Von der Dankbarkeit (Mt 6,25–33)

Sorgt euch nicht um euer Leben… (Mt 6,25)

Ich muss gleich am Anfang ein Geständnis machen: Von dem Text aus dem Matthäusevangelium habe ich Ihnen einiges unterschlagen und zwar einen Vers am Anfang und einen am Ende. Und vielleicht sollte ich es erklären, zumal viele Zuhörer gerne die ganze Geschichte hören. Nun die Worte Jesu, die wir heute gelesen haben, stammen aus der berühmten Bergpredigt und damit man ihnen ganz gerecht ist, müsste man, denke ich, eigentlich die ganze Bergpredigt lesen. Das können wir heute leider nicht tun, ich würde aber jedem empfehlen die Kapitel 5–7 aus dem Matthäusevangelium irgendwann komplett zu lesen. Es ist einer der schönsten Texte im Neuen Testament, wo man zum Beispiel auch die Seligpreisungen, die Goldene Regel oder das Vaterunser findet, und – und nun komme ich zu dem Punkt – es ist meines Erachtens ein durchaus fröhlicher Text, auch wenn er sehr kritische Verse beinhaltet: Einige von ihnen können auf den ersten Blick etwas radikal und andere wiederum etwas negativ oder pessimistisch erscheinen. So ist es auch mit dem Vers 24 am Anfang unserer Erzählung und mit dem Vers 34 an ihrer Ende. Aber hören Sie selber, zuerst Vers 24:

Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. [Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht usw.].

Und jetzt Vers 34 am Ende:

Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.

Der Mammon und die Plagen des Alltags haben mit unserem heutigen Thema natürlich auch etwas zu tun, und ich komme darauf später noch zurück, würden der Erzählung aber einen negativen Rahmen verleihen, der gar nicht so zur Bergpredigt passt, und von dem Wichtigsten in der Rede Jesu ablenken und das sind die «Vögel des Himmels» und die «Lilien des Feldes», denn von ihnen sollten wir etwas lernen. Wenden wir unseren Blick also zuerst diesem schönen Bild zu.

Der bekannte dänische Theologe und Philosoph Søren Kierkegaard nennt unseren Text «mein liebes Evangelium» und es gibt keine andere biblische Stelle, die er häufiger zitiert. In der Ikonographie und Kunst begleiten die Vögel und Lilien zusammen mit einem Felsen als Motiv wiederum die ganze Bergpredigt. Und in der Tat atmen diese Naturbilder den Geist der Bergpredigt, der ruhig und zugleich radikal ist. Denn, was Jesus hier verlangt, ist nichts anderes, als dass wir die fundamentalen Sorgen eines Menschen aufgeben: nämlich die Sorgen ums Essen und Trinken und um die Kleidung. Denn es steht dort nicht etwa: ‹Sorgt euch nicht darum, wo ihr wohnt, oder, wie hoch ihre Rente sein wird›, nein: es sind die Nahrung und die Kleidung. Im Grunde also alles – der Leib und die Seele, wie es im Griechischen steht, oder einfach das Leben an sich, wie es unsere Übersetzungen weitergeben. Beispiel sollten wir uns dann an den Vögeln nehmen, die ja auch nicht säen und ernten, und an den Lilien, die ja auch wunderschön gekleidet sind ohne zu arbeiten. Ist es jetzt einfach Hohn oder nur die Naivität eines Predigers, der keine Ahnung vom wirklichen Leben hat? Oder ist es ein poetischer Text, den man – wie ein Gedicht – nicht so wortwörtlich nehmen darf? Ich denke, keine von diesen Möglichkeiten trifft wirklich zu, wobei man mit Hohn und Naivität sehr wahrscheinlich etwas näher liegen würde, denn Jesus scheint es mit den Vögeln und Lilien ernst zu meinen. Die Frage lautet also, wie realistisch diese Forderung der Bergpredigt eigentlich ist, denn, falls sie es nicht ist, ist es wirklich ein Hohn für alle Menschen mit einem Terminkalender und eine Aufforderung zur Naivität oder schlimmer noch: zur Verantwortungslosigkeit. Denn wir alle müssen ja schauen, wie wir über die Runden kommen, und es ist nicht immer einfach. Und im Unterschied zu den Vögeln und Lilien müssen wir eine Steuererklärung machen und unser Leben planen, was notwendigerweise mit sich Sorgen bringt.

Wirklich? Ich glaube nicht. Das Wort ‹Evangelium› bedeutet im Griechischen eine ‹gute Nachricht› und das hier wäre eindeutig eine schlechte. Es würde bedeuten, das wir das Leben genauso bewältigen müssen wie früher, jetzt allerdings mit der Auflage sich nicht Sorgen machen zu dürfen. Doch das Evangelium ist eine gute Nachricht und will uns keine neuen Auflagen machen, sondern uns von den alten befreien – in diesem Fall von all den Sorgen, die sich ein Mensch im Leben nur machen kann. Und es wird uns hier nicht einfach nur gesungen «Don’t Worry Be Happy!», wie in dem Song von Bobby McFerrin, sondern es wird uns erklärt, warum es so ist und Schritt für Schritt gezeigt, wie wir aus diesem Sorgen-Karussell rauskommen können.

Erstens ist es so, dass du dein Leben nicht signifikant verlängern kannst, wenn du dir Sorgen machst. Probleme werden im Leben kommen und wenn du dich sorgst, verdoppelst du sie nur, wie es auch bei Bobby McFerrin steht, und erfahrungsgemäss wirst du dein Leben dadurch sogar verkürzen. Ausserdem bringt jeder Tag neue Probleme oder wie es in dem (von mir unterschlagenen) Vers am Ende der Erzählung heisst: «Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage». Beziehe also nicht deine Probleme im Voraus und zwar dadurch, dass du dich schon heute um morgen und übermorgen sorgst. Das tun die Heiden, nicht die Christen, wie es im Vers 32 steht. Leider verstehen viele diesen Vers so, als ob die Sorge um Nahrung und Kleider irgendeine heidnische Leidenschaft wäre. Und es mag sein, dass man, wenn man das Leben nicht gen Himmel ausrichtet, notwendigerweise mehr mit dem Irdischen beschäftigt ist. Der springende Punkt ist aber ein anderer: Die Heiden beziehungsweise die Völker, wie es im Griechischen steht, können gar nicht anders. Denn im Unterschied zu Israel und zu uns, haben sie keinen Hirten, der sich um sie sorgen würde: Sie sind wie Schafe, die selber schauen müssen, wo sie etwas zum Fressen und Trinken kriegen und wo sie die Nacht verbringen. Dagegen haben wir einen guten Hirten: ‹Er weidet uns auf grünen Auen und führt uns zur Ruhe am Wasser› (Ps 23). Ja, wir haben sogar einen guten Vater, der weiss, dass wir das alles brauchen, und zu dem wir jeden Tag sagen dürfen: «Unser tägliches Brot gib uns heute».

Bereits dieses Wissen und das tägliche Gebet müssten uns also von jeglichen Sorgen des Alltags befreien. Aber ein guter Vater oder eine gute Mutter rufen einfach nicht von weitem her: «Ich bin für dich da, das wird schon!», sondern begleiten ihre Kinder Schritt für Schritt bis sie selber laufen können. So zeigt uns auch Gott in den Evangelien, was wir tun können, damit wir eines Tages zu dieser verheissenen Freiheit und Sorglosigkeit der Kinder Gottes gelangen. 1. Als erstes sollten wir unser Leben neu ausrichten: «Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben». Die ‹irdischen› Sachen gibt es also als Beigabe zu den ‹himmlischen›, du musst dich aber entscheiden, wie du dein Leben ausrichtest, denn andersrum funktioniert es nicht. Deswegen heisst es am Anfang: «Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen» und vorher «Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde». 2. Wenn du dich entschieden hast und dein Leben neu ausgerichtet hast, dann ‹gehe durch das enge Tor und nehme den schmalen Weg› (Mt 7,14). Dies gelingt dir allerdings nur dann, wenn du dich kleiner machst und zwar so klein, dass du zu einem kleinen Kind wirst. Deswegen heisst es auch ein paar Kapitel weiter: «Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen» (Mt 18,3).

Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton, den man vor allem als Autor von Krimigeschichten kennt, illustriert diese veränderte Perspektive in einer schönen Kurzgeschichte, die ich hier sehr verkürzt weitergebe:

Es waren einmal zwei kleine Jungen, Paul und Peter, die lebten vornehmlich im Vorgarten, denn ihr Heim war eine Art Musterhaus. Der Vorgarten besass die gleichen Ausmasse wie der Esstisch; er bestand aus vier Streifen mit Kies, einem quadratischen Rasenstück mit einem Blumenbeet mit einer Reihe roter Gänseblümchen. Eines Morgens spielten sie gerade auf diesem romantischen Fleckchen Erde, als sich der Milchmann, (der natürlich in Wirklichkeit eine Fee war), über die Mauer beugte und den Jungen erwartungsgemäss das Angebot unterbreitete, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen.

Paul nahm das Angebot rasch an und erklärte, lange schon habe er das Verlangen verspürt ein Riese zu sein. Der Milchmann zog einen Zauberstab aus seiner Westentasche und im Nu schrumpfte das Musterhaus mit seinem Vorgarten und stand wie ein winziges Puppenhäuschen vor Pauls gewaltigen Füssen. Paul aber schritt dahin, den Kopf über den Wolken. Als er zum Himalaya kam, erschienen die Berge ihm winzig und ein wenig lächerlich, fast wie das kleine Steinbeet daheim im Garten; und als er bei den Niagarafällen stand, waren diese nicht grösser als der aufgedrehte Wasserhahn zu Hause im Badezimmer. So wanderte er einige Minuten lang um die ganze Welt und suchte nach etwas wirklich Grossem, doch alles, was er fand, war klein und unscheinbar, so dass er sich schliesslich gelangweilt auf fünf Prärien zur Ruhe bettete.

Peter hingegen äusserte die genau entgegengesetzte Bitte, ein Winzling von einem Zentimeter Grösse sein zu wollen, und natürlich ging auch dieser Wunsch unverzüglich in Erfüllung. Plötzlich stand er inmitten einer unendlichen Ebene, die mit dichtem Grün bedeckt war; in gewissen Abständen voneinander aber ragten eigentümliche Bäume in die Höhe, deren Kronen an die Darstellung der Sonne auf symbolistischen Gemälden denken liessen. Weit jenseits davon, am blassen Horizont, konnte der Junge die Konturen eines anderen Waldes ausmachen: Er war grösser und geheimnisvoller und von einer furchtbar roten Farbe, als stünde der Wald für alle Zeiten in Flammen. Peter also begab sich auf eine abenteuerliche Reise über die farbenprächtige Ebene, und bis auf den heutigen Tag ist er immer noch unterwegs zu seinem Ziel.

Der moderne Mensch ist ein unglücklicher Riese geworden, dem die ganze Welt nicht genug ist. Doch glücklich können wir nur werden, wenn wir uns wieder ganz klein machen. Nur dann können wir die ganz kleinen Dinge in unserem Leben sehen, die wir sonst nicht merken oder für selbstverständlich halten würden, und für sie dankbar sein. Nur dann haben wir die Augen für die Vögel und Lilien in unserem Garten offen; und vielleicht auch für eine kleine Hummel oder den Schmetterling.

Ich habe das Glück, dass ich dies bei unserem Sohn Benedikt, der mittlerweile vier Monate alt ist, jeden Tag beobachten kann. Kinder können sich Stunden über Kleinigkeiten freuen und sind jeden Tag für sie unermüdlich aufs Neue dankbar. Und das ist die Lebenseinstellung, die das Evangelium von uns – und für uns – will, wenn Jesus unseren Blick auf die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes lenkt. Die Dankbarkeit ist der königliche Weg der Spiritualität und man findet sie im Herzen jeder Religion, denn von alten Zeiten her waren Menschen – wie wir heute am Erntedankfest – Gott oder dem Göttlichen für die Sonne, den Regen und die Ernte dankbar. Nur der moderne Mensch, der ein Riese geworden ist, denkt, die ganze Welt liege ihm zu Füssen und er muss jetzt noch nach den Sternen greifen. Er hält die Dankbarkeit für überflüssig, hamstert die Nahrung und Kleider im Überfluss, und ist dennoch unglücklich, denn die Sorgen werden dadurch nicht kleiner, sondern grösser.

So höre Mensch den Weckruf des Evangeliums, mache dich kleiner und werde wieder zum Kind. Dann darfst du ‹bitten und es wird dir gegeben; suchen und du wirst finden; anklopfen und es wird dir geöffnet› (Mt 7,7). Und die Dankbarkeit wird dein Leben und schliesslich auch dich verwandeln, wie es auch Haemin Sunim, ein Lehrer des Zen-Buddhismus, in seinem Buch mit dem Titel Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst sehr schöne beschreibt:

Anfangs hat unser Gebet die Form,
«Bitte gewähre mir dies, bitte gib mir das»;
es entwickelt sich dann zu «Danke für alles»
und reift schliesslich zu «Ich möchte sein wie du».