Scherzliger Kirchweihe (Joh 2,13–22)

Er aber meinte den Tempel seines Leibes. (Joh 2,21)

Jetzt wundern sich vielleicht einige von Ihnen, was für einen drastischen Text wir gerade zur Kirchweihe gelesen haben – ist eine Kirchweihe etwa nicht ein Fest der Freude? Und andere haben sich vielleicht gefragt, ob man die Erzählung über die Tempelreinigung etwa nicht vor Ostern lese. Ja, beides ist richtig: Die Erzählung ist in der Tat etwas drastisch, denn so kennen wir Jesus eigentlich nicht, und ja, man liest die Perikope über die Tempelreinigung meistens vor Ostern. Denn in den anderen Evangelien wird diese Geschichte erst nach dem Einzug Jesu in Jerusalem, (also nach dem Palmsonntag), erzählt. Bei Johannes steht sie dagegen ganz am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu: Nachdem Jesus die ersten Jünger berufen hatte und in Kana in Galiläa das Wasser in Wein verwandelt hat, geht er zum Passafest nach Jerusalem, wo er die Händler aus dem Tempel vertreibt. Dass er sich damit in Jerusalem nicht sehr viele Freunde gemacht hat, das ist offensichtlich. Es ist, als ob jemand aus dem Jura oder dem Berner Oberland vor Ostern nach Bern käme und so etwas in Berner Münster oder vor dem Bundeshaus anstellen würde. Deswegen sind viele Theologen auch der Meinung, dass es gerade diese Aktion Jesu war, die am Ende zu seiner Verurteilung am meisten beigetragen hat. Die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas, die diese Erzählung direkt mit der Passionsgeschichte verbinden, könnten also in diesem Fall historisch recht haben. Doch das Johannesevangelium, das nicht selten im Detail die genaueren Informationen zu haben scheint, erzählt vieles anders und zwar aus einem bestimmten Grund. Das vierte Evangelium interpretiert die Geschichte Jesu geistig. Deswegen hat man das Johannesevangelium auch als ein «geistiges Evangelium» bezeichnet (Klemens von Alexandrien) und einen Adler, der vom Himmel her alles Irdische überblickt, zum Symbol des Evangelisten Johannes gemacht. Und auch in diesem Fall will uns der vierte Evangelist mehr erzählen als eine blosse Geschichte aus dem Leben Jesu und das ist auch der Grund, warum wir diese Erzählung nicht nur vor Ostern lesen, sondern gerade auch heute, am Fest der Weihe der «Kirche unserer lieben Frau zu Scherzlingen».

Doch der erste Grund, warum man die Erzählung über die Tempelreinigung überhaupt bei Kirchweihen liest, ist erst einmal relativ einfach: Man hat vor einer Kirchweihe die Kirche richtig geputzt – also gereinigt. Denn man wollte ja die Kirche gerade am Tag der Kirchweihe besonders schön und sauber haben. Und es gibt einen alten Brauch der Reinigung (lat. lustratio), bei dem die Kirche bei der Kirchweihe symbolisch/liturgisch gereinigt wird. Eigentlich müsste heute also die Sigristin mit mir einziehen und am besten würden wir bei dieser kleinen Prozession noch einen Besen (oder ähnliches) tragen.

Und auch die Aktion Jesu im Jerusalemer Tempel war zuerst eine äusserliche Reinigung: Er macht eine Geissel aus Stricken und vertreibt die Händler und Wechsler. Warum eigentlich? Er sagt: «Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!». Heutige Bibelleser stellen sich hier gleich einen ‹Jahrmarkt› im Tempel vor, aber das war sehr wahrscheinlich nicht der Fall. Ausserdem hat man all diese Händler und Wechsler gebraucht: Von den Händlern hat man die Opfertiere gekauft, sowie man heute in vielen Kirchen eine Kerze kaufen kann, und die Wechsler haben Münzen umgetauscht, damit man im Tempel nicht die Münzen mit einer Abbildung des Kaisers verwenden muss und so nicht gegen die Gottes Gebote verstosse. Dennoch vertreibt Jesus alle. Doch interessanterweise fragt ihn niemand: «Warum tust du das?», sondern: «Welches Zeichen lässt du uns sehen, dass du dies tun darfst?» Man wundert sich also nicht, dass er so etwas tut, sondern man fragt lediglich, ob er es darf. Die dort versammelten Juden, haben nämlich in der Aktion Jesu eine prophetische Handlung erkannt. Denn bei dem Propheten Sacharja stehen folgende Worte:

An jenem Tag wird auf den Pferdeschellen stehen: Dem HERRN heilig; und die Kessel im Haus des HERRN werden wie die Opferschalen vor dem Altar gelten. So wird jeder Kessel in Jerusalem und Juda dem HERRN der Heerscharen heilig sein und alle, die opfern, werden kommen und welche von ihnen nehmen und darin kochen. Und kein Händler [!] wird an jenem Tag mehr im Haus des HERRN der Heerscharen sein. (Sach 14,20–21)

Am Tag des Herrn wird alles Profane heilig und die Inschrift, die bisher nur den Priestern vorbehalten wurde, findet man sogar auf den Pferdeschellen. Denn alle werden Priester und alles wird heilig sein. Und es werden auch keine Händler mehr im Haus des Herrn gebraucht, zumal man dort keine Tiere mehr opfern wird.

Kommt ihnen diese Schilderung irgendwie bekannt vor? Ein ‹Priestertum aller Heiligen› und ‹Tempel›, wo man keine Opfer mehr bringt? Ja, es passt ziemlich genau auf die neue christliche Religion. Jesus selber läutet hier also die Geburt einer neuen (christlichen) Ära an, wie er es auch selber später im Johannesevangelium bestätigt, wenn er zu einer Samariterin sagt:

Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. (Joh 4,21.23)

Die Frage ist also lediglich, ob Jesus der erwartete Messias ist, oder nicht. Denn wenn er sich als Messias legitimiert, kann er auch die Händler aus dem Tempel vertreiben und vieles mehr. Doch stattdessen gibt Jesus den Juden in Jerusalem folgende rätselhafte Antwort: «Reisst diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten» (Joh 2,19).

Ehrlich gesagt, es ist kein Wunder, dass hier Jesus missverstanden wurde und diese Worte dann beim Prozess gegen ihn verwendet wurden, wie wir aus den anderen Evangelien erfahren. Bei Markus sagen zum Beispiel Zeugen aus:

Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschenhand gemachten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen aufbauen, der nicht von Menschenhand gemacht ist. (Mk 14,58)

Und noch am Kreuz wird Jesus von den Schaulustigen mit folgenden Worten verhöhnt:

Ach, du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Rette dich selbst und steig herab vom Kreuz! (Mk 15,29–30)

Die Tempelreinigung war im Leben Jesu also nicht nur eine kleine Auseinandersetzung von vielen, sondern es war DIE Auseinandersetzung, die direkt zum Kreuz auf Golgatha führte. Und deswegen stellt Johannes diese Erzählung auch an den Anfang seines Evangeliums, denn alles, was noch kommt, soll auf dem Hintergrund der Passion und Auferstehung Jesu gelesen werden.

Und im Unterschied zu den anderen Evangelisten lässt Johannes den umstrittenen Satz mit dem Tempel nicht einfach so stehen oder sogar als eine ‹Falschaussage› gelten, sondern er bestätigt die Worte Jesu und fügt hinzu: «Er aber meinte den Tempel seines Leibes» (Joh 2,21). Und die ersten Leser des Evangeliums haben es in Punkto Verständnis noch einfacher gehabt, denn Johannes verwendet im Griechischen für den «Tempel» zwei verschiedene Wörter: für den Jerusalemer Tempel das Wort «ἱερόν» und für den Tempel im übertragenen Sinne das Wort «ναός». Die Juden sprechen also von «ἱερόν» und Jesus von «ναός». Für den Leser war also von Anfang an klar, dass sie wohl von unterschiedlichen Sachen sprechen. In den deutschen Übersetzungen verschmelzen leider beide Begriffe und dadurch wirkt das Missverständnis der Juden auf eine Art und Weise kleiner. Dabei hätten sie nur etwas besser zuhören müssen und ihn fragen, warum er jetzt über «ναός» spricht.

Aber nicht nur das Johannesevangelium, sondern auch der Apostel Paulus, wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth folgende Zeilen schreibt, verwendet das griechische Wort «ναός»:

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? (1 Kor 6,19)

Ja, der neue Tempel des anbrechenden messianischen Zeitalters steht nicht in Jerusalem, sondern hier in Scherzligen – und überall dort, wo sich Christen versammeln. In unserer Kirche ist also nicht nur das alte/irdische Jerusalem gegenwärtig, (auf der Passionswand), sondern auch das ‹Neue Jerusalem› bricht hier an und zwar seit mehr als 1200 Jahren.

Für uns Christen mag es vielleicht eine geläufige Vorstellung sein, dass unser Leib ein Tempel Gottes ist, aber für einen Menschen aus einem anderen Kulturkreis ist es eine sehr radikale Aussage. Und so ein Mensch würde uns wahrscheinlich auch fragen, was hat es dann mit all den Kathedralen, Basiliken und anderen sakralen Räumen an sich, wenn uns praktisch jeder Ort als ‹Kirche› dienen kann? Viele meine Kolleginnen und Kollegen würden dann wohl sagen: Eigentlich gar nichts – unsere Kirche sei nur ein Raum, wo wir uns versammeln, wie andere Häuser auch, vielleicht etwas grösser und schöner. Doch ich denke, in diesem Fall hat die Reformation das Kind mit der Badewanne ausgeschüttet und falsche Schlüsse aus der biblischen Aussage gezogen, dass unser Leib der Tempel Gottes ist. Denn in dem Zitat aus dem Buch des Propheten Sacharja heisst es genau nicht, dass alles dann profan wird, sondern im Gegenteil: alles wird durch die Gegenwart Gottes geheiligt – zuerst unser Leib, danach das Haus, wo wir uns versammeln, das Geschirr, mit dem wir das Abendmahl feiern und nach und nach unser ganzes Leben bis hin zu den erwähnten «Pferdeschellen». Alles in unserem Leben soll heilig werden, denn das alles gehört dem Herrn.

Auch wenn wir also keinen besonderen Ritus für die Weihe einer Kirche haben, ist unsere Kirche ein heiliger Ort, zumal sie durch die Gegenwart und das Gebet von uns und all den Generationen der Christinnen und Christen vor uns geweiht und geheiligt wurde. Und was über unsere Kirche gilt, gilt viel mehr auch über unsere Herzen. Denn unser Herz ist das Allerheiligste in diesem Tempel – von dort strahlt die Kraft Gottes in unserem Leben aus. Lasst uns also in dieser Woche, in der wir die Weihe unserer Kirche feiern und das Licht der Morgensonne in ihr bewundern, auch unsere Herzen reinigen und entrümpeln, damit sie überall dort, wo sie vielleicht inzwischen zu einer Markthalle geworden sind, wieder das wahre Licht ausstrahlen und alles in unserem Leben und um uns herum heiligen und verwandeln. Wie es auch der deutsche Priester und Schriftsteller Heinz Detlef Stäps in folgenden Versen schön in Worte fasst:

wenn Gott lebt
auf dem Grund
meiner getauften
und gefirmten Seele

wenn ich versuche
ihn nicht zu verdunkeln
sondern durchsichtig zu werden
auf ihn hin

dann brauche ich
kein Licht mehr
von aussen
dann strahlt
Er
aus mir.

Die brennende Lampe des Herrn (Lk 1,5–17.57–66)

Er war die Lampe, die brennt und leuchtet… (Joh 5,35)

Wer ist wohl der bedeutendste Mensch aller Zeiten? Einige würden sagen Jesus, andere Buddha und andere wiederum Aristoteles, Galileo oder Albert Einstein. Es gibt auch verschiedene Ranglisten mit 50 oder sogar 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Geschichte. Doch wahrscheinlich niemand wird auf die verrückte Idee kommen Johannes den Täufer zu nennen und ich bin mir ziemlich sicher, man würde ihn wohl auf keiner dieser Listen finden.

Doch was sagt Jesus, der ja oft unter den einflussreichsten Persönlichkeiten der Geschichte genannt wird, über Johannes den Täufer? Es steht im 7. Kapitel des Lukasevangeliums:

Ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen gibt es keinen grösseren als Johannes. (Lk 7,28)

Und auch der jüdische Historiker des ersten Jahrhundert Josephus Flavius schreibt über Johannes:

Manche Juden waren übrigens der Ansicht, der Untergang der Streitmacht des Herodes sei nur dem Zorn Gottes zuzuschreiben, der für die Tötung Johannes‘ des Täufers die gerechte Strafe gefordert habe. Den letzteren nämlich hatte Herodes hinrichten lassen, obwohl er ein edler Mann war, der die Juden anhielt, nach Vollkommenheit zu streben, indem er sie ermahnte, Gerechtigkeit gegeneinander und Frömmigkeit gegen Gott zu üben und so zur Taufe zu kommen. (Antiquitates Judaicae XVIII 5,2)

Ja, Johannes war ein bedeutender Mann in der Palästina des ersten Jahrhunderts, aber «der Grösste unter allen von einer Frau Geborenen»? Wie ist das zu verstehen?

Die Kirche zählt Johannes den Täufer zu den Heiligen und feiert seit dem 5. Jahrhundert seinen Geburtstag. Das ist sonst nur bei Maria der Fall und natürlich bei Jesus. Und das ist auch der Grund dafür, dass man an diesem Tag, wie zu Weihnachten, die weisse liturgische Farbe verwendet. Bei allen anderen Heiligen feiert man nämlich den Todestag und die liturgische Farbe ist meistens rot. Die alte Kirche war sich also der Bedeutung Johannes‘ des Täufers sehr bewusst und in der orthodoxen Tradition ist Johannes bis heute der Heiligste aller Heiligen, dem die zweite Stelle nach Maria, der Gottesmutter gehört. Dennoch, denke ich, dass die meisten Christen heute nicht mehr wissen, was sie mit diesem Mann anfangen sollten. Für die meisten ist er ja vor allem ein ‹Wegweiser› für Jesus, doch wer braucht schon am Ende der Reise einen Wegweiser? Aber ist es wirklich so? Hat sich seine Aufgabe mit dem Kommen Jesu erübrigt und wir sind ihm jetzt nur aus sentimentalen oder historischen Gründen dankbar? Oder ist Johannes der Täufer doch mehr als nur ein Wegweiser in der Geschichte?

In allen vier Evangelien wird sein Wirken gleich am Anfang sehr detailliert geschildert: Er «trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig» und «verkündete eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden» (Mk 1,6.4). Und seine Predigt waren keine lieben Worte. Zu den Volksscharen, die hinauszogen, um sich von ihm taufen zu lassen, sagte er zum Beispiel: «Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt» (Lk 3,7)? Ja, ich denke, so will keine Tauffamilie begrüsst werden….

Das Kommen Christi hat er dann mit folgenden Worten angekündigt: «Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand, um seine Tenne zu reinigen und den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen» (Lk 3,16–17). Und zweifelsohne meinte er damit das Feuer des Jüngsten Gerichts. Dennoch schreibt Lukas nach diesen Worten: «Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk und verkündete die frohe Botschaft». An dieser Stelle fragt man sich, was man hier eigentlich unter «frohe Botschaft» verstehen soll.

Es verrät uns aber etwas über die damalige Zeit. Diese war dunkel und man wollte im Grunde vor allem eine Sache: die Gerechtigkeit. Und zwar nicht die menschliche Gerechtigkeit, sondern die wahre Gerechtigkeit von Gott, der «die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht», wie es schön im Magnificat, dem Lobgesang Mariens, heisst (Lk 1,52). Und vielleicht haben schon damals diese und ähnliche Worte Johannes geprägt, denn Maria, die Mutter Jesu, hat diesen Lobgesang gesprochen als sie der schwangeren Elisabet, der Mutter des Johannes, begegnet ist. Elisabet war damals schon im sechsten Monat und man liest bei Lukas: das Kind hüpfte in ihrem Leib als es die Stimme Marias hörte (Lk 1,41). Von Lukas wissen wir auch, dass Maria und Elisabeth verwandt waren, und, dass Johannes eben sechs Monate älter war als Jesus. Was auch der Grund ist, dass wir seine Geburt genau am 24. Juni feiern – sechs Monate vor Weihnachten. Die wundersame Geschichte seiner Geburt wurde von Lukas auch in die Geschichte der Geburt Christi, also in die Weihnachtsgeschichte, sehr schön eingewoben und mit ihr auf diese Art und Weise fest verbunden.

Johannes und Jesus verbindet also mehr als die Taufe und das Wirken. Es ist schon die Geburt, ja sogar vor der Geburt waren sie beide miteinander verbunden: der «Sohn des Höchsten» (Lk 1,32) und der «Prophet des Höchsten» (Lk 1,76). Dies muss man sich vor Augen halten, wenn man die Bedeutung des Johannes des Täufers verstehen will. Er ist nicht nur ein Wegweiser und ein Zeuge für Christus. Denn auch er wird in der Bibel das «Licht» genannt. Im Johannesevangelium heisst es: «Er war die Lampe, die brennt und leuchtet…» (Joh 5,35). Über Jesus heisst es: Er war das «wahre Licht» (Joh 1,9). Sie sind beide Lichter, Johannes und Jesus: Johannes die Lampe, das irdische/menschliche Licht; Jesus das himmlische/göttliche Licht. Nun könnte man natürlich sagen: Wer braucht am helllichten Tag, also nach dem Kommen Christi, noch eine Lampe? Doch der Tag ist noch nicht ganz gekommen – wir leben, wie die ersten Christen auch, noch zwischen den Zeiten, in der Zeit der Dämmerung: das Himmlische bricht ein, aber das Irdische ist immer noch da. Im Johannesevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern sogar:

Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. (Joh 9,4–5)

Und in der Nacht braucht man eine Lampe. Wenn man die Sonne nicht mehr hat, hilft uns die Lampe sich zu orientieren und das Feuer uns zu wärmen. Und im Leben von jedem von uns gibt es Abschnitte der Nacht, wenn die Sonne weg ist und die Dunkelheit und Kälte der Nacht sich ausbreiten. Und in diesem Fall hat man zwei Möglichkeiten: entweder in der Dunkelheit und Kälte auszuharren bis der Tag kommt oder eine Lampe und ein Feuer zu entzünden und sich auf den Weg zu machen und der Sonne entgegenzulaufen. Das heisst übersetzt: das menschlich Mögliche zu tun, um wieder herauszukommen. Und Johannes ist die mahnende Stimme, die uns dazu in den Nachtabschnitten unseres Lebens und den Nachtabschnitten der Geschichte ruft, und dies wird so bleiben bis der Herr wiederkommt. Bis dahin bleibt diese Spannung zwischen dem, was wir als Menschen tun können und müssen, und dem was nur Gott tun kann. Und jeder von uns muss hier ein Gleichgewicht finden, doch mit der Zeit sollte das Menschliche in unserem Leben abnehmen und das Göttliche zunehmen. Dies spiegelt sich symbolisch auch in dem liturgischen Kalender wider: mit dem Geburtstag des Johannes des Täufers, nach der Sommersonnenwende, nimmt der Tag ab; nach dem Geburtstag Jesu, der Wintersonnenwende, nimmt der Tag wieder zu. Wie Johannes selber gesagt hat: «Er muss wachsen, ich aber geringer werden» (Joh 3,30). Das ist das grosse Ziel zu dem uns Johannes ermahnt. Denn die Worte, die über ihn in der Schrift gesagt wurden, gelten auch heute für uns: «Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heissen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten» (Lk 1,76).

Tue also das Mögliche und bereite wie Johannes dem Herrn in deinem Herzen den Weg und Gott wird dir das Unmögliche dazugeben. Denn es gibt zwei Wege, wie Gott in unserem Leben wirkt, und hier unterscheidet sich auch die Predigt Jesu und die des Johannes: Beide, Jesus und Johannes, predigen die Gnade Gottes. Doch während Jesus den Menschen die Gnade schenkt und diese sie dann zur Umkehr führt, sagt Johannes: kehrt um, damit die Gnade kommen kann. Über Johannes sagte man zu seiner Zeit auch (Lk 7,33–34): «Er isst kein Brot und trinkt keinen Wein», er hat «einen Dämon». Und über Jesus sagte man wiederum: «Er isst und trinkt», siehe, ein «Fresser und Säufer». Doch die Wahrheit ist, dass es im Leben eines Menschen beides gibt: Eine Zeit der Umkehr und eine Zeit der Gnade, eine Zeit des Fastens und eine Zeit des Festens, und eine Zeit der Sonne und eine Zeit ohne Sonne, wenn wir nur eine brennende Lampe in Händen haben, die uns hilft den Glauben an das wahre Licht nicht zu verlieren bis der Tag wiederkommt. Denn auch eine kleine brennende Lampe in der Hand legt ein Zeugnis über die wahre und unbesiegbare Sonne ab, nach der wir unser Leben ausrichten, und hilft uns im Dunkel der Welt den Weg wieder zu finden.

Zum Ewigkeitssonntag (Joh 11,21–27)

Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh 11,25)

«Ich bin die Auferstehung und das Leben…», sagt Jesus im 25. Vers unserer Erzählung aus dem Johannesevangelium. Ein bekannter Vers, den wir oft bei Abdankungen hören und der in vielen Kirchen zur Liturgie des Gedenkens an die Verstorbenen gehört, sei es der evangelische «Ewigkeits-» oder «Totensonntag» am letzten Sonntag des Kirchenjahres, oder der katholische Gedenktag «Allerseelen» am Anfang November. Und dann hören wir diesen Vers wieder im Frühling zu Ostern, wenn wir die Auferstehung Jesu feiern. Nicht ohne Grund nennt man also den Ewigkeitssonntag auch das «herbstliche Osterfest» und es gibt Kirchen die an diesem Tag wie zu Ostern die weisse liturgische Farbe verwenden, um die Auferstehung von den Toten zu betonen. Denn unsere Verstorbenen werden in Christus auferstehen – das ist unser Glaube und unsere Hoffnung. Ich habe mich heute für die violette Farbe entschieden. Nicht aus dem Grund, weil ich die Auferstehung nicht betonen wollen würde – ich denke, das kann man nicht genug oft tun –, sondern, weil ich überzeugt bin, dass wir hier immer zu schnell ans Ende der Geschichte kommen ohne uns des langen Weges, den jede und jeder von uns im Leben gehen muss, bewusst zu werden. So lesen wir oft auch die heutige Erzählung zu schnell und vom Ende her, zumal die meisten von uns schon wissen, wie es ausgeht: Jesus wird Lazarus, den Bruder von Marta und Maria, auferwecken. Doch bei dieser schnellen Lektüre übersehen wir viele Kleinigkeiten, die vielleicht theologisch nicht so bedeutend sind, doch für unser Leben auf dieser Welt einen Unterschied machen. Denn das Leben besteht vor allem aus Kleinigkeiten und es sind oft Kleinigkeiten, die uns wirklich glücklich machen: ein kleines gebasteltes Geschenk von unseren Kindern, eine kleine Blume als Zeichen der Liebe oder ein gutes Wort als Zeugnis der Freundschaft. Das alles macht das Leben aus und das alles macht uns menschlich. Und das alles macht auch Gott ‹menschlich›. Denn, wenn es am Anfang des Johannesevangeliums heisst, dass Gott Mensch geworden ist, bedeutet es auch, dass wir einen Gott haben, der ‹menschlich› ist: Er ruft nicht einfach vom Himmel her: «Ich bin die Auferstehung und das Leben», sondern am Grab auf der Erde – er geht unseren Weg mit uns und leidet und weint mit uns.

Denn ein paar Verse weiter heisst es in unserem Evangelium: «Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus» (Joh 11,33–35). Jesus weint am Grab von seinem Freund Lazarus, obwohl er weiss, dass er ihn bald zum Leben erwecken wird. Doch es ist noch nicht so weit und das Wissen macht den Schmerz nicht leichter, denn das Wissen hilft nur dem Kopf und der Mensch ist mehr. Der bekannte chilenische Dichter Pablo Neruda schreibt in einem seiner Gedichte: «Es war schön zu leben, da du lebtest». Er bringt in einem einfachen Vers das auf den Punkt, was im Leben wirklich von Bedeutung ist: Die Beziehung zu Menschen, die wir lieben. Und solange die Trennung da ist, die der Tod verursacht, solange dauert auch der Schmerz an, auch wenn wir wissen, dass die Toten auferstehen werden. Denn das weiss auch Marta in unserer Erzählung, wenn sie zu Jesus sagt: «Ich weiss, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag». Sie glaubt und hofft, wie wir, dass eines Tages – am Ende der Geschichte – wir und all unsere Verstorbenen auferstehen werden. Doch heute ist ihr Bruder noch tot. Und besonders bitter ist die Tatsache, dass es nicht so hätte sein müssen: «Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben», sagt sie zu Jesus. Denn er hätte ihn bestimmt – wie all die anderen – geheilt. Jetzt ist aber zu spät. Und in diese Situation, wo nichts mehr zu machen ist, kommt das Wort Jesu: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt». Er sagt nicht etwa: ‹Keine Angst, ich werde ihn gleich auferwecken›, sondern: «Ich bin die Auferstehung», wo er das ‹jetzt und da› betont. Und um zu zeigen, dass sein Wort wahr ist, erweckt er Lazarus vor den Augen der Trauergemeinde wieder zum Leben. Doch was hat das mit uns und unseren Verstorbenen zu tun?

In einem alten Taufbekenntnis der Kirche, das oft einfach nur das ‹Apostolikum› genannt wird, heisst es am Ende: «Credo in … Sanctorum communionem» / «Ich glaube … an die Gemeinschaft der Heiligen». Damit ist etwa nicht gemeint, dass wir glauben sollten, die «Heiligen» haben es gut – sie haben im Himmel eine gute Gemeinschaft. Nein, mit den Heiligen sind wir gemeint. Das Bekenntnis bringt zum Ausdruck, dass wir als Kirche nicht nur eine Gemeinde der Lebenden sind, sondern auch aller in Christus Verstorbenen. In einer Benediktinerabtei in Deutschland bringt diesen Glauben sehr schön die Kirchenarchitektur zum Ausdruck: Das Chorgestühl, wo die Mönche jeden Tag das Gebet singen, bildet in der Kirche vor dem Altar einen Halbkreis. Auf der anderen Seite der Kirchenmauer hinter dem Altar befindet sich dann ein zweiter Halbkreis – der Friedhof, wo die Verstorbenen Brüder ruhen. So schliesst sich der Kreis der Gemeinschaft der Heiligen und des Lebens.

Und so ist das Schrecklichste, was der Tod verursacht, nämlich die Trennung von unseren Liebsten, in Christus nicht mehr vorhanden. Aus unserer Perspektive können es noch Jahre oder Jahrzehnte sein, bevor wir uns wiedersehen, aus der Perspektive der Verstorbenen sieht es aber ganz anders aus: Sie sind in Christus bereits auferstanden. Denn die Zeit spielt bei Gott keine Rolle. Das bedeutet nicht, dass wir nicht trauern dürften und zweifelsohne müssen wir einen Weg gehen, den auch die Schwestern Maria und Marta in unserer Erzählung gegangen sind. Wir gehen diesen Weg aber nicht allein und in Christus sind wir von unseren Verstorbenen nicht mehr getrennt. Wir sind die Gemeinschaft der Heiligen und sind als Kirche der Lebenden gemeinsam unterwegs. Das Gedicht von dem deutschen Priester und Lyriker Wilhelm Willms bringt dieses Gemeinsam-unterwegs-sein sehr schön zum Ausdruck:

welcher engel wird uns sagen
dass das leben weitergeht
welcher engel wird wohl kommen
der den stein vom grabe hebt

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

welcher engel wird uns zeigen
wie das leben zu bestehn
welcher engel schenkt uns augen
die im keim die frucht schon sehn

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

welcher engel öffnet ohren
die geheimnisse verstehn
welcher engel leiht uns flügel
unsern himmel einzusehn

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

Die Engel helfen Menschen, die unterwegs sind, rufen sie zur Umkehr und künden zukünftige Ereignisse an. So ist auch das Violett eine liturgische Farbe der Erwartung, der Besinnung und der Umkehr. Sie fokussiert sich auf den Weg und die Vorbereitung auf etwas Grösseres: Wir treffen sie bald in der Adventszeit an, wo sie uns auf dem Weg zur Christnacht begleitet, und im Frühling in der Fastenzeit vor Ostern, bis beide Male die weisse Farbe alles wieder erhellt. Und auf diese Art und Weise ist sie uns auch heute ein Zeichen dafür, dass wir unterwegs sind: von der schwarzen Farbe des Todes zu der weissen Farbe der Auferstehung und des Lebens.

Die Berufung des Natanaëls (Joh 1,43–51)

Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? (Joh 1,46)

Jeder von uns kennt es wahrscheinlich: je älter man wird, desto weniger Illusionen hat man. Irgendwann hat man erfahren, dass die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum in Wirklichkeit nicht von dem Christkind sind, aber das war erst der Anfang, denn inzwischen ist man erwachsen geworden. Man ist kein kleines Kind mehr und weiss, wie die Welt funktioniert. Man hat gelernt die Sachen realistisch zu sehen und weiss, dass einiges sehr unwahrscheinlich ist: Echte Wunder passieren selten und auch von der Politik sollte man nicht zu viel erwarten. Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer und auch die Kirche wird die Welt nicht retten, sonst hätte sie es ja schon getan. «Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun», wie es im Buch Kohelet sehr schön geschrieben steht (Koh 1,9). Die Bibel ist hier – im Unterschied zu vielen gesellschaftlichen Utopien – sehr realistisch, was die Menschen betrifft, sie hat keine Illusionen. Die Schrift ist voll von Geschichten über Menschen, die versagen, dem Herr nicht folgen, nicht glauben oder einfach so ziemlich skeptisch sind, wie zum Beispiel Natanaël in unserer Erzählung.

Als ihn Philippus unter dem Feigenbaum findet und ihm fröhlich verkündet: «Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazaret», antwortet dieser Natanaël einfach: «Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen?» – und dies etwa nicht aus dem Grund, weil aus Nazaret nur Schlechtes komme. Nein, es ist vielmehr überraschend, dass aus diesem galiläischen ‹Kaff› überhaupt etwas kommt. Was für eine Arroganz, würde man heute sagen. Doch Natanaël hat jeden Grund zu dieser Skepsis: Er ist ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit, und wohl in der Schrift belesen, wenn man dies aus der Tatsache herauslesen darf, dass er unter einem Feigenbaum sass, wo ein echter Israelit die Schrift studiert. Jedenfalls steht in seiner Bibel nichts von «Nazaret». Und hätte er die Möglichkeit gehabt, die Experten heranzuziehen – wie wir es heutzutage gerne tun oder wie es König Herodes im Matthäusevangelium tat (Mt 2,5) –, würden sie es bestätigen: Der Messias kommt nicht aus «Nazaret», sondern aus «Betlehem in Judäa». Also kein Grund für Natanaël mit dem verwirrten Philippus irgendwohin zu gehen, denn Mose und andere Propheten haben nichts über Nazaret geschrieben. Einfach gemütlich unter dem Feigenbaum bleiben, lesen, studieren, geniessen und auf den Messias warten.

Natanaël war also ein guter Israelit und die Schrift und die Theologen seiner Zeit wären zweifelsohne auf seiner Seite gewesen. Deswegen ist es etwas unverständlich, dass er dann doch aufsteht und mit Philippus geht. Und dieser muss ihn nicht einmal überreden, sondern er sagt zu ihm einfach: «Komm und sieh!». Vielleicht war Natanaël nur neugierig oder es war mit der Zeit doch langweilig unter dem Feigenbaum? Das Motiv erfahren wir von dem Evangelisten nicht und dieses spielt in seiner Erzählung auch keine Rolle. Wichtig ist nur, dass er irgendwann aufsteht und mit Philippus zu Jesus kommt – das ist das einzige, was in den johanneischen Erzählungen zählt. In diesem Augenblick verändert sich nämlich sein Leben und nichts ist mehr wie es einmal war: Denn dieser Jesus sieht eindeutig etwas, was eigentlich nur Gott sehen kann, wie es auch der Psalmist bekennt: «Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weisst von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken» (Ps 139,1–2). In diesem Augenblick, in dem Natanaël von Jesus erkannt wird, erkennt Natanaël auch Jesus und er wird für ihn zum «Meister», zum «Sohn Gottes» und dem «König von Israel»; ungeachtet dessen, dass er aus Nazaret kommt.

Die Botschaft des Johannesevangeliums ist hier einfach: Menschen verändern sich, wenn sie Jesus begegnen, zumal sie in ihm Gott begegnen. Und das Leben der Menschen, die Gott begegnen, verändert sich auch; wie bei Natanaël: Zu ihm heisst es am Ende unserer Erzählung: «Du wirst noch Grösseres sehen … ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn». Ein rätselhaftes Wort, ein Spruch, wie aus einem Orakel – was soll man sich darunter vorstellen? Es ist eine Anspielung auf eine uralte Erzählung aus Genesis 28, wo sich Gott im Traum auf genau dieser Art und Weise Jakob offenbart, der gerade auf der Flucht vor seinem Bruder Esau ist – ohne Schutz, ohne Essen, ohne Kleider und ohne Heimat. Doch in dieser Nacht gibt ihm Gott eine neue Heimat, nämlich das Land, wo er übernachtet hat, und Jakob nennt den Ort Bet-El (Gotteshaus). Und so können wir jetzt auch den rätselhaften Spruch Jesu verstehen: Natanaël und allen, die Jesus folgen, wird eine neue Heimat mit einem neuen «Haus Gottes» versprochen – einem Ort, wo das Tor zum Himmel ständig offen ist, wo die Engel wie Postboten ohne Unterbruch hin und her pendeln und die Erde mit dem Himmel verbinden. Natanaël und die ersten Jünger konnten diese «Hochzeit» zwischen der Erde und dem Himmel auch gleich erleben und zwar in dem Heimatort von Natanaël in Kana in Galiläa (vgl. Joh 21,2), wo Jesus das Wasser in Wein verwandelt hat. Die Erzählung folgt unmittelbar nach unserer Geschichte und am Ende heisst es: «So tat Jesus sein erstes Zeichen … und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn» (Joh 2,11). Und wir alle wissen, dass es in der Tat erst der Anfang dieser ganzen wunderbaren Geschichte Gottes war.

Doch sehr wahrscheinlich wäre nichts davon passiert, wenn Natanaël unter dem Feigenbaum geblieben wäre. Was hat ihn bewegt? Wir wissen es nicht, es steht aber ziemlich fest, dass es keine theologischen Argumente oder Schriftbeweise waren. Die wären nutzlos gewesen. Es heisst einfach «Komm und sieh!», mit anderen Worten: Komm und mache deine eigene Erfahrung. Philippus wusste, dass ihn die Begegnung mit Jesus verändern wird, und vielleicht auch, dass Natanaël neugierig und für Neues offen ist. An einer anderen Stelle in der Bibel heisst es: «Werdet wie die Kinder!» (Mt 18,3). Es bedeutet für mich unter anderem: Bleibt neugierig, bleibt offen für Neues, aber auch: Ihr könnt Fehler machen, ihr könnt ausprobieren, und lasst euch nicht davon abraten Träume zu haben. Die Einladung «Komm und sieh!» funktioniert aber nur dort, wo etwas zu sehen ist: Wenn man wirklich die Möglichkeit hat das «Haus Gottes» zu betreten, Gott zu begegnen und diese Erfahrung zu machen. Doch das «Haus Gottes» erinnert zur Zeit Jesu eher an den Tempel zur Zeit Elis und seiner Söhne aus unserer ersten Lesung. Dort heisst es: «In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig». Mit anderen Worten: Das Tor zum Himmel war mehr oder weniger geschlossen. Denn Elis Söhne haben aus dem «Haus Gottes» ein Unternehmen gemacht – nicht ganz unähnlich dem Tempel zur Zeit Jesu, wo es heisst: «Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!» (Joh 2,16). Heute sind wir der Tempel Gottes (Eph 2,21) und es macht auch heute einen fundamentalen Unterschied, ob unsere Vision von der Marketing-Abteilung stammt oder von Gott. Denn in dem ersten Fall bringen wir Menschen nur zu uns, in dem zweiten Fall dagegen zu Gott. Und nur in diesem Fall gilt uns das Wort des Apostels: «Ihr seid jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes» (Eph 2,19).

Unsere Aufgabe als Kirche unterscheidet sich nicht von der des Philippus, nämlich Menschen einfach zu «Jesus« zu bringen, wobei «Komm und sieh!» im Grunde die einzigen Worte sind, die wir dazu brauchen. Die einzige Voraussetzung ist allerdings, dass Menschen in unserer Mitte diese Erfahrung machen können, das heisst «Jesus» und hiermit «Gott» begegnen. Mit anderen Worten gesagt, dass wir als Christen authentisch sind. Unsere Sorge sei also an erster Stelle ein wahrer Tempel Gottes zu werden, ein Ort, wo die Engel ohne Unterbruch auf- und niedersteigen können, um die Erde mit dem Himmel zu verbinden, und nicht die Besucher-Zahlen, wie in einer Markthalle. Doch was bedeutet es konkret ein Tempel Gottes zu werden? Konkret bedeutet es für jede und jeden von uns und uns alle einen Raum im Alltag zu schaffen, der keine Markthalle ist, das heisst einen Raum der Stille, der von dem alltäglichen lauten Geschäft getrennt ist und den ich so bewusst wahrnehmen kann. Denn jeder Tempel braucht eine Mauer, die ihn von der Welt trennt und ist ein Bau, der sich von anderen Bauten unterscheidet. In dieser Zeit wende ich mich dann der «Lade Gottes» zu, das heisst der Schrift, und lasse die «Lampe Gottes», das heisst den Geist, brennen und sage wie Samuel zu Gott: «Rede, denn dein Diener hört». Das ist alles: Indem ich jeden Tag, (seien es nur 10 Minuten), einen kurzen Abschnitt der Schrift langsam Wort für Wort lese, darüber nachdenke und mit Gott spreche, werde ich zum Tempel Gottes und einem «lebendigen Stein» seiner Kirche (1Pe 2,5). Es sind kleine Schritte auf dem Weg mit Gott und sie sind nicht anspruchsvoll, doch entscheidend ist, ob ich wie Natanaël aufstehe und sie mache oder nicht, denn jede grosse Reise besteht aus vielen kleinen Schritten.

Das Wirken Jesu in Galiläa bei Johannes (WUNT II/325)

Buch

Das Wirken Jesu in Galiläa bei Johannes. Eine strukturale Analyse des vierten Evangeliums mit den Synoptikern, WUNT II/325, Tübingen 2012, ISBN 978–3–16–151720–4, http://www.mohr.de.

Abstract:Das Verhältnis des Johannesevangeliums zu den Synoptikern gehört seit Origenes zu den größten Problemen der Evangelienexegese und nach der Auflösung des seit P. Gardner-Smith bestehenden Konsenses steht es heute vor einer Neubestimmung. Zu dieser will auch der Autor des vorliegenden Buchs beitragen. Zbyněk Garský analysiert mit neueren textlinguistischen Methoden die intertextuellen Bezüge des vierten Evangeliums zu den Synoptikern und zeigt am Beispiel des Wirkens Jesu in Galiläa bei Johannes, dass die Lösung des Origenes im Grunde der Intention des Johannes entspricht. Der vierte Evangelist ist ein aufmerksamer Exeget der Synoptiker und schreibt sein Evangelium in einem literarischen Gespräch mit den drei älteren Evangelien, die er dabei einer allegorischen Relektüre unterzieht. Diese intertextuelle Schreibweise lässt sich mit dem von U. Eco geprägten Begriff als „intertextuelle Ironie“ bezeichnen und stellt ein seit der Antike bekanntes Phänomen dar, das die Allegorie und Allegorese kennzeichnet.

English

Das Wirken Jesu in Galiläa bei Johannes. Eine strukturale Analyse des vierten Evangeliums mit den Synoptikern [The Ministry of Jesus in Galilee in the Gospel of John. A Structural Analysis of the Intertextuality of the Fourth Gospel with the Synoptics], WUNT II/325, Tübingen 2012, ISBN 978–3–16–151720–4, http://www.mohr.de.

Abstract:The relationship of John’s Gospel to the Synoptics has been one of the major problems of gospel exegesis since Origen. Today, after the dissolution of the consensus which has ruled in biblical studies since P. Gardner-Smith, this relationship is in need of redefinition, to which the author of this book wishes to contribute. Zbynĕk Garský analyzes the intertextuality of the Fourth Gospel with the Synoptics by using new methods of text linguistics and by showing through the example of Jesus’ ministry in Galilee in the Gospel of John that the solution of this issue by Origen in fact corresponds to John’s intention. The fourth evangelist is a careful exegete of the Synoptics and wrote his gospel in a literary dialogue with the three older gospels, which he rereads allegorically. This kind of intertextual writing can be described as “intertextual irony,” a term established by U. Eco, a well-known phenomenon since antiquity which characterizes the allegory and allegorizing.

Die Bilder zum Buch: Vincent van Gogh & Paul Gauguin

Das Caféim französischen Arles im Herbst 1888 von Vincent van Gogh (links) und Paul Gauguin (rechts):

Quelle:

  • Vincent van Gogh (1853-1890), Das Nachtcafé, Arles, September 1888, Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm, Yale University Art Gallery, New Haven, Connecticut [© 2011 Yale University – used by permission].
  • Paul Gauguin (1848-1903), Im Café, Arles, November 1888, Öl auf Leinwand, 72 x 92 cm, Staatliches Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin, Moskau [Wikimedia Commons].

Rezensionen | Reviews

Recherches de Science Religieuse, 103 (2015), 257–286 (Michèle Morgen)
Biblische Notizen163 (2014), 146–147 (Michael Ernst).
Biblica95 (2014), 462–465 (Maurizio Marcheselli).
Zeitschrift für Katholische Theologie136 (2014), 326–327 (Veronika Burz-Troppe).
Review of Biblical Literature6 (2014), Download PDF(Jeffrey M. Tripp).
Das Heilige LandHeft 1 (2014), 69 (Marco Petrelli).
Collectanea Theologica83 (2013), 224–227 (Bartosz Adamczewski).
Theologische Revue109.4 (2013), 289–290 (Hans Förster).
Theologie und Philosophie88.2 (2013), 299–301 (Johannes Beutler).
Journal for the Study of the New Testament35.5 (2013), 73–74 (Pieter J. Lalleman).
New Testament Abstracts57.1 (2013), 171.
Filologia Neotestamentaria25 (2012), 176.

Povolání Natanaele (J 1,43–51)

Co může z Nazareta vzejít dobrého? (J 1,46)

I když je tomu už pár let, kdy jsem naposledy stál zde vpředu a dnes jsem zde spíše jako host vás všech, kteří se zde setkáváte každou neděli, mohu vás snad přece jen pozdravit a přivítat na dnešní bohoslužbě, neboť tato určitá smělost se dá podle mého názoru ospravedlnit tím, že se tu stále cítím více jako doma, nežli jako host.

Každý člověk má určitá pouta, nejen k lidem, ale i k místům, některá z nich se časem oslabí a některá dokonce pominou, ale některá přetrvají – obzvláště ta, která se váží k dětství. Ta si myslím každý z nás nese v životě s sebou, ať jsou dobrá či zlá. Ta zlá člověka skutečně poutají a jsou mu okovy, ta dobrá jej ale naopak integrují s ostatními a pomáhají mu porozumět sobě samému a najít svou vlastní cestu, neboť lidská existence je podle mne uspokojivě definovatelná jen ve vztahu – ve spojení k druhýmlidem a k Bohu. V mém životě, mohu říci, to byla doposud vždy jen tadobrá pouta. Část Votic je a zůstane určitým způsobem vždy se mnou: nejen jako fotografie na stěně v Mnichově, ale hlavně ve vzpomínkách na dětství, kdy pro mě Votice byly nejen domovem skutečným, ale také mým prvním domovem duchovním. To, že zde dnes mohu přijmout kněžské svěcení, je dokladem toho, že ona dobrá pouta zůstanou jednou pro vždy. Vztahy jsou těmi vlákny, ze kterých je upředena velká část lidského bytí. Myslím, že jen ten, kdo se je rozhodne sám zpřetrhat, může zůstat skutečně sám. Pokud se přidržíme tohoto obrazu, mohli bychom říci, že Bůh je tkadlec, který tato vlákna spřádá dohromady, někteří dokonce věří, že má pro každého člověka určitý plán, dalo by se říci ‚mustr‘, vzor. Pro někohodocela obyčejný, pro někoho klasický a pro jiného zase velmi pestrý. O tom, dojaké míry je za výsledný vzor zodpovědný člověk a do jaké míry je vše Božím plánem, diskutují teologové staletí. Podle mě musí tam, kde má vzniknout něco nového, Bůh a člověk spolupracovat. Je prastarou lidskou zkušeností, že pro dílo, které se má zdařit, jen lidský talent, umění a vzdělanost nestačí. Bez pomoci Kalliopé, múzy múz, nevzejdou žádné verše a i vynikající malíř je bez inspirace: to, co chybí, jsou nové ideje, řečeno v podobenství: nová vlákna a nové vzory v šatu našeho života. Jak však být při tom, když chce Bůh přidat nové vzory do našeho obnošeného a každodenního života?Evangelium, které jsme dnes četli, nám o tom vypráví.

Příběh ze začátku Ježíšova působení vypráví o povolání Filipa a Natanaele, jedněch z prvních Ježíšových učedníků. Celé vyprávění nepostrádá onu typickou Janovskou ironii, která mnohdy nese až rysy komičnosti. Zatímco Filipovi stačila k jeho rozhodnutí následovat Ježíše dvě slova, totiž „Následuj mě!“, nebylo povolání Natanaele zdaleka tak hladké. Když ho Filip vyhledal a říká mu „Nalezli jsme toho, o němž psal Mojžíš v Zákoně i proroci, Ježíše, syna Josefa z Nazaretu. “, ví Natanael přesně, co se mu na celém Filipově vyznání nezdá: Nazaret; co dobrého může vzejít z ‚díry‘, jako je Nazaret? Natanael má svůj úsudek o této vesnici a možná i svou zkušenost. Filip, který pravděpodobně ví, že Natanaeli nic nevymluví, odpovídá „Pojď a přesvědč se!“ Zcela jistě asi jediná možná odpověď na podobnou skepsi. Když dorazí společně k Ježíši, není již pochyb o tom, že centrální postavou tohoto vyprávění je právě Natanael. Sotva ho Ježíš uviděl, říká mu „Hle, pravý Izraelita, v němž není lsti“. Čtenář, který by očekával nějakou pokornou odpověď jako například „Proč mi lichotíš Mistře?“, je Natanaelovou odpovědí „Odkud mě znáš?“, jinými slovy „Ano, pravý Izraelita, v němž není lsti, to jsem já!“ asi poněkud překvapen. Možná, že by trocha pokory neuškodila, aleNatanael není ve své řeči ‚úskočný‘ a říká věci každému přímo do očí aJežíš, o kterém se několik veršů dále píše, že „nepotřeboval, aby mu někdo o někom říkal svůj soud, neboť sám dobře věděl, co je v člověku“, ví nejen to, že Natanael seděl pod fíkovníkem, ale (stejně jako Bůh), zná i Natanaelovo srdce. Po rozhovoru s Ježíšem se mění nejen celý Natanaelův svět – již se neptá, ale vyznává: „Ty jsi Syn Boží, ty jsi král Izraele!“ – ale je spolu s Filipem i svědkem Božího zjevení: Amen, amen, pravím vám, uzříte nebesa otevřená a anděly Boží vystupovat a sestupovat na Syna člověka. Pro nový a velmi pestrý vzor v Natanaelově životě položil Bůh na tomto místě první vlákna.

Nevíme toho tolik, abychom mohli říci, co bylo s Natanaelem dál, ale to, co si chci alespoň já sám osobně z tohoto krátkého příběhu odnést, je Natanaelova otevřenost a to, že Bůh má smysl pro humor, neboť se stal člověkem.

Jak se píše ve Skutcích apoštolských, Bůh, který učinil svět a všechno, co je v něm, ten je pánem nebe i země, a nebydlí v chrámech, které lidé vystavěli, ani si nedává od lidí sloužit, jako by byl na nich závislý; vždyť je to on sám, který všemu dává život, dech i všechno ostatní. Bůh nestvořil člověka proto, aby mu přinášel oběti a stavěl chrámy, ale proto, aby s ním měl společenství. Otevřenost k novému, které se můžeme od Natanaele učit a pro kterou mi byl velkým vzorem i můj dědeček Václav Šustr, je podle mě prvním krokem a možná tím nejdůležitějším předpokladem na cestě k poznání Boha, ke společenství s Ním a ke spolupráci s Ním. Evangelia nám vypráví o těch, kteří byli otevření, nejdříve onomu novému učení Ježíše Nazaretského, později něčemu tak neslýchanému, jako je vzkříšení z mrtvých, a naposled i těm, kteří nebyli Židé; jejich jazyku a kultuře, jak nám to ilustruje Pavlova řeč na athénském Aeropagu. Nebýt této otevřenosti, zůstalo by křesťanství velmi pravděpodobně palestinskou sektou.

Své poslání budoucího kněze proto chápu především jako povolání k otevřenosti pro ty, kteří sami jsou na cestě za poznáním onoho ‚Neznámého Boha‘, který přecenení od nikoho z nás daleko. Skutečnost, že zde dnes kněžské svěcení mohu přijmout, je mi znamením, že i naše církev, Církev československá husitská, se pro tuto otevřenost rozhodla. Vždyť jen „v poznání tebe je celá spravedlnost a zvědě to tvé moci je kořen nesmrtelnosti“.

[GETSEMANY 126/2002, ISSN 1210-485X, http://www.getsemany.cz/node/378]