Das ‹Evangelium der Natur›

Der Physiologus als Quelle der abendländischen Symbolik und Theologie

KURZFASSUNG

Mittelalterliche Städte sind auch in der Schweiz voll von verschiedenen Tieren aus Farben, Stein und Glas, die sich in Kirchen und Häusern und an deren Fassaden verstecken. Während es sich bei einigen Tier- und Pflanzenmotiven nur um Verzierungen handelt, bringen andere eine alte religiöse Symbolik mit sich. Diese ist für den heutigen Menschen oft rätselhaft. Zum Teil lässt sie sich mit Hilfe der Bibel entschlüsseln, wie bei dem Lamm, das im Neuen Testament Jesus bezeichnet, oder bei der Taube, die den heiligen Geist symbolisiert (vgl. Johannesevangelium 1,29.32). Dies ist allerdings nicht immer der Fall. Denn was hat das Einhorn mit der Jungfrau Maria oder der Pelikan mit Christus zu tun? Die Suche nach der Antwort führt in diesem Fall durch das ganze christliche Mittelalter bis ins antike Ägypten, zu einer kleinen frühchristlichen Schrift mit dem Namen Physiologus (der Naturkundige). Dieses kleine Buch, das wohl um das Jahr 200 n.Chr. im ägyptischen Alexandrien verfasst wurde, enthält allegorische Deutungen von Tieren, Pflanzen und Steinen, wobei es nicht nur biblische, sondern auch pagane Motive aufgreift. Der so entstandene Physiologus ist die Urquelle der christlichen theologia naturalis (natürlichen Theologie), denn mit ihm beginnend wird die ganze Schöpfung als ein Buch betrachtet, das Christus verkündigt, als ein Evangelium der Natur. Im Mittelalter wurde der Physiologus dann in Form der gut bekannten Bestiarien im ganz Europa verbreitet und hat nachhaltig die Heraldik, Kunst und Literatur geprägt.

Einführung

Wie ein aufmerksamer Beobachter leicht feststellen kann, sind sie in einer mittelalterlichen Stadt, wie Bern, Basel oder Zürich, praktisch allgegenwärtig – Tiere aus Farben, Stein und Glas. Gross und klein verstecken sie sich nicht nur in Kirchen und Häusern und an ihren Fassaden, sondern auch an Türen, Brunnen, auf Fahnen oder Wappen. Doch woher kommen sie und was bedeuten sie?

Viele Tier- oder Pflanzenmotive sind einfach nur eine Verzierung. Bei anderen liegt die Symbolik wiederum auf der Hand, wie bei dem Bären in Bern oder dem Basilisken in Basel. Bei einigen ist es schon etwas komplizierter, doch auch hier können die Beobachter, die noch die Sonntagsschule besucht haben und/oder die Bibel kennen, ihrer Bedeutung relativ leicht auf die Spur kommen, wie bei dem Lamm, das im Neuen Testament Jesus bezeichnet, oder bei der Taube (Abb. 6), die den heiligen Geist symbolisiert (Joh 1,29.32). Dann gibt es aber auch solche Tiere, wo auch die besten Bibelkenntnisse nicht weiterhelfen und die Bedeutung rätselhaft ist, wie z.B. das Einhorn (Abb. 2) oder der Pelikan (Abb. 7). Der Ursprung ihrer Symbolik scheint heute längst vergessen zu sein und nur wenige Fachleute wissen, dass ihre Quelle im alten Ägypten zu suchen ist, in einer kleinen griechischen Schrift mit dem etwas rätselhaften Namen Physiologus. Dort sind nicht nur das Einhorn oder der Pelikan und all die anderen exotischen Tiere und Mischwesen zu finden, wie z.B. der Phönix (Abb. 8) oder die Sirenen und Kentauren (Abb. 4–5), die alle seit dem Mittelalter bei uns heimisch geworden sind, sondern auch die ganz üblichen Tiere, wie der Hirsch oder das Wiesel, die allerdings oft exotische Eigenschaften mit sich bringen: Der Hirsch tötet Schlangen mit Wasser und das Wiesel gebiert seine Jungen durch die Ohren. Um diese alte Symbolik zu verstehen muss man sich auf eine Reise begeben, und zwar durch das ganze christliche Mittelalter bis ins antike Ägypten. Die folgenden Seiten wollen den Leser auf die Reise zu dieser vergessenen Quelle der abendländischen Symbolik und Theologie ein Stück mitnehmen.

Das Evangelium der Natur

Seitdem sich Menschen überhaupt eine Frage nach Gott stellen, sind sie sich auch darüber relativ einig, dass sich Gott – oder die Götter oder das Göttliche – nicht nur im Tempel oder in den heiligen Schriften offenbart, sondern auch in der Natur. Die Natur stellt den ältesten ‹Tempel› Gottes dar und die sog. theologia naturalis (natürliche Theologie) gehört schon seit der Antike zur Theologie.1 Dies ist auch in der christlichen Tradition der Fall: «Der Himmel erzählt die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet das Werk seiner Hände», schreibt der Psalmist (Ps 19,2), und «was von ihm unsichtbar ist, seine unvergängliche Kraft und Gottheit, wird seit der Erschaffung der Welt mit der Vernunft an seinen Werken wahrgenommen», kann man im Brief des Paulus an die Römer lesen (Röm 1,20a). Der dreieinige Gott offenbart sich also nicht nur im ‹Buch der Bücher› (der Bibel), sondern auch im ‹Buch der Schöpfung› (der Natur), und die natürliche Theologie stellt bis heute einen integralen Bestandteil der christlichen Theologie dar.

Der erste christliche Autor, der das Geheimnis der Offenbarung Christi in der Natur literarisch und theologisch aufgreift, ist der Autor der oben erwähnten Schrift Physiologus, deutsch: der «Naturkundige». Gemeint ist allerdings nicht ein Naturwissenschaftler im modernen Sinne, sondern einer, der die Natur sowohl naturwissenschaftlich als auch theologisch deuten kann, denn die Naturwissenschaft und Theologie waren in der Antike fest verwoben. Das kleine Buch, das wohl um das Jahr 200 n.Chr. im ägyptischen Alexandrien verfasst wurde und am Anfang 48 Kapitel umfasste, enthält allegorische Deutungen von Tieren, Pflanzen und Steinen, wobei es nicht nur biblische, sondern auch pagane (ägyptische und griechische) Symbolik aufgreift. Das theologische Fundament des Werkes bildet allerdings die Überzeugung, dass Christus nicht nur der Schlüssel zum Verständnis der heiligen Schriften (des Alten Testamentes) ist, sondern auch der Natur (griechisch: Physis). Denn durch Christus als ‹Wort› (griechisch: Logos) wurde die ganze Welt geschaffen, wie es in Anspielung an das Buch Genesis am Anfang des vierten Evangeliums heisst (Joh 1,3). Hiermit wird nun die ganze Schöpfung zu einem ‹Buch›, das Christus verkündigt, einem Evangelium der Natur.

Die Natursymbolik im Lichte der Theologie

Übernehmen in Fabeln Tiere die Rolle der Menschen, um die Moral der Geschichte zu illustrieren,2 werden sie im Physiologus zur Allegorie der (theologischen) Wahrheit. Es gibt aber noch einen wichtigen Unterschied zwischen dem Physiologus und den Tierfabeln: Während Fabeln fiktionale Erzählungen sind, liegen dem Physiologus Naturbeobachtungen zugrunde. Die Tiere spielen zwar auch hier die Rolle der Menschen, des Christus oder des Teufels, doch eher wie in einem antiken Theater, wo die Natur die Bühne darstellt. In dieser Hinsicht steht der Physiologus vielmehr dem Orakelwesen nahe, wie z.B. der Vogelschau. Die Natur wird hier aber nicht zum Orakel, sondern zum theologischen Lehrbuch. Dieses lädt die Christen dazu ein, die Natur genau zu beobachten – natürlich mit der heiligen Schrift in der Hand. Denn die Offenbarung Christi in der Natur und in der Schrift ergänzen sich hier auf eine wundersame Art und Weise.

Ein typisches Kapitel dieses kleinen Buches beginnt oft mit einem Schriftzitat, meistens aus dem Alten Testament, und nach diesem folgt die Naturbeobachtung des Physiologus. Als Beispiel kann man das 22. Kapitel «Vom Einhorn» nehmen:3

Der Psalmist sagt: «Und mein Horn wird erhöht werden wie das eines Einhorns» (Ps 92,11).4 Der Physiologus sagte vom Einhorn, dass es folgende Eigenheit habe: Es ist ein kleines Tier, ähnlich einem Böcklein, ist aber sehr hitzig; ein Jäger kann sich ihm nicht nähern, weil es sehr stark ist; es hat aber ein Horn mitten auf seinem Kopf. Wie nun wird es gefangen? Eine reine, schön gekleidete Jungfrau setzen sie vor ihm nieder, und es springt ihr auf den Schoss, und die Jungfrau nährt das Tier und bringt es dem König in den Palast.

Umberto Eco bemerkte zu den Naturbeobachtungen des Physiologus einmal treffend: «Man sollte annehmen, daß er präzise über die dem Autor bekannten [Tiere] und mit wuchernden Phantasie über die redet, die dieser nur vom Hörensagen kennt; daß er also ein scharfes Bild von der Krähe und ein unscharfes vom Einhorn entwirft. Doch seine Beschreibung ist in beiden Fällen gleich detailliert und gleich unzuverlässig.»5

Das Einhorn oder der Phönix sind für den antiken Leser zwar seltene Tiere, aber keine Fabelwesen wie für die meisten heutigen Leser. Und es gibt in dieser Schrift auch präzise Beschreibungen der Naturvorgänge, die entweder auf reale Naturbeobachtungen oder auf die antike Naturwissenschaft (z.B. Aristoteles) zurückzuführen sind. Doch die Imagination gehört hier zur Wirklichkeit und die Natur wird eher als ein Kunstwerk betrachtet – es geht vor allem um die Botschaft bzw. die allegorische Deutung, die sich aus dieser Naturbeobachtung ergibt:

Das Tier nun wird als Symbol unseres Erlösers gedeutet:6 «Er erweckte nämlich ein Horn im Hause Davids, unseres Vaters» (Lk 1,69), und es ist uns zum Horn des Heiles geworden. Engel und Mächte vermochten ihn nicht zu überwinden, sondern er nahm Wohnung im Leib der wahrhaft reinen Jungfrau Maria [der Gottesgebärerin], «und das Wort ist Fleisch geworden, und es wohnte unter uns» (Joh 1,14).

Die Geschichte vom Einhorn und seiner Jagd lehrt uns etwas über das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Dies ist auch in anderen Kapiteln des Physiologus der Fall: Der Pelikan, der seine Jungen mit eigenem Blut zum Leben erweckt, wird zum Symbol der Liebe Gottes und des Abendmahls (Kap. 4), der Adler zum Symbol des neuen Lebens und der Taufe (Kap. 6), und die Elefanten zum Symbol von Adam und Eva und dem Fall der Menschheit (Kap. 43).

Das Erbe des Physiologus

Der griechische Physiologus war von Anfang an überaus beliebt und ausser der Bibel wurde kein Buch der antiken christlichen Literatur häufiger übersetzt, vom Lateinischen bis ins Isländische. Zu den bekanntesten lateinischen Übersetzungen gehört auch der sog. Physiologus Bernensis (Cod. 318 der Burgerbibliothek Bern) aus dem 9. Jhdt. (Abb. 1–2), der die älteste (und fast einzige) illustrierte Handschrift eines Physiologus darstellt.7 Im Mittelalter wurde der Physiologus dann in einer neuen Form der gut bekannten Bestiarien in ganzem Europa verbreitet8 und hat nachhaltig die abendländische Heraldik, Kunst und Literatur geprägt. Die ursprüngliche Quelle der Bestiarien, der griechische Physiologus, ist dabei allerdings über die Jahrhunderte vergessen worden. Das laufende SNF-Projekt an der Universität Bern «Das ‹Evangelium der Natur›. Der griechische Physiologus und die Wurzeln der frühchristlichen Naturdeutung» setzt es sich deswegen zum Ziel, die Wurzeln dieser alten Natursymbolik wieder aufzudecken und dem heutigen Leser einen Schlüssel zu ihrem Verständnis anzubieten.9

[KGS Forum 27 (2016), 14–20]

LITERATUR

CURLEY, Michael J., 2009: Physiologus. A Medieval Book of Nature Lore. Chicago.
PASTOREAU, Michael, 2013: Das mittelalterliche Bestiarium. Darmstadt.
SBORDONE, Francesco, 1936: Physiologus. Rom.
SEEL, Otto, 1960: Der Physiologus. Tiere und ihre Symbolik. Zürich.
SCHMIDT, Heinrich; SCHMIDT, Margarethe, 2007: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel- und Mariensymbolik. München.
SCHÖNBERGER, Otto, 2001: Physiologus. Griechisch/Deutsch. Stuttgart.
TREU, Ursula, 1981: Physiologus. Naturkunde in frühchristlichen Deutung. Hanau.
ZUCKER, Arnaud, 2004: Physiologos. Le bestiaire des bestiaires. Grenoble.

ABBILDUNGEN
Abb. 1: Der «König der Tiere» am Anfang des Physiologus Bernensis, © 2012 Burgerbibliothek Bern, Cod. 318, f. 7r (www.e-codices.unifr.ch).
Abb. 2: Einhorn. Physiologus Bernensis, © 2012 Burgerbibliothek Bern, Cod. 318, f. 16v (www.e-codices.unifr.ch).
Abb. 3: Elefant, Basler Münster (Foto: © 2015 B. Kindschi).
Abb. 4: Kentaur, Basler Münster (Foto: © 2015 B. Kindschi).
Abb. 5: Sirene, Berner Münster (Foto: © 2014 B. Kindschi).
Abb. 6: Taube, Berner Münster (Foto: © 2014 B. Kindschi).
Abb. 7: Pelikan, Christkatholische Kirche St. Peter und Paul (Foto: © 2011 P. Feenstra)
Abb. 8: Phönix, Lösch-Brunnen Bern (Foto: © 2014 B. Kindschi).
Abb. 9: Adler (als Symbol des Evangelisten Johannes), Berner Münster (Foto: © 2014 B. Kindschi).
Abb. 10: Löwe, Berner Münster (Foto: © 2014 B. Kindschi).
Fussnoten
  1. Neben der Theologie der ‹Dichter› und der Theologie der ‹Staatsmänner›; vgl. die Aufteilung von Varro, 116–27 v.Chr.
  2. So z.B. in den berühmten Fabeln des Äsop, ca. 6. Jhdt.v.Chr.
  3. Die folgende Übersetzung stützt sich im Wesentlichen an O. Schönberger (2001).
  4. Ps 91,11 LXX. Der Physiologus verwendet die griechische Übersetzung des Alten Testamentes, die Septuaginta (LXX). Der heutige Leser findet das «Einhorn» in seiner Bibel also nicht, zumal die meisten modernen Übersetzungen nur dem hebräischen Text folgen.
  5. ECO, Umberto, 2007: Kunst und Schönheit im Mittelalter‎, S. (79–115) 98. München.
  6. Wörtlich: «Das Tier trägt nun das Gesicht unseres Erlösers» – wie eine Maske im antiken Theater.
  7. Das Digitalisat kann man sich in der virtuellen Handschriftenbibliothek der Schweiz (e-Codices) anschauen: http://www.e-codices.unifr.ch/de/searchresult/list/one/bbb/0318.
  8. Siehe z.B. das Aberdeen Bestiary: http://www.abdn.ac.uk/bestiary/.
  9. Weitere Informationen bietet die Webseite des SNF-Projektes: http://www.physiologus.unibe.ch.

Schloss Gottlieben (TG)

Ein Gefängnis des böhmischen Reformators Jan Hus

«Nomen atque omen quantivis iam est preti [Name, wie Bedeutung, ist schon jeden Preis wert]» besagt eine alte Redewendung (Plautus, Persa, 625) und so kann man fragen, was es wohl bedeute, wenn ein Ort seit dem 10. Jhdt. «bei den Gott wohlgefälligen Leuten» gennant wird [6], also «Gotiliubon», heute Gottlieben. Diesen Namen belegt schon die zwischen 1134 und 1156 verfasste Chronik des Klosters Petershausen, die das von einer Edelfrau dem Hl. Gebhard vermachte «prædium» (Gut) bei «Tegirwilare» (Tägerwilen) und «Gotiliubon» erwähnt. Am Anfang der Geschichte von Gottlieben stehen also in der Tat Gott wohlgefällige Leute. Und doch ist der Name heute nicht ganz frei von Ironie, denn in die Geschichte ist Gottlieben vor allem als Gefängnis der Diener Gottes eingegangen.

Bischofsburg

Die mit ca. 40 Hektaren und 300 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden der Schweiz, ist nur zwei Autostunden von Bern entfernt und liegt ca. 4 km westlich von Konstanz (D) / Kreuzlingen (TG), am Ufer des Seerheins, der den Obersee mit dem Untersee verbindet. Im Hinblick auf die Wasserwege besitzt Gottlieben also von Natur aus eine strategisch günstige Lage. Diese Lage und die Streitigkeiten mit den Bürgern von Konstanz haben den Konstanzer Bischof Eberhard II. von Waldburg wohl dazu geführt, dass er sich im Jahre 1251 entschieden hat, hier eine Wasserburg zu bauen und eine Stadt zu gründen, die für eine kurze Zeit sogar mit einer Brücke mit anderem Ufer verbunden war. Gottlieben war also als eine Konkurrentin zu der abtrünnigen Stadt Konstanz geplant. Doch nachdem Bischof Eberhard II. den Streit mit den Konstanzer Bürgern gewonnen hat, ist sein Interesse an Gottlieben verloren gegangen und er liess die Brücke über den Seerhein abreissen. Gottlieben wurde also nie zu einer Stadt, die Burg ist aber für mehr als 500 Jahre eine Residenz der Konstanzer Bischöfe geworden.

Gefängnis

Bekannt wurde das Schloss Gottlieben allerdings vor allem als bischöfliches Gefängnis. Das bezeugt bereits eine der ältesten Darstellungen aus der eidgenössischen Chronik des Luzerners Diebold Schilling (1508), wo vier eingekerkerte Kleriker aus dem Gefängnis fliehen (Abb. 1). In die europäische Geschichte ist Gottlieben dann dank dem Konstanzer Konzil (1414–1418) eingegangen, zumal hier vom März bis Juni 1415 der böhmische Reformator Jan Hus eingekerkert war, bevor er am 6. Juli 1415 in Konstanz als Ketzer verbrannt wurde. Dies beschreibt ca. 1417 der Bericht des Peter von Mladoniowitz [5: 88–89]:

Indessen entwich am Mittwoch vor dem Palmsonntag, wie es hieß, um drei Uhr nachts, Papst Johannes XXIII. […]. Ihm folgten darauf seine Vertrauten und die Wachen genannten Magisters Johannes, und sie übergaben die Schlüssel des genannten Kerkers, in dem der Magister festgehalten war, dem König und, wie es hieß, dem Konzil, wobei sie sich selbst von der Bewachung des Magisters Hus fürderhin entlasteten. Und als der König mit dem Konzil die Schlüssel entgegengenommen hatte — und zwar am Palmsonntag [24.3.1415] —, übergab er sie dem Bischof von Konstanz, damit er den Magister in seine Gewalt nähme […] und der Bischof gab den Magister in der gleichen Nacht an Bewaffnete weiter, damit sie Magister Johannes auf seine Veste oder Burg brächten. Und nach Übernahme des Magisters setzten ihn die Bewaffneten in Fesseln bei Nacht in einen Kahn und brachten ihn oder fuhren mit ihm auf dem Rhein bis zur Burg des genannten Konstanzer Bischofs, nach Gottleben, die von Konstanz eine Viertelmeile entfernt ist. In dieser Burg lag er vom Palmsonntag an in einem Turm, der aber luftig war, im oberen Teil, in Fesseln einhergehend und nachts mit eiserner Handfessel an die Wand in der Nähe des Bettes gekettet und somit immer in Fesseln bis zum Zeitpunkt seiner Rückführung nach Konstanz.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade der abgesetzte Papst Johannes XXIII. (Balthasar Cossa), dessen Flucht aus Konstanz die Verlegung von Hus nach Gottlieben verursachte, dort am 3. Juni 1415 den anderen Johannes ablöste [7: 93, fol. 48v]. Ein dritter prominenter Gefangene war dann 1454 der Chorherr Felix Hemmerli aus Zürich [1: 188]. Dass hier auch Hieronymus von Prag festgehalten wurde († 30. Mai 1416, Konstanz), wie Ulrich von Richental in seiner Chronik erzählt [7: 100, fol. 56r], stimmt dagegen nicht [4: 133]. Die kirchengeschichtliche Bedeutsamkeit des Ortes ist hiermit vor allem mit dem Namen seines Prager Universitätskollegen Jan Hus verbunden, der hier fast drei Monate in einem der Türme eingekerkert war. Der im Westturm erhaltene «Hus-Kerker» (Abb. z.B. [1: 189]) – ein hölzernes Blockgefängnis – sollte daran noch erinnern; (allerdings widerspricht diese Art des Kerkers dem Bericht des Peter von Mladoniowitz).

Pilgerort

Jedenfalls ist Gottlieben – ähnlich wie der Konstanzer «Hussenstein» (Husův kámen) aus 1862 – zum wichtigen hussitischen Pilgerort geworden, wo des böhmischen Reformators gedacht wird, wie im letzten Jahr zu seinem 600. Todestag [3], in dem Gottlieben dank 30 Künstlerinnen und Künstlern eine Weile sogar den tschechischen Namen «Bohumilov» (= Gottlieben) trug [8]. Die Türme mit dem Hus-Gefängnis sind im Grunde auch das Einzige, was aus dem mittelalterlichen Schloss Gottlieben erhalten blieb. Denn das Schloss wurde 1836–1838 von Prinz Louis Napoleon (III.) und seiner Mutter Hortense de Beauharnais, die bereits in dem nicht weit entfernten Schloss Arenenberg zuhause waren, im grossen Stil umgebaut [1: 190–192] und erinnert seither an einen venezianischen Palazzo (Abb. 2). Heute wird das Schloss von der Tochter der Schweizer Opernsängerin Lisa della Casa bewohnt und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der ‹Hus-Turm› ist aber vom Wanderweg, wo auch eine Informationstafel mit der Geschichte des Schlosses steht, gut zu sehen (Abb. 3). Ein Besuch in diesem kleinen ‹Gott lieben› Ort bei Konstanz, die in die europäische Geschichte eingegangen ist, lohnt sich aber auf jeden Fall – und das nicht nur für Hussiten.

[Kürzere Version des Artikels: Theologisch bedeutsame Orte in der Schweiz | konstruktiv N° 40 / 2016, 15]

Literatur
  1. R. Abegg/P. Erni/A. Raimann, Rund um Kreuzlingen, Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau 8, Bern 2014, (174–215) 187–199.
  2. E. Bächer, Gottlieben. Informationen zur Geschichte, Kreuzlingen 2001, 36–42.
  3. B. Bergmann, Einsatz für eine glaubwürdige Kirche, in: News (2015), http://www.evang-tg.ch/meta/news/newsdetail/artikel/2015/jul/einsatz-fuer-eine-glaubwuerdige-kirche.html.
  4. D. Gügel, Schloss Gottlieben – Festung, Palast, Kerker, in: S. Volkart (Hg.), Rom am Bodensee. Die Zeit des Konstanzer Konzils, Der Thurgau im späten Mittelalter 1, Zürich 2014, 131–134.
  5. P. v. Mladoniowitz, Hus in Konstanz. Der Bericht des Peter von Mladenowitz, hrsg. v. J. Bujnoch, Slawische Geschichtsschreiber 3, Graz/Wien/Köln 1963.
  6. E. Nyffenegger/O. Brandle, Die Siedlungsnamen des Kantons Thurgau, Thurgauer Namenbuch 1.1 (A-I) – 1.2 (K-Z), Frauenfeld 2003, https://www.ortsnamen.ch.
  7. U. v. Richental, Augenzeuge des Konstanzer Konzils. Die Chronik des Ulrich Richental, hrsg. v. M. Küble/H. Gerlach, Darmstadt 2014.
  8. J. Wipfler, Im zweitkleinsten Schweizer Dorf wird die Grenze zur Kunst, in: SRF Kultur (2014), http://www.srf.ch/kultur/kunst/im-zweitkleinsten-schweizer-dorf-wird-die-grenze-zur-kunst.
Links
  1. Gottlieben: http://www.gottlieben.ch
  2. Konstanzer Konzil: http://www.konstanzer-konzil.de
  3. Napolenmuseum Arenenberg: http://www.napoleonmuseum.tg.ch
Bilder
Abb. 1: Zur Fasnachtszeit entweichen vier eingekerkerte Priester mit Hilfe von Stricken aus dem bischöflichen Gefängnis im Schloss Gottlieben (1508). Eidgenössische Chronik des Luzerners Diebold Schilling (Luzerner Schilling), S 23 fol., 546. © 2015 Luzern, Korporation Luzern (http://www.e-codices.unifr.ch/de/kol/S0023-2/546).
Abb. 2: Das Schloss Gottlieben heute – Blick vom Seerhein. © 2014 groeche (Adobe Stock).
Abb. 3: Der ‹Hus-Turm› – Blick vom Wanderweg. © 2016 Bettina Kindschi.