Auferstehung des Herrn (Lk 24,1–12)

Der Herr ist wahrhaft auferstanden! (Lk 24,34)

Die kurze Erzählung aus dem Lukasevangelium, die wir heute als Osterevangelium gelesen haben, trägt in der Einheitsübersetzung eine etwas längere aber genaue Überschrift, nämlich: «Die Frauen und Petrus am leeren Grab». Die Zürcher Bibel ist hier dagegen ganz nüchtern und nennt diesen Abschnitt einfach nur «Das leere Grab». Die Lutherbibel ist dann wiederum ganz mutig und betitelt diese kurze Episode «Jesu Auferstehung». Ich sage absichtlich «ganz mutig», denn viel haben wir hier nicht in der Hand: Frauen, die den Verstorbenen salben wollen, ihn aber nicht finden; ein leeres Grab, wo sich offensichtlich jetzt zwei fremde Männer aufhalten; skeptische Jünger, die das alles für ein Geschwätz halten; und den sich wundernden Petrus, der wahrscheinlich vor allem sein Gewissen beruhigen will, weil er seinen Meister verleugnet hat. Was in dieser Erzählung eindeutig fehlt, ist der Hauptdarsteller – der Auferstandene. Wäre es ein Artikel in der Zeitung, wäre es bestimmt keine ‹gute Nachricht›, sondern eher ein Armutszeugnis der Berichtserstattung. Man könnte sich also berechtigterweise fragen, was diese Erzählung in der Bibel überhaupt will. Und doch hat der erste christliche Historiker Lukas entschieden, diese Geschichte in sein Buch aufzunehmen, und heute wird sie in vielen Kirchen auf der ganzen Welt mit Ehrfurcht gelesen. Versuchen wir also diesem Rätsel ein bisschen auf die Spur zu kommen.

Was diese Erzählung vor allem ausstrahlt, ist eine Leere. Im Zentrum steht das leere Grab und strahlt diese Leere aus wie eine Sonne. Und jeder der dieser Sonne zu nahe kommt, wird von ihren Strahlen ergriffen. Das Gefühl der Frauen lässt sich nur schwer beschreiben: Sie suchen etwas, was es nicht gibt. Man könnte es vielleicht damit vergleichen: Es ist, als ob man aus dem Urlaub zurück käme, die Haustür öffnen würde, und feststellt, dass das ganze Haus (oder die ganze Wohnung) leer ist. Nicht eine Sache oder zwei sind weg, sondern alles. Man ist zuerst einfach erschrocken und will nicht den eigenen Augen glauben. Und in unserem Fall ist es noch schlimmer: Denn es fehlen nicht einfach Sachen, sondern ein Mensch! Nicht auffindbar, einfach weg. Ein Mensch, von dem man glaubte, er sei ein Prophet, ein König, ein Wundertäter und vieles mehr; der, dem hunderte und vielleicht tausende Jünger bis nach Jerusalem gefolgt sind und ihn am Palmsonntag bejubelt haben, ist spurlos verschwunden – beziehungsweise sein Leichnam. Jetzt ist es vielleicht doch einer Nachricht wert.

Die Dichterin Silja Walter, die am 23. April dieses Jahres genau 100 Jahre alt wäre, fängt die ganze Spannung der Ostergeschichte in folgendem schönen Gedicht auf:

Das leere Grab

Da schaut wer,
– schaut lange,
die Menschheit
schaut –
schaut immer wieder
betroffen.
Das Grab steht offen
und leer.
Wo ist Er?

Frage des Menschen,
der Schöpfung,
von Stern und Getier:
Sehen sich an:
– Wo dann,
wenn nicht hier?
Fragen sich all die Zeiten
daher:
Wer ist der?

Er steht in der Leere.
Die ist sein Gewand.
Das Nicht-da
sein Kleid.
Da steht er darin
überall
über die Welt hin.
Der vom Tod auferstand,
ist da,
wo du bist,
wo ich bin.
Der Christos,
der Kyrios, Gott.
Und er spricht:
Fürchtet euch nicht –
Ich lebe!

Ja, die Frauen (und wir mit ihnen) suchen jemanden, den man so nicht finden kann: Die Leere «ist sein Gewand. Das Nicht-da sein Kleid». Und das ist auch der Grund, warum wir ihn (in dieser Geschichte) nicht finden. Denn die richtige Frage lautet nicht: «Wo ist er?», sondern «Wer ist er?». Auf dem Friedhof sucht man tote Menschen, bestimmt aber nicht den «Kyrios», den «lebendigen Gott». Das ist auch die Antwort der zwei Männer in leuchtenden Gewändern: «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?» (V.5). Die ganze Verwirrung und Unsicherheit resultieren nur daraus, dass man Jesus unter falschen Voraussetzungen sucht. Etwas salopp gesagt: Sie haben die falsche Adresse.

In Jesus ist Gott Mensch geworden und «zeltete», wie es bei Johannes poetisch heisst (Joh 1,14), eine Weile unter uns. Als Mensch ist er am Karfreitag am Kreuz gestorben, und nun ist er auferstanden. Denn der, der selbst das Leben ist (Joh 14,6), kann nicht tot bleiben. Was hat er damit bewirkt? Er hat jetzt eine neue Existenz: Denn wie wir aus anderen Ostererzählungen wissen, kann er zum Beispiel durch verschlossene Türe gehen und doch kann man ihn berühren (Joh 20,19). Aber vor allem: Er ist unsterblich, denn er war schon tot. Und diese neue Existenz hat er nicht für sich gewonnen, sondern für uns, denn wir «Christmenschen» sind jetzt ein Teil seiner neuen Existenz, dieses neuen Menschseins. Denn wie Paulus im Brief an die Galater schreibt: «Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen» (Ga 3,27). Durch die Auferstehung hat sich also alles verändert und die Welt ist nicht mehr so, wie sie war. Nun könnte man natürlich berechtigterweise sagen: «Ja, spanend, aber, was habe ich davon übermorgen, wenn der Alltag wieder beginnt und diese schöne Feier vorbei ist?»

Erlauben Sie mir es mit einem Beispiel zu illustrieren. Sie erinnern sich vielleicht noch an den plötzlichen Wintereinbruch am Anfang April. Es war schon so schön grün und sommerlich und dann sind wir plötzlich in einen Wintertag aufgewacht. Und dann musste man wieder mit dem Schnee kämpfen, als ob es Januar wäre. Doch es macht einen Unterschied, ob man einen Wintereinbruch am Ende November, im Januar oder im April hat. Denn im April wissen wir, der Frühling ist im Grunde schon da, auch wenn es momentan noch anders aussieht. Und ähnlich war es auch heute Morgen am Osterfeuer. Es war noch ziemlich dunkel, als wir mit der Liturgie angefangen haben, aber wir haben gewusst, dass die Sonne kommt und mit ihr das Licht und der neue Tag. Diese und andere Beispiele aus der Natur hat man schon in der Antike als Bilder für die Auferstehung Christi genommen. So konnte beispielsweise Marcus Minucius Felix, ein christlicher Autor und Jurist aus dem zweiten Jahrhundert, zur Verteidigung des Christentums und der Idee der Auferstehung schreiben:

Schau ferner, wie zu unserem Trost die ganze Natur auf die künftige Auferstehung anspielt. Die Sonne geht unter und wieder auf; die Sterne schwinden und kommen wieder, die Blumen sterben ab und leben wieder auf, die Gesträuche bekommen wieder junges Laub, nachdem sie entblättert waren, und nur aus verwestem Samen keimt neues Leben. So ist es mit dem Körper in der Zeitlichkeit wie mit den Blumen im Winter: sie verbergen frische Lebenskraft hinter scheinbarer Erstarrung (Octavius, XXXIV,6,11).

Ja, die Natur selbst lehrt uns: es ist nichts Unnatürliches an der Auferstehung. Und die Auferstehung und mit ihm unsere neue Existenz werden kommen, das ist sicher wie der Tag nach der Nacht und der Frühling nach dem Winter. Doch nun leben wir noch zwischen den Zeiten, in der Dämmerung vor dem Sonnenaufgang, und noch müssen wir ab und zu mit einem Wintereinbruch und mit der Gebrechlichkeit unserer alten Existenz leben. Doch wir wissen: Damals an Ostern, als die Frauen vor dem leeren Grab standen, hat sich auch für uns alles verändert.

Von Palmen und Psalmen (Lk 19,28–40)

Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn.
Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! (Lk 19,38)

«Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!» heisst es in unserem Evangelium (Lk 19,38). Das erinnert doch sehr an Weihnachten. Denn dort singen die Engel bei Lukas: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens» (Lk 2,14). Auch das Lied von Paul Gerhardt «Wie soll ich dich empfangen?», das wir am Anfang des Gottesdienstes zu unserer kleinen Prozession gesungen haben, findet man im Gesangbuch unter den Adventsliedern und dank Johann Sebastian Bach, der ihre erste Strophe in seinem Weihnachtsoratorium aufgenommen hat, verbindet man das Lied heute vor allem mit der Weihnachtszeit. Die zweite Strophe gehört aber eindeutig zum Palmsonntag. Denn dort singt man:

Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin, /
und ich will dir in Psalmen / ermuntern meinen Sinn. /
Mein Herze soll dir grünen / in stetem Lob und Preis /
und deinem Namen dienen, / so gut es kann und weiss.

Wie ist es zu verstehen? Für den heutigen Menschen schwer. Heute würde man wahrscheinlich sagen, die zweite Strophe gehört da nicht hin, es ist ja ein Adventslied. Denn wir denken historisch, in unserer Welt ist alles säuberlich getrennt. Doch unsere Welt ist dadurch auch sehr zersplittert.

Im Mittelalter dagegen ist die Welt noch ganz und harmonisch. Denn sie findet ihre Einheit und Harmonie in Gott und so hängt im Grunde auch alles mit allem zusammen. Es ist wie bei unserer Passionswand hier in der Scherzligkirche, die in diesem Jahr genau 550 Jahre alt wird: Auf diesem ältesten panoramatischen Bild des Mittelalters kann man alles auf einmal betrachten: den Einzug Jesu in Jerusalem, seine Passion und Auferstehung, seine Himmelfahrt, aber auch zum Beispiel die Steinigung des Stephanus und vieles mehr – als ob alles auf einmal geschehen würde. Die Welt wird hier ein bisschen mit Gottes Augen betrachtet, wo sich der Betrachter ausserhalb der Zeit befindet, und die Propheten und die Autoren der Heiligen Schriften haben schon immer die Gabe gehabt, die Welt mit Gottes Augen zu sehen.

So öffnet sich ihnen schon zu Weihnachten bei Christi Geburt das Fenster der Verheissung, durch das man den Palmsonntag sehen kann. Denn an diesem Tag erfüllen sich all die alten Verheissungen: Der Friedenskönig kommt in seine Stadt, wie es schon bei dem Propheten Sacharja vorhergesagt wurde:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sach 9,9)

Er kommt nicht auf einem Kriegsross, sondern auf einem Esel, und ist arm. Und doch wird er vor seinen Jüngern als König bejubelt und zwar «wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten» (V.37). Nun scheinen ihre Träume in Erfüllung zu gehen, denn der ‹wunderbare König› kommt. Und der Jubel war wohl so laut, dass er irgendwann zu einem Politikum wurde. Und die Pharisäer schalteten sich ein, vielleicht aus Angst vor einem drohenden Aufstand, und baten Jesus: «Meister, weise deine Jünger zurecht!» (V.39). Doch er antwortete ihnen: «Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien» (V.40). Das klingt zuerst wie eine poetische Redewendung, es ist aber eine Prophezeiung, die sich sehr schnell erfüllt hat: Denn nach der Zerstörung des Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. werden die Jünger in der Tat schweigen und die Trümmersteine der zerstörten Stadt zum Himmel schreien.

Was für eine Ironie: Denn einer der Gründe, warum Jesus überhaupt gekreuzigt wurde, war eben um den mutmasslichen Aufstand seiner Anhänger und hiermit die Zerstörung Jerusalems zu verhindern. Der Friedenskönig wurde um des Friedens willen getötet. Und es passiert immer wieder in der Geschichte und in der Politik, dass wir mit unserer Bemühung etwas zu verhindern es erst verursachen.

Und dasselbe gilt auch in unserem Leben: Wenn wir uns von Angst leiten lassen, nimmt es selten ein gutes Ende. Im besten Fall erstarren wir und unser Leben kommt zum Stillstand, der sich nur wenig von Tod unterscheidet. Viel öfters trifft aber gerade das an, was wir befürchtet haben und verhindern wollten. Als ob gerade unsere Aktivität das Unglück erst richtig anziehen würde. Doch wie steuern wir dagegen? Zumal Angst zu haben durchaus menschlich ist und jede und jeder von uns im Leben irgendwann vor etwas Angst hat.

Wir gehen den Kreuzweg. Und zwar nicht nur diese Woche, die vor uns liegt und in der wir uns den Kreuzweg in der Liturgie symbolisch vergegenwärtigen, sondern im Leben. Denn nur der Kreuzweg führt zum ‹Tod am Kreuz› und nur der Tod am Kreuz führt zur ‹Auferstehung›. Das mag jetzt etwas kryptisch klingeln, ist es aber nicht: Es bedeutet, dass wir uns im Leben nicht von der Angst, sondern von unserem Glauben leiten lassen sollten. Trotz unserer Ängste gehen wir den Weg, den wir uns vorgenommen haben, und von dem wir glauben, dass er der richtige ist, und lassen uns nicht von unseren Träumen abbringen. Die Ängste kommen natürlich mit und werden versuchen uns dazu zu bewegen, dass wir irgendwann aufgeben und einen anderen und einfacheren Weg nehmen. Und wenn sie damit Erfolg haben, bleiben sie für immer ein Teil unseres Lebens und werden uns für immer begleiten und unser Leben bestimmen. Wenn wir dagegen nicht aufgeben, werden sie irgendwann mit unserem alten Ich, das mit diesen Ängsten verbunden war, am Kreuz sterben und wir werden neu geboren und ohne alte Ängste zum neuen Leben erwachen. Denn irgendwann ist ein Punkt erreicht, wo unsere Ängste keine Macht mehr über uns haben werden. Dies ist bestimmt der Fall, wenn wir Erfolg haben, es ist aber auch der Fall, wenn wir scheitern. Denn wirklich scheitern tun wir nur dann, wenn wir uns selber aufgeben.

Die Karwoche lehrt uns jedes Jahr, dass die Massstäbe für Erfolg und Misserfolg relativ sind. Durch das Ostergeschehen werden wir immer wieder aufs Neue aufgefordert unsere Werte im Leben zu überdenken. Denn nicht selten ist es so, dass gerade das, was auf den ersten Blick als Misserfolg aussieht, erst zum Ziel führt. Und oft müssen wir zuerst scheitern, um das wahre Ziel unseres Lebens zu entdecken.

Die Theologin Dorothee Sandherr-Klemp fasst es in folgenden Zeilen sehr schön zusammen:

Wer ist erhaben?
Wer am Boden?
Was ist bedeutsam?
Was wertlos?
Worin liegen Würde und Gewicht?
Woran sind wahre Werte
zu ermessen?

Was ist groß, was ist klein?
Gottes Maßstäbe sind anders!
Mit dem Palmsonntag
eröffnet sich uns die Welt
in neuem Maßstab: Leben, Sterben
— und lichtes Leben!

Die Karwoche übt uns darin ein,
Gottes Maßstäbe anzulegen,
den Grund neu zu vermessen,
auf dem wir stehen:
Auf solchem Grund,
auf hellem Hoffnungs-Grund,
wird Ostern erbaut!

Nur wenn wir den Kreuzweg gehen, können wir den Grund auf dem wir stehen neu vermessen und etwas Neues in unserem Leben entstehen lassen.

In der barocken Spiritualität hat das Leiden Christi für unsere heutigen Massstäbe zweifelsohne sehr viel Raum eingenommen. Als Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium die erste Strophe des Liedes «Wie soll ich dich empfangen?» aufgenommen hat, hat er sich dabei bewusst für die Melodie eines anderen Liedes von Paul Gerhardt entschieden und zwar für die Melodie des Passionsliedes «O Haupt voll Blut und Wunden». Eine fast unerträgliche Spannung, die uns allerdings lehrt, dass die Freude mit Leid verbunden ist und kein Weg zum Leben am Kreuz Christi vorbeiführt. Und das ist auch in Kürze die Botschaft des Palmsonntags: Der König kommt und wir begrüssen ihn mit Palmzweigen und Psalmen. Sie sind ein Zeichen des Lebens und des Sieges, doch dieser Sieg wurde am Karfreitag errungen. Denn ohne den Tod am Kreuz gäbe es auch keine Freude der Auferstehung.

Vom Verloren-Sein (Lk 15,11–32)

Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden. (Lk 15,24)

Schrecklich dieser jüngere Sohn: Er lässt sich von seinem Vater schon vor seinem Tod das Erbteil auszahlen, als ob er nicht mehr warten könnte, bis sein Vater stirbt. Doch das könnte man noch verstehen, würde er das Geld irgendwie sinnvoll investieren, zum Beispiel ein Haus kaufen oder so. Doch das ist nicht der Fall: Er nimmt das Geld, geht in ein fernes Land und verschleudert dort einfach das ganze Vermögen. Genau so einen Sünder haben die Pharisäer und die Schriftgelehrten gemeint als sie Jesus angesprochen haben – nicht das niedliche verlorene Schaf aus dem vorherigen Gleichnis, das er ihnen zuerst aufzutischen versucht hat. Und der jüngere Sohn gibt es auch zu, zumal er sagt: «Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt» (V.21). Im Unterschied zu einem verlorenen Schaf wusste er also ganz genau, was er tut, und hat es trotzdem getan. Genau wie die Zöllner und andere Sünder mit denen Jesus so gerne üppige Mahlzeiten feiert. Doch als Gottes Sohn handelt er nur wie sein liebender Vater und erweist Liebe allen, die verloren waren – er ist ein Gegenbild des älteren Bruders aus dem Gleichnis. Er ist ein älterer Bruder, der für uns zusammen mit dem Vater ein Fest vorbereitet, wenn wir heimkehren.

Doch was soll das bedeuten? Spielt es etwa keine Rolle, wie wir leben, wenn wir unsere bösen Taten immer wieder gut machen können? Und ist es dann nicht genau das, was Dietrich Bonhoeffer seiner Zeit als «billige Gnade» bezeichnete:

[Eine] Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten.

Und fühlen wir uns eigentlich nicht oft wie der ältere Sohn, wenn wir alles richtig machen, aber in vielen Jahren haben wir von Gott, unserem Vater, nicht einmal einen ‹Ziegenbock› als Dankeschön gesehen?

Was für eine Spannung in diesem Gleichnis! Der österreichische Schriftsteller Georg Bydlinski fängt in seinem Gedicht Die verlorenen Söhne diese Spannung sehr schön auf. Er schreibt:

Der Sohn
geht fort.
Er lässt einen Vater
verloren zurück.

Der Sohn
kehrt wieder.
Da verliert sich der Bruder.

Du
kamst
für sie beide.

Denn die beiden Söhne sind nicht so unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick aussieht: Der eine verschleudert die Gnade des Vaters in der Welt, der andere dient ihm zwar treu viele Jahre, nimmt seine Gnade aber nicht in Anspruch und reagiert verbittert, wenn er seinen jüngeren Bruder sieht, der diese Gnade so unverschämt annimmt, nachdem er alles verloren hat.

Man nennt unsere Erzählung zwar das «Gleichnis vom verlorenen Sohn» und die meisten Leser des Evangeliums haben in der Tat vor allem den jüngeren Bruder vor Augen, doch Jesus will, dass wir uns beide Brüder genauer anschauen. Denn es ist vor allem ein Gleichnis für und über uns.

Das Gleichnis bildet nämlich zwei Menschentypen ab und ich wage zu behaupten, dass der ältere Bruder ein grösseres Problem hat als sein verschwenderischer und abenteuerlustiger Bruder. Denn er ist sich dessen, dass er ein Problem hat, gar nicht bewusst. Er ist wie der blinde Pharisäer, über den im Lukasevangelium drei Kapitel später erzählt wird (Lk 18,9–14). Dieser ging zum Tempel ‹stellte sich hin und sprach folgendes Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher usw. Denn ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens›. Sein Gegenbild ist hier interessanterweise ein Zöllner, der sehr an den jüngeren Bruder aus unserem Gleichnis erinnert: ‹Dieser Zöllner blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!›. Und wie es Jesus am Ende zusammenfasst: ‹Der Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause, der Pharisäer nicht›.

Wir wissen, oder können uns es mindestens besser vorstellen, was der jüngere Bruder falsch gemacht hat, und es wird in dem Lukasevangelium auch sehr anschaulich geschildert. Und spätestens dann, wenn der jüngere Bruder bei den Schweinen landet und «hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine frassen», gibt es keine Zweifel: Es kann kaum noch schlimmer werden. Der Tiefpunkt ist erreicht worden. Und egal wie peinlich es ist oder was er auch tun muss, er weiss, dass er es beim Vater sogar als ein Tagelöhner besser hätte. Das einzige, was er braucht ist seine Gnade. Und wie wir wissen, diese bekommt er und zwar im Überschuss: Er bekommt das beste Gewand, einen Ring, Schuhe und ein Fest wird gefeiert – er wird wieder zum Sohn.

Das, was ihm passiert ist und was in dem Gleichnis so bunt geschildert wird, ist sehr menschlich. Er wollte wohl die Welt erkunden, ferne Länder sehen und das Leben ein bisschen geniessen. Und es ist schief gegangen und er ist von seinem Weg abgekommen. Denn das griechische Wort «ἁμαρτία», das wir als «Sünde» übersetzen, ist besser als «Verfehlung» zu verstehen, nämlich, wenn ich das Ziel meines Lebens als Mensch verfehle. Und dies kann leichter passieren als man denkt: Haben Sie sich schon mal bei einer Wanderung verlaufen? Was war der Grund? Bei mir war es oft die glorreiche Idee eine Abkürzung zu nehmen, eine schlechte Karte oder die Überzeugung, der Weg sei doch klar, ich brauche keine Karte. Und genauso leicht kann man auch im wirklichen Leben vom Weg abkommen und irgendwo landen, wo man eigentlich nicht sein will.

Das einzige, was uns dann helfen kann, ist dasselbe, was der verlorene Sohn getan hat: «Er ging in sich». Ja, eine kleine Kontemplation bei den Schweinen. Doch er konnte plötzlich sehen, wie erbärmlich sein Leben wirklich ist, und das war seine Rettung. Die Fastenzeit ist die Gelegenheit für jede und jeden von uns «in sich zu gehen», sich Zeit zu nehmen, und zu schauen, ob wir uns im Leben dort befinden, wo wir sein wollen. Und wenn das nicht der Fall ist, sollten wir heimkehren und zwar zu unserem himmlischen Vater, denn von ihm ging unser Weg aus. Und von ihm haben wir auch die Verheissung, dass wir immer wieder als Töchter und Söhne Gottes empfangen werden. Und das ist keine billige Gnade. Denn wie auch Dietrich Bonhoeffer schreibt: «Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders».

Der grösste Fehler, den wir im Leben machen können ist also nicht der des jüngeren Bruders, sondern der des älteren. Er macht alles richtig, er lebt im Hause des Vaters, aber ohne seine Gnade in Anspruch zu nehmen und ohne Lebensfreude. Dies hat zur Folge, dass er nach und nach verbittert und unglücklich wird. Erst die (in Anführungszeichen) ‹Ungerechtigkeit›, die geschieht als sein jüngerer Bruder heimkehrt, öffnet ihm die Augen und die ganze Bitterkeit kommt raus.

Aus dem Gleichnis erfahren wir leider nicht, wie es dem älteren Bruder später ergangen ist. Vielleicht aus dem Grund, weil wir uns an dieser Stelle als Leser selber Gedanken machen sollten. Ich hoffe natürlich, dass er sich mit seinem Vater und seinem Bruder versöhnen konnte, sich der Gnade geöffnet hat, und von da an auch mit seinen Freunden ein bisschen das Leben gefeiert hat.

Denn die Bibel sagt, wir haben alle gesündigt (Röm 3,23) und gingen alle in die Irre wie Schafe (Jes 53,6). Die Frage ist also nur, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, denn nur wenn wir uns dessen bewusst sind, sind wir auch bereit die Gnade unseres Vaters im Himmel zu empfangen. Ich wünsche uns also allen, dass wir die verbleibende Fastenzeit zu diesem «In-sich-zu-gehen» nutzen und schauen, ob wir uns im Leben irgendwo unterwegs nicht verloren haben.