «Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders».

Der grösste Fehler, den wir im Leben machen können ist also nicht der des jüngeren Bruders, sondern der des älteren. Er macht alles richtig, er lebt im Hause des Vaters, aber ohne seine Gnade in Anspruch zu nehmen und ohne Lebensfreude. Dies hat zur Folge, dass er nach und nach verbittert und unglücklich wird. Erst die (in Anführungszeichen) ‹Ungerechtigkeit›, die geschieht als sein jüngerer Bruder heimkehrt, öffnet ihm die Augen und die ganze Bitterkeit kommt raus.

Aus dem Gleichnis erfahren wir leider nicht, wie es dem älteren Bruder später ergangen ist. Vielleicht aus dem Grund, weil wir uns an dieser Stelle als Leser selber Gedanken machen sollten. Ich hoffe natürlich, dass er sich mit seinem Vater und seinem Bruder versöhnen konnte, sich der Gnade geöffnet hat, und von da an auch mit seinen Freunden ein bisschen das Leben gefeiert hat.

Denn die Bibel sagt, wir haben alle gesündigt (Röm 3,23) und gingen alle in die Irre wie Schafe (Jes 53,6). Die Frage ist also nur, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, denn nur wenn wir uns dessen bewusst sind, sind wir auch bereit die Gnade unseres Vaters im Himmel zu empfangen. Ich wünsche uns also allen, dass wir die verbleibende Fastenzeit zu diesem «In-sich-zu-gehen» nutzen und schauen, ob wir uns im Leben irgendwo unterwegs nicht verloren haben.

Von der Versuchung (Lk 4,1–13)

Und als der Teufel alle Versuchung vollendet hatte, wich er von ihm bis zur bestimmten Zeit (Lk 4,13)

Jeden Sonntag beten wir im Gottesdienst mit folgenden Worten:

Unser Vater … führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Ein Gebet, das Christen verschiedener Konfessionen von der ganzen Welt verbindet oder besser gesagt: verbunden hat. Denn im Dezember 2017 kam der jetzt amtierende Papst mit der Idee, dass die deutsche Übersetzung falsch sei und zwar mit folgender Begründung:

Ein Vater tut so etwas nicht: ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.

Und er begrüsste den Beschluss der französischen Bischöfe, die offizielle Übersetzung des Vaterunsers zu ändern. In den katholischen Gottesdiensten in Frankreich betet man heute also:

Lass uns nicht in Versuchung geraten…

Diese Formulierung entspricht vielleicht dem Zeitgeist, sie ist aber bestenfalls eine sehr freie Interpretation der Worte Jesu, vielmehr aber eine Verfälschung. Denn egal, ob man nun das Matthäus- oder das Lukasevangelium nimmt, diese Bitte lautet dort immer gleich: «Und führe uns nicht in Versuchung». Und als Neutestamentler kann ich sagen, dass diese Übersetzung vollkommen richtig ist. Wer also mit den Worten Jesu beten will, sollte bei dieser Übersetzung bleiben.

Dennoch bleibt diese Bitte für viele eine Zumutung und es gibt in der Bibel auch Texte, die dem Papst auf den ersten Blick recht zu geben scheinen, wie der Jakobusbrief, wo steht:

Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt. (Jak 1,13–14)

Was jetzt also? Hat der Papst doch recht? Nein, der Paps irrt. Und die heutige Erzählung über die Versuchung Jesu in der Wüste, zeigt sehr schön, wie die Dinge stehen.

Es ist zweifelsohne der «Teufel», auf Griechisch «Diabolos» und auf Hebräisch «Satan», der hier Jesus «versucht». Es war aber der Geist, von dem Jesus vierzig Tage lang in der Wüste umhergeführt wurde. Jesus wird hier also zweifelsohne in die Wüste und hiermit auch in die Versuchung von Gott geführt. Doch versucht wird man in der Tat nicht von Gott, sondern von dem Bösen, oder wie es Jakobus formuliert – von der eigenen Begierde.

Auf den meisten Bildern zur Versuchung Christi wird der Teufel sehr schön als eine Person abgebildet: eine düstere Gestalt mit Flügeln und/oder Hörnern, die zu Jesus spricht. Doch es gibt auch solche Bilder, wie zum Beispiel das Bild Christus in der Wüste von Iwan Kramskoi (1872), wo Jesus ganz alleine in der Wüste zu sehen ist. Ich denke, all diese Bilder zeigen hier ein Teil der Wirklichkeit: Das Böse ist da, seine Versuchung ist aber nur dann wirksam, wenn wir ihm diese Macht geben – ohne unsere Begierden und Ängste ist die Versuchung leer, wie eine Fasnachtsmaske. Sie kann uns zwar erschrecken, antun kann sie uns aber nichts. Doch was sind diese Begierden? Schauen wir uns genauer die drei Versuchungen Jesu:

  1. Er sollte sollte einen Stein ins Brot verwandeln;
  2. er sollte nach der Weltherrschaft greifen;
  3. und er sollte sich von dem Jerusalemer Tempel stürzen,
    denn Gott würde ihn ja retten.

Es ist im Grunde immer wieder eine einzige Versuchung, nur in dreierlei Gestalt: Jesus sollte der Messias werden, den alle wollen – ein mächtiger Wundertäter, der die Römer vertreibt und unbesiegbar ist. Doch Jesus konnte dieser Versuchung widerstehen: Seine Wunder sind meistens abseits der Menschenmassen geschehen und er hat die Geheilten gebeten darüber niemandem zu erzählen; politisch hat er nichts bewirkt und viele, die ihn am Palmsonntag als den zukünftigen König bejubelt haben, hat er zweifelsohne enttäuscht, insbesondere seinen Jünger Judas; und am Ende stirbt er noch wie ein Verbrecher am Kreuz, statt von Gott im letzten Augenblick gerettet zu werden. Von den Erwartungen der Menschen her also eher ein ‹Anti-Messias›. Doch heute, fast 2000 Jahre später, wissen wir es besser: er hat alles erreicht und das Leben von Millionen von Menschen verändert, weil er den Versuchungen in der Wüste widerstehen konnte und den «schmalen Weg» (Mt 7,14) gegangen ist.

Die Versuchung lockt uns immer auf den «breiten Weg» (Mt 7,13). Sie spricht zu unseren Ängsten oder Begierden und bietet uns eine schnelle und einfache Lösung an und dies am meisten in den Wüstenabschnitten unseres Lebens: Wenn nichts zu gelingen scheint und wir keine Zukunftsperspektive haben oder wenn wir das Gefühl haben zu wenig vom Leben abbekommen zu haben. Dann kommt der «Teufel» und bietet uns sofort all das an, was wir uns im Geheimen wünschen oder sogar das, was uns Gott verheissen hat – wenn wir die Verheissung Gottes beiseite legen und hiermit auf unseres Erbe verzichten; wie Esau, der sein Erstgeburtsrecht an Jakob für etwas zum Essen verkauft hat. Dieser Versuchung konnte sogar Abraham nicht widerstehen: Gott hat ihm und Sara einen Sohn versprochen, obwohl sie schon alt waren (Gen 15). Doch Jahre sind vergangen und nichts ist passiert. Die Lösung schien dann die Sklavin Hagar und der Sohn Ismael zu sein (Gen 16). Es war zwar nicht ganz das, was Gott Abraham versprochen hat, denn Ismael war kein Sohn von Sara, aber immerhin ein Sohn, dem Abraham alles vererben kann. Doch Gott hielt sein Wort und so haben Abraham und Sara im hohen Alter doch einen Sohn, Isaak, bekommen, wie Gott versprochen hat.

Es dauert oft sehr lange, bis Gottes Wort in Erfüllung geht. So war es mit Abraham, so war es mit dem lange versprochenen Messias und nun warten wir schon mehr als zweitausend Jahre auf die versprochene (baldige) Wiederkunft Christi. Die grösste Versuchung auf dem Weg Gottes scheint mir also die Versuchung eine Abkürzung nehmen zu wollen: Warum sollten wir warten, wenn es die Möglichkeit gibt gleich alles zu haben? Und warum werden wir von Gott im Leben überhaupt in eine Wüste geführt, wo man nur Zeit und Energie verliert? Ich weiss es nicht und es kann verschiedene Gründe haben, wie in der Bibel auch. Was ich aber weiss und was auch die ersten Christen wussten, die sich in die wirkliche Wüste zurückzogen, dass man in der Wüste Gott sehr viel näher ist und seine Stimme viel deutlicher hört. Und vielleicht ist das der Grund: Immer wenn wir die Orientierung verlieren, führt uns Gott in die Wüste und zu sich zurück, bis wir diese Orientierung im Leben wieder gefunden haben. Denn, wie Charis Doepgen schreibt: Die «Versuchung [ist] ein Suchen, das sich verirrt hat. Verirrung, die den Weg zurück nicht mehr findet». Und so irren wir eine Weile in der Wüste und werden versucht, bis wir den Weg zu Gott und zu uns und zum wahren Ziel unseres Lebens zurückgefunden haben. Bei Jesus heisst es dann im Lukasevangelium: «Der Teufel wich von ihm bis zur bestimmten Zeit», (und zwar bis zum letzten Abendmahl am Gründonnerstag), und er «kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück». Er kehrte von der Wüste also stärker und fokussierter zurück als er es vorher war.

Die vorösterliche Fastenzeit ist eine Einladung an uns sich freiwillig in die Wüste zu begeben, um Gott zuzuhören und wieder zu sich zu finden. Wie Reinhard Lettmann in einem Gebet schreibt:

In der Wüste suche ich dein Angesicht,
in der Wüste ernährt mich dein Brot.
Ich fürchte nicht, in deiner Spur zu gehen,
dein lebendiges Wasser sprudelt für meinen Durst.

In der Wüste höre ich dein Wort,
in der Wüste, fern vom Lärm,
tröstet mich die Erinnerung an dein Gesetz.
Verborgener Gott, du willst zu meinem Herzen sprechen.

In der Wüste atme ich deine Luft.
In der Wüste wohnt der Geist,
er ist die Kraft am Morgen, die mich treibt.
Er ist das Feuer, das mir vorausgeht in der Nacht.

Der italienischer Schriftsteller Carlo Caretto hat ein sehr schönes Buch mit dem Titel Il deserto nella città (Die Wüste in der Stadt) verfasst, wo er bemerkt: Die «Wüste bedeutet nicht die Abwesenheit von Menschen, sondern die Anwesenheit Gottes». Mit anderen Worten: Die Wüste ist überall dort, wo wir Gott zuhören. Wirklich zu fasten kann uns dabei helfen, muss es aber nicht, wenn wir dabei das Ziel aus den Augen verlieren. Ich persönlich schätze hier die Regel des Hl. Benedikt, die dem Beten und Lesen den Vorrang vor dem leiblichen Fasten gibt und das freudige Klima christlichen Fastens als intensive Pflege der Beziehung zu Gott unterstreicht. Benedikt schreibt:

Deshalb raten wir, dass wir wenigstens in diesen Tagen der Fastenzeit in aller Lauterkeit auf unser Leben achten […]. So möge jeder über das ihm zugewiesene Mass hinaus aus eigenem Willen und in der Freude des Heiligen Geistes Gott etwas darbringen […] und mit geistlicher Sehnsucht und Freude das heilige Osterfest erwarten. (Regula Benedicti 49)

In diesem Sinne wünsche ich uns eine gesegnete und vor allem eine fröhliche Fastenzeit!

Vom Gottesdienst (Lk 4,14–21)

Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt (Lk 4,21).

Es war ein ganz normaler Samstag in einem kleinen Dörfchen namens Nazaret, nicht weit von dem schönen am See gelegenen Tiberias, das seit einigen Jahren die neue Hauptstadt Galiläas war. Im griechisch-römischen Stil aufgebaut – mit Palästen, einem Theater und Forum und einfach allem, was eine neue moderne Hauptstadt braucht. Und wie an jedem Samstag kommen Menschen zum Gottesdienst, wo heute auch Jesus, der Sohn des Zimmermanns Josef, zu Besuch ist. Man habe gehört, dass er jetzt nicht mehr seinem Vater im Geschäft hilft, sondern in der Gegend als Wanderprediger unterwegs sei, und mache sich dabei gar nicht so schlecht. Und so ist man ein bisschen neugierig, was er zu sagen hat, hier in seinem Heimatort. Und ja, er hat einen sehr schönen Text aus dem Buch Jesaja ausgewählt (Jes 61,1–2a):

Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Und auch die Predigt beginnt nicht schlecht:

Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Das hört man immer gerne. Ein bisschen Balsam für die Seele, etwas Aufmunterung nach dem harten Alltag.

Und würden wir bei Lukas weiterlesen, würden wir feststellen, dass die Predigt wohl sehr gut war. Sogar so gut, dass man sich wundert, woher das dieser junge Zimmermann hat: «Sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen, und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?» (Lk 4,22). Doch irgendwann kippt die Stimmung im Gottesdienst und am Ende schreibt Lukas: «Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen» (Lk 4,28–29). Der Prediger Jesus konnte sich natürlich retten, es ist aber bestimmt nicht die Reaktion, die man sich im Gottesdienst nach der Predigt wünscht. Was hat die Leute so aufgebracht? Was hat er gesagt?

Es war eine einfache Redewendung: «Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt» (Lk 4,24). Und er bringt noch einige Beispiele dazu, von denen ich hier nur ein zitiere: «Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine grosse Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon» (Lk 4,25–26). Nun wird es also langsam klarer:

  1. Erstens macht sich der Prediger zu einem Propheten und stellt sich mit dem berühmten Elija auf eine Ebene;
  2. Zweitens bringt er noch Geschichte, wo Gott ausgerechnet nicht dem von der Hungersnot geplagten Volk Gottes hilft, sondern einer fremden Witwe. Als ob er damit sagen wolle: ‹Die Worte der Gnade, die ich hier predige, das ist nichts für euch›.

Jetzt kann man also die heftige Reaktion der Leute ein bisschen besser verstehen, allerdings bleibt die Frage offen, warum Jesus so etwas tut? Die Predigt hat doch so gut angefangen und er hätte nun auch in seinem Heimatort die Lobbeeren als Prediger ernten können und seine Eltern ein bisschen stolz machen. Stattdessen so ein Eklat.

Der Schlüssel zum Verständnis dessen, was an diesem Samstag in Nazaret geschehen ist, liegt meines Erachtens in dem ersten Satz seiner Predigt:

Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

Ich denke, irgendwann hat Jesus gemerkt, dass seine «Worte der Gnade», die er predigt, bei den Zuhörern gar nicht wirklich ankommen bzw. nicht so, wie sie sollten. Die Leute finden seine Worte schön, sie bringen ihnen Freude – keine Frage –, aber seine Predigt kann hier nichts bewirken, zumal die Leute auch nichts erwarten. Was sollte man auch von einem normalen Gottesdienst mit einem Zimmermann als Prediger erwarten? Ein bisschen Freude und Aufmunterung und etwas geistige Nahrung für den Alltag ist schon sehr viel Wert. Was will man also mehr? Und ich würde auch sagen: Ich bin als Prediger glücklich, wenn ich am Sonntag ein paar Menschen glücklich machen kann.

Doch Jesus will hier offensichtlich mehr. Er meint den Satz «heute hat sich das Wort erfüllt» wörtlich: Das Gnadenjahr des Herrn ist da, das Königreich Gottes kommt, die Blinden werden sehen usw. Was alle seit Generationen erwarten, soll sich jetzt endlich erfüllen – auch in dem Dörfchen in der Nähe von Tiberias, an einem Samstag, in einem ganz normalen Gottesdienst. Und das ist eben das, was viele nicht erwarten, und ich würde wagen zu sagen: ja, auch nicht wirklich wollen. Denn das würde alles verändern, alles durcheinander bringen, und dann müssten wir uns auch verändern und das wiederum würde unser geordnetes Leben durcheinander bringen. Und das will im Grunde niemand, vor allem dann nicht, wenn alles einigermassen gut läuft. Dabei ist es eigentlich unverständlich. Es erinnert mich an eine Szene aus dem Film Heaven Is for Real (Den Himmel gibt’s echt) aus dem Jahr 2014. Hier hat der vierjährige Sohn eines Pfarrers während einer Notoperation eine Nahtoderfahrung gemacht und darf dabei mit Jesus einen Blick in den Himmel werfen. Nach seinem Aufwachen erzählt er irgendwann alles seinen Eltern. Diese halten es natürlich zuerst für die Fantasien eines Vierjährigen, doch als sie feststellen, dass er auch Sachen weisst, die er eigentlich gar nicht wissen kann, ist für sie klar, dass es eine echte Erfahrung war und sein Vater erzählt alles von der Kanzel. Was folgt, erinnert schon sehr an den Gottesdienst in Nazaret, denn der Vater, der bisher als Pfarrer sehr beliebt war, verliert fast seine Stelle. Ja, den Himmel gibt es, aber so wirklich und nahe wollen wir ihn auch nicht haben.

So sind wir Menschen. Deswegen braucht es in unserem Leben und in der Kirche immer wieder eine ‹Re-Formation›, das heisst eine ‹Wiederherstellung und Erneuerung› des Geistes. Das Buch Nehemia, aus dem wir am Anfang gelesen haben (Neh 8,2–10), erzählt eine solche Geschichte der Erneuerung. Nach der Rückkehr aus dem Exil wird von dem Priester Esra in der Versammlung vom frühen Morgen bis zum Mittag das Gesetz vorgelesen – ein Buch, das alle kennen; Worte, die sie schon bestimmt gehört haben. Doch nun lauschen sie nicht nur mit offenen Ohren, sondern auch mit offenen Herzen und erlauben sie dem Wort zu wirken. Und das Wort wirkt, so dass Esra und Nehemia die Leute beruhigen müssen: «Seid nicht traurig, und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte des Gesetzes hörten» (Neh 8,9).

Wenn wir uns dem Wort Gottes öffnen, wird es das bewirken, was es verspricht, denn es ist ein schöpferisches Wort: aus ihm ist die ganze Welt um uns herum entstanden und es wirkt in ihr auch weiter. Denn – und auch das steht in diesem von Jesus zitierten Buch Jesaja (Jes 55,10–11):

Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt
und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken
und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, […]
so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt:
Es kehrt nicht leer zu mir zurück,
ohne zu bewirken, was ich will,
und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.

Das Wort wird es aber nur dann bewirken, wenn wir es ihm erlauben. Und dies braucht auf unsere Seite vor allem eine Erwartung, dass es möglich ist, auch in einem normalen Gottesdienst am Sonntag Abend. Die Benediktinerin Charis Doepgen fast diese Einstellung in folgendem kurzen Gedicht schön zusammen:

Immer noch

Das Wort finden
das mein Leben deutet —
es ist schon geschrieben
Gereicht wird es mir im Gottesdienst —
bin ich darauf gefasst
dass es immer noch geschieht?

Ja, sind wir darauf gefasst, an einem Sonntag Abend? Wenn ja, dann werden wir nämlich etwas entdecken, was den Zuhörern in Nazaret verborgen blieb:

  • dass wir die Armen sind, die eine gute Nachricht zu hören brauchen;
  • dass wir die Gefangenen sind, die sich nach der Entlassung sehnen, aus den Zwängen des eigenen Charakters und aus dem Gefängnis, das wir uns im Alltag immer wieder aufbauen;
  • dass wir die Blinden sind, die die Perspektive und die Unterscheidung, was im Leben wirklich wichtig ist, verloren haben;
  • und dass wir die Zerschlagenen sind, die Jesus heute in die Freiheit der Kinder Gottes setzen will.

Und wenn wir all das entdeckt haben, dann stellen wir fest, dass für uns das Gnadenjahr des Herrn ausgerufen wurde.

Das Geheimnis der Taufe (Lk 3,15–16.21–22)

«Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott» (Jes 40,3)

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem sehr trockenen Land. Vielleicht nicht gerade in der Wüste, aber an einem Ort, wo es an Wasser mangelt und die Tatsache, ob man genug Wasser hat, für das Leben von Ihnen und Ihrer Familie entscheidend ist. Und man muss sich hier nicht mehr in exotische Länder begeben, ich denke, es reicht vollkommen, wenn man zum Beispiel nur an den letzten trockenen Sommer denkt. Die Dürre und Hitze plagen also das Land, wo kaum noch etwas wächst, doch Sie haben im Garten einen wundersamen Brunnen, aus dem das Wasser in solchen Mengen sprudelt, dass es für Sie, Ihre ganze Familie und auch die Nachbarn reicht. Ich denke, jede und jeder von uns würde diesen Brunnen sehr gut pflegen und schützen und dafür sorgen, dass das Wasser im Garten überall ankommt, wo es gebraucht wird. Denn nur dann, kann man sich über die schönen Blumen, die süssen Früchte oder den Schatten der Bäume freuen.

Und so einen wundersamen Brunnen hat jede und jeder von uns von Gott geschenkt bekommen und zwar mit der Taufe. Die meisten von Ihnen erinnern sich an die eigene Taufe natürlich nicht, zumal Sie sehr wahrscheinlich – wie ich auch – als Baby getauft wurden. Doch ungeachtet dessen, ob wir es erinnern oder nicht, ist der Brunnen da – irgendwo in dem Garten von jeder und jedem von uns. Vielleicht hat man ihn schon vergessen und er ist unter dem Bauschutt und Krumm und Kram aus dem Alltag unseres Lebens begraben, aber ich versichere Ihnen, er ist da. Denn als Christen sind wir «aus dem Wasser und dem Geist geboren» (Joh 3,5) und die Taufe ist die wundersame Quelle des christlichen Lebens.

Wieso spüren wir aber oft so wenig von dieser Kraft in unserem Leben? Ich denke, viele von uns haben diesen Brunnen in der Tat einfach vergessen und nehmen sein Wasser im Alltag nicht in Anspruch oder wissen gar nicht, wie man aus dieser Quelle schöpft. Und nun liegt dieser wundersame Brunnen schon seit Jahren irgendwo in dem Garten unseres Herzens unter anderen Sachen begraben und wir wundern uns, dass in unserem Leben nichts grünt und wächst, oder nur ganz wenig. Deswegen ist es gut, dass uns das Evangelium heute – gleich am Anfang des Jahres – an diese Quelle erinnert, denn sie stand ja auch am Anfang des Wirkens Jesu. Und die Geschichte erzählt uns auch etwas darüber, was die Taufe ist und wie sie in unserem Leben wirkt.

Die Erzählung aus dem Lukasevangelium, die wir gehört haben, beginnt aber nicht mit Jesus und seiner Taufe, sondern mit der Predigt von Johannes dem Täufer. Er ist die Stimme in der Wüste, die ruft: «Bereitet dem Herrn den Weg». Und wer die Geschichte aus dem dritten Kapitel bei Lukas ganz liest, findet schnell heraus, dass es sich hier vor allem um eine Wüste der menschlichen Beziehungen handelt. Denn Johannes findet in seiner Predigt keine netten Worte für seine Zeitgenossen: «Schlangenbrut» heisst es dort (V.7), und dann kommen noch Drohungen dazu: «Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen» (V.9). Von dem Feuer, mit dem Jesus alle taufen soll, hat Johannes dabei eine ganz eigene Vorstellung: Der Messias kommt, um «den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen (V.17)». Und dann kommt Jesus und die von Johannes versprochene Feuerapokalypse bleibt aus. Stattdessen hört man Seligpreisungen und eine Predigt über Gottes Liebe. Es erfüllt sich also eher das, was anderswo im Buch des Propheten Jesaja steht: «Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen» (Jes 42,2–3). Hat sich Johannes also getäuscht? Zum Teil ja. Dafür spricht auch die Tatsache, dass er vier Kapitel später, als er von Herodes ins Gefängnis geworfen wurde, weil er ihm mit dem selben Feuer ins Gewissen geredet hat, seine Jünger losschickt, um Jesus zu fragen, ob Jesus nun wirklich der Messias sei (Lk 7,19). Und was war die Antwort Jesu? «Er antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet» (Lk 7,22). Ja, Jesus ist der Messias und alles verändert sich, aber anders als sich das Johannes vorgestellt hat: Der Geist Gottes, der sich oft als Feuer offenbart, kommt nun in der Gestalt einer Taube. Nicht etwa als ein Adler oder ein Feuerphönix aus den alten Sagen, nein: eine einfache Taube. Diese bringt aber eine ganz besondere Botschaft mit sich auf die Erde, nämlich: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden» (V.22).

Und genau diese Zusage gilt dank der Taufe auch uns und zwar lebenslang. Denn, wie Paulus an die Galater schreibt: «alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen» (Ga 3,26–27). Ja, mit dem Taufkleid haben wir auch Christus angezogen, sei es als Babies oder Erwachsene. Die Benediktinerin Charis Doepgen OSB drückt es mit einem schönen Bild zur Taufe aus:

Taufe

Familienfest
mit entzückendem Säugling
im Mittelpunkt

Overtüre
zu einem Stück
das nicht mehr gespielt wird

Beurkundeter Akt
für den sich
die Statistiker interessieren

oder was?
wer weiß es noch:

Zusage von Gott
geliebte Tochter, geliebter Sohn
zu sein – ein Leben lang

Ja, oft bleiben wir bei dem Äusserlichen und Sichtbaren stehen und vergessen, dass das Sakrament ein sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit ist, wie es auch das lateinische Wort «sacramentum» andeutet. Denn mit ihm übersetzt man das griechische Wort «μυστήριον», das bedeutet «Geheimnis», und die Taufe ist das Geheimnis des christlichen Lebens und die verborgene Quelle im Garten unseres Herzens, wie es im Johannesevangelium schön heisst: Wer an Jesus glaubt, «aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben» (Joh 7,38–39).

Dieser Brunnen hat also reichlich Wasser, schöpfen wir also dieses Jahr aus dieser Quelle! Und wie tut man es? In zwei Schritten:

  1. Höre auf aus eigener Kraft zu leben, denn das ist die erste Sache, die dich daran hindert aus der wahren Quelle zu schöpfen. In dem Bild des Neuen Testament ist es das normale Wasser, das jeder Mensch zur Verfügung hat, und wie Jesus bei Johannes sagt: «Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen» (Joh 4,13). Hier können uns auch unsere Charaktereigenschaften im Wege stehen, die im Grunde positiv sind, die uns aber dazu verleiten nur aus eigener Kraft zu leben, unter dem Motto: «Das schaffe ich schon». Doch irgendwann kommt jeder Mensch an seine Grenzen, einige früher und andere später, aber irgendwann trifft es jede und jeden von uns. Und dann sitzen wir in der Wüste unseres Lebens und beten zu Gott, dass er uns zu einer Oase führt. Dies wird er zweifelsohne machen, doch er hat für jeden Menschen eine bessere Lösung, denn wie es bei Johannes weiter heisst: «Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt» (Joh 4,14).
  2. Lege die wahre Quelle in deinem Leben frei: Schaue, was diesen wundersamen Brunnen in deinem Herzen verdeckt und dich daran hindert aus ihm Kraft zu schöpfen. Es sind oft die Sorgen des Alltags und andere Sachen, die uns vom Gebet abhalten. Es heisst: «Es wäre schön, aber ich habe keine Zeit». Hier betrügen wir uns allerdings selber, denn es ist wie bei einer Wanderung in der Wüste zu sagen: Für einen Halt in der Oase reicht die Zeit leider nicht, wir müssen weiter. Das man so nicht sehr weit kommt, liegt auf der Hand. Ausserdem stimmt es mit der Zeit nach meiner Erfahrung meistens nicht. Ich verbringe regelmässig Zeit in verschiedenen Klöstern und staune immer wieder, wie viel die Brüder schaffen, obwohl sie mehrmals am Tag beten. Aber vielleicht schaffen sie ja gerade deswegen so viel, weil die Arbeit mehrmals am Tag von dem Stundengebet unterbrochen wird. Denn so kann man nicht nur neue Kraft schöpfen, sondern man bekommt auch mehr Abstand zu den Problemen, die uns im Alltag plagen, und damit eine neue Perspektive, die uns erst hilft eine Lösung zu finden. Ich denke, hier sind die zehn Minuten des Gebets am Morgen und am Abend eine gute Investition. Und sollte es im Alltag dennoch nicht klappen und du solltest das Gefühl haben, dass du dich wieder in einem Hamsterrad befindest, dann lass uns es dieses Jahr gemeinsam versuchen: Komm hierher und gönn dir eine Stunde Scherzligen!

Wenn man nun beginnt von dieser Quelle wieder zu schöpfen, wird sich das Leben von jeder und jedem von uns nach und nach wundersam verwandeln. Es geschieht langsam und schrittweise, denn das Wasser braucht zum Wirken Zeit, dafür aber nachhaltig: Was trocken war wird wieder grün werden und je mehr wir aus dieser Quelle schöpfen, desto mehr Wasser gibt sie her, so dass die Wüste in uns und um uns herum nach und nach wieder zum blühenden Garten wird, wie es schön in dem Hymnus des Stundengebetes von der Schweizer Schriftstellerin Silja Walter OSB steht, mit dem ich hier heute abschliessen werde:

Jordan, sing!
Schwing deine Wasser
über die Wüste hin.
Trunken bist du vom Glanz darin:
Jesus, der Christus, steht als Lamm in den Fluten.

Menschheit, auf!
Lauf ihm entgegen,
deine Geburt ist nah!
Sieh, der Geliebte, die Hochzeit ist da:
Trink seinen Wein, den neuen, glühenden, guten!

Herrliches All!
Fall vor ihm nieder,
bring dich als Gabe dar!
Christus verwandelt dich wunderbar.
Ewiges Leben wird dich im Tode durchbluten!