Auferstehung des Herrn (Lk 24,1–12)

Der Herr ist wahrhaft auferstanden! (Lk 24,34)

Die kurze Erzählung aus dem Lukasevangelium, die wir heute als Osterevangelium gelesen haben, trägt in der Einheitsübersetzung eine etwas längere aber genaue Überschrift, nämlich: «Die Frauen und Petrus am leeren Grab». Die Zürcher Bibel ist hier dagegen ganz nüchtern und nennt diesen Abschnitt einfach nur «Das leere Grab». Die Lutherbibel ist dann wiederum ganz mutig und betitelt diese kurze Episode «Jesu Auferstehung». Ich sage absichtlich «ganz mutig», denn viel haben wir hier nicht in der Hand: Frauen, die den Verstorbenen salben wollen, ihn aber nicht finden; ein leeres Grab, wo sich offensichtlich jetzt zwei fremde Männer aufhalten; skeptische Jünger, die das alles für ein Geschwätz halten; und den sich wundernden Petrus, der wahrscheinlich vor allem sein Gewissen beruhigen will, weil er seinen Meister verleugnet hat. Was in dieser Erzählung eindeutig fehlt, ist der Hauptdarsteller – der Auferstandene. Wäre es ein Artikel in der Zeitung, wäre es bestimmt keine ‹gute Nachricht›, sondern eher ein Armutszeugnis der Berichtserstattung. Man könnte sich also berechtigterweise fragen, was diese Erzählung in der Bibel überhaupt will. Und doch hat der erste christliche Historiker Lukas entschieden, diese Geschichte in sein Buch aufzunehmen, und heute wird sie in vielen Kirchen auf der ganzen Welt mit Ehrfurcht gelesen. Versuchen wir also diesem Rätsel ein bisschen auf die Spur zu kommen.

Was diese Erzählung vor allem ausstrahlt, ist eine Leere. Im Zentrum steht das leere Grab und strahlt diese Leere aus wie eine Sonne. Und jeder der dieser Sonne zu nahe kommt, wird von ihren Strahlen ergriffen. Das Gefühl der Frauen lässt sich nur schwer beschreiben: Sie suchen etwas, was es nicht gibt. Man könnte es vielleicht damit vergleichen: Es ist, als ob man aus dem Urlaub zurück käme, die Haustür öffnen würde, und feststellt, dass das ganze Haus (oder die ganze Wohnung) leer ist. Nicht eine Sache oder zwei sind weg, sondern alles. Man ist zuerst einfach erschrocken und will nicht den eigenen Augen glauben. Und in unserem Fall ist es noch schlimmer: Denn es fehlen nicht einfach Sachen, sondern ein Mensch! Nicht auffindbar, einfach weg. Ein Mensch, von dem man glaubte, er sei ein Prophet, ein König, ein Wundertäter und vieles mehr; der, dem hunderte und vielleicht tausende Jünger bis nach Jerusalem gefolgt sind und ihn am Palmsonntag bejubelt haben, ist spurlos verschwunden – beziehungsweise sein Leichnam. Jetzt ist es vielleicht doch einer Nachricht wert.

Die Dichterin Silja Walter, die am 23. April dieses Jahres genau 100 Jahre alt wäre, fängt die ganze Spannung der Ostergeschichte in folgendem schönen Gedicht auf:

Das leere Grab

Da schaut wer,
– schaut lange,
die Menschheit
schaut –
schaut immer wieder
betroffen.
Das Grab steht offen
und leer.
Wo ist Er?

Frage des Menschen,
der Schöpfung,
von Stern und Getier:
Sehen sich an:
– Wo dann,
wenn nicht hier?
Fragen sich all die Zeiten
daher:
Wer ist der?

Er steht in der Leere.
Die ist sein Gewand.
Das Nicht-da
sein Kleid.
Da steht er darin
überall
über die Welt hin.
Der vom Tod auferstand,
ist da,
wo du bist,
wo ich bin.
Der Christos,
der Kyrios, Gott.
Und er spricht:
Fürchtet euch nicht –
Ich lebe!

Ja, die Frauen (und wir mit ihnen) suchen jemanden, den man so nicht finden kann: Die Leere «ist sein Gewand. Das Nicht-da sein Kleid». Und das ist auch der Grund, warum wir ihn (in dieser Geschichte) nicht finden. Denn die richtige Frage lautet nicht: «Wo ist er?», sondern «Wer ist er?». Auf dem Friedhof sucht man tote Menschen, bestimmt aber nicht den «Kyrios», den «lebendigen Gott». Das ist auch die Antwort der zwei Männer in leuchtenden Gewändern: «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?» (V.5). Die ganze Verwirrung und Unsicherheit resultieren nur daraus, dass man Jesus unter falschen Voraussetzungen sucht. Etwas salopp gesagt: Sie haben die falsche Adresse.

In Jesus ist Gott Mensch geworden und «zeltete», wie es bei Johannes poetisch heisst (Joh 1,14), eine Weile unter uns. Als Mensch ist er am Karfreitag am Kreuz gestorben, und nun ist er auferstanden. Denn der, der selbst das Leben ist (Joh 14,6), kann nicht tot bleiben. Was hat er damit bewirkt? Er hat jetzt eine neue Existenz: Denn wie wir aus anderen Ostererzählungen wissen, kann er zum Beispiel durch verschlossene Türe gehen und doch kann man ihn berühren (Joh 20,19). Aber vor allem: Er ist unsterblich, denn er war schon tot. Und diese neue Existenz hat er nicht für sich gewonnen, sondern für uns, denn wir «Christmenschen» sind jetzt ein Teil seiner neuen Existenz, dieses neuen Menschseins. Denn wie Paulus im Brief an die Galater schreibt: «Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen» (Ga 3,27). Durch die Auferstehung hat sich also alles verändert und die Welt ist nicht mehr so, wie sie war. Nun könnte man natürlich berechtigterweise sagen: «Ja, spanend, aber, was habe ich davon übermorgen, wenn der Alltag wieder beginnt und diese schöne Feier vorbei ist?»

Erlauben Sie mir es mit einem Beispiel zu illustrieren. Sie erinnern sich vielleicht noch an den plötzlichen Wintereinbruch am Anfang April. Es war schon so schön grün und sommerlich und dann sind wir plötzlich in einen Wintertag aufgewacht. Und dann musste man wieder mit dem Schnee kämpfen, als ob es Januar wäre. Doch es macht einen Unterschied, ob man einen Wintereinbruch am Ende November, im Januar oder im April hat. Denn im April wissen wir, der Frühling ist im Grunde schon da, auch wenn es momentan noch anders aussieht. Und ähnlich war es auch heute Morgen am Osterfeuer. Es war noch ziemlich dunkel, als wir mit der Liturgie angefangen haben, aber wir haben gewusst, dass die Sonne kommt und mit ihr das Licht und der neue Tag. Diese und andere Beispiele aus der Natur hat man schon in der Antike als Bilder für die Auferstehung Christi genommen. So konnte beispielsweise Marcus Minucius Felix, ein christlicher Autor und Jurist aus dem zweiten Jahrhundert, zur Verteidigung des Christentums und der Idee der Auferstehung schreiben:

Schau ferner, wie zu unserem Trost die ganze Natur auf die künftige Auferstehung anspielt. Die Sonne geht unter und wieder auf; die Sterne schwinden und kommen wieder, die Blumen sterben ab und leben wieder auf, die Gesträuche bekommen wieder junges Laub, nachdem sie entblättert waren, und nur aus verwestem Samen keimt neues Leben. So ist es mit dem Körper in der Zeitlichkeit wie mit den Blumen im Winter: sie verbergen frische Lebenskraft hinter scheinbarer Erstarrung (Octavius, XXXIV,6,11).

Ja, die Natur selbst lehrt uns: es ist nichts Unnatürliches an der Auferstehung. Und die Auferstehung und mit ihm unsere neue Existenz werden kommen, das ist sicher wie der Tag nach der Nacht und der Frühling nach dem Winter. Doch nun leben wir noch zwischen den Zeiten, in der Dämmerung vor dem Sonnenaufgang, und noch müssen wir ab und zu mit einem Wintereinbruch und mit der Gebrechlichkeit unserer alten Existenz leben. Doch wir wissen: Damals an Ostern, als die Frauen vor dem leeren Grab standen, hat sich auch für uns alles verändert.