Zum Ewigkeitssonntag (Joh 11,21–27)

Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh 11,25)

«Ich bin die Auferstehung und das Leben…», sagt Jesus im 25. Vers unserer Erzählung aus dem Johannesevangelium. Ein bekannter Vers, den wir oft bei Abdankungen hören und der in vielen Kirchen zur Liturgie des Gedenkens an die Verstorbenen gehört, sei es der evangelische «Ewigkeits-» oder «Totensonntag» am letzten Sonntag des Kirchenjahres, oder der katholische Gedenktag «Allerseelen» am Anfang November. Und dann hören wir diesen Vers wieder im Frühling zu Ostern, wenn wir die Auferstehung Jesu feiern. Nicht ohne Grund nennt man also den Ewigkeitssonntag auch das «herbstliche Osterfest» und es gibt Kirchen die an diesem Tag wie zu Ostern die weisse liturgische Farbe verwenden, um die Auferstehung von den Toten zu betonen. Denn unsere Verstorbenen werden in Christus auferstehen – das ist unser Glaube und unsere Hoffnung. Ich habe mich heute für die violette Farbe entschieden. Nicht aus dem Grund, weil ich die Auferstehung nicht betonen wollen würde – ich denke, das kann man nicht genug oft tun –, sondern, weil ich überzeugt bin, dass wir hier immer zu schnell ans Ende der Geschichte kommen ohne uns des langen Weges, den jede und jeder von uns im Leben gehen muss, bewusst zu werden. So lesen wir oft auch die heutige Erzählung zu schnell und vom Ende her, zumal die meisten von uns schon wissen, wie es ausgeht: Jesus wird Lazarus, den Bruder von Marta und Maria, auferwecken. Doch bei dieser schnellen Lektüre übersehen wir viele Kleinigkeiten, die vielleicht theologisch nicht so bedeutend sind, doch für unser Leben auf dieser Welt einen Unterschied machen. Denn das Leben besteht vor allem aus Kleinigkeiten und es sind oft Kleinigkeiten, die uns wirklich glücklich machen: ein kleines gebasteltes Geschenk von unseren Kindern, eine kleine Blume als Zeichen der Liebe oder ein gutes Wort als Zeugnis der Freundschaft. Das alles macht das Leben aus und das alles macht uns menschlich. Und das alles macht auch Gott ‹menschlich›. Denn, wenn es am Anfang des Johannesevangeliums heisst, dass Gott Mensch geworden ist, bedeutet es auch, dass wir einen Gott haben, der ‹menschlich› ist: Er ruft nicht einfach vom Himmel her: «Ich bin die Auferstehung und das Leben», sondern am Grab auf der Erde – er geht unseren Weg mit uns und leidet und weint mit uns.

Denn ein paar Verse weiter heisst es in unserem Evangelium: «Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus» (Joh 11,33–35). Jesus weint am Grab von seinem Freund Lazarus, obwohl er weiss, dass er ihn bald zum Leben erwecken wird. Doch es ist noch nicht so weit und das Wissen macht den Schmerz nicht leichter, denn das Wissen hilft nur dem Kopf und der Mensch ist mehr. Der bekannte chilenische Dichter Pablo Neruda schreibt in einem seiner Gedichte: «Es war schön zu leben, da du lebtest». Er bringt in einem einfachen Vers das auf den Punkt, was im Leben wirklich von Bedeutung ist: Die Beziehung zu Menschen, die wir lieben. Und solange die Trennung da ist, die der Tod verursacht, solange dauert auch der Schmerz an, auch wenn wir wissen, dass die Toten auferstehen werden. Denn das weiss auch Marta in unserer Erzählung, wenn sie zu Jesus sagt: «Ich weiss, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag». Sie glaubt und hofft, wie wir, dass eines Tages – am Ende der Geschichte – wir und all unsere Verstorbenen auferstehen werden. Doch heute ist ihr Bruder noch tot. Und besonders bitter ist die Tatsache, dass es nicht so hätte sein müssen: «Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben», sagt sie zu Jesus. Denn er hätte ihn bestimmt – wie all die anderen – geheilt. Jetzt ist aber zu spät. Und in diese Situation, wo nichts mehr zu machen ist, kommt das Wort Jesu: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt». Er sagt nicht etwa: ‹Keine Angst, ich werde ihn gleich auferwecken›, sondern: «Ich bin die Auferstehung», wo er das ‹jetzt und da› betont. Und um zu zeigen, dass sein Wort wahr ist, erweckt er Lazarus vor den Augen der Trauergemeinde wieder zum Leben. Doch was hat das mit uns und unseren Verstorbenen zu tun?

In einem alten Taufbekenntnis der Kirche, das oft einfach nur das ‹Apostolikum› genannt wird, heisst es am Ende: «Credo in … Sanctorum communionem» / «Ich glaube … an die Gemeinschaft der Heiligen». Damit ist etwa nicht gemeint, dass wir glauben sollten, die «Heiligen» haben es gut – sie haben im Himmel eine gute Gemeinschaft. Nein, mit den Heiligen sind wir gemeint. Das Bekenntnis bringt zum Ausdruck, dass wir als Kirche nicht nur eine Gemeinde der Lebenden sind, sondern auch aller in Christus Verstorbenen. In einer Benediktinerabtei in Deutschland bringt diesen Glauben sehr schön die Kirchenarchitektur zum Ausdruck: Das Chorgestühl, wo die Mönche jeden Tag das Gebet singen, bildet in der Kirche vor dem Altar einen Halbkreis. Auf der anderen Seite der Kirchenmauer hinter dem Altar befindet sich dann ein zweiter Halbkreis – der Friedhof, wo die Verstorbenen Brüder ruhen. So schliesst sich der Kreis der Gemeinschaft der Heiligen und des Lebens.

Und so ist das Schrecklichste, was der Tod verursacht, nämlich die Trennung von unseren Liebsten, in Christus nicht mehr vorhanden. Aus unserer Perspektive können es noch Jahre oder Jahrzehnte sein, bevor wir uns wiedersehen, aus der Perspektive der Verstorbenen sieht es aber ganz anders aus: Sie sind in Christus bereits auferstanden. Denn die Zeit spielt bei Gott keine Rolle. Das bedeutet nicht, dass wir nicht trauern dürften und zweifelsohne müssen wir einen Weg gehen, den auch die Schwestern Maria und Marta in unserer Erzählung gegangen sind. Wir gehen diesen Weg aber nicht allein und in Christus sind wir von unseren Verstorbenen nicht mehr getrennt. Wir sind die Gemeinschaft der Heiligen und sind als Kirche der Lebenden gemeinsam unterwegs. Das Gedicht von dem deutschen Priester und Lyriker Wilhelm Willms bringt dieses Gemeinsam-unterwegs-sein sehr schön zum Ausdruck:

welcher engel wird uns sagen
dass das leben weitergeht
welcher engel wird wohl kommen
der den stein vom grabe hebt

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

welcher engel wird uns zeigen
wie das leben zu bestehn
welcher engel schenkt uns augen
die im keim die frucht schon sehn

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

welcher engel öffnet ohren
die geheimnisse verstehn
welcher engel leiht uns flügel
unsern himmel einzusehn

wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

Die Engel helfen Menschen, die unterwegs sind, rufen sie zur Umkehr und künden zukünftige Ereignisse an. So ist auch das Violett eine liturgische Farbe der Erwartung, der Besinnung und der Umkehr. Sie fokussiert sich auf den Weg und die Vorbereitung auf etwas Grösseres: Wir treffen sie bald in der Adventszeit an, wo sie uns auf dem Weg zur Christnacht begleitet, und im Frühling in der Fastenzeit vor Ostern, bis beide Male die weisse Farbe alles wieder erhellt. Und auf diese Art und Weise ist sie uns auch heute ein Zeichen dafür, dass wir unterwegs sind: von der schwarzen Farbe des Todes zu der weissen Farbe der Auferstehung und des Lebens.